Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 geraten Syriens Alawiten zwischen politische Vergeltung, religiöse Feindseligkeit und kollektive Schuldzuweisungen – eine Minderheit, die einst geschützt war und nun existenziell bedroht ist.
Obwohl die alawitische Gemeinschaft in Syrien oft als Teil des breiteren islamisch-schiitischen Spektrums eingeordnet wird, unterscheiden sich ihre Glaubensüberzeugungen erheblich vom Mainstream-Schiismus. Im Verlauf der islamischen Geschichte litten die Alawiten unter Verfolgung durch aufeinanderfolgende Herrschaften – Umayyaden, Abbasiden, Mamelucken und Osmanen.
Islamische Fatwas wurden häufig eingesetzt, um ihre Ausgrenzung oder sogar ihre Auslöschung zu rechtfertigen. Dies zwang viele Alawiten dazu, ihren Glauben zu verbergen oder sich im Rahmen einer Schutzstrategie einer säkularen, linken und nationalistischen Identität zuzuwenden.
Mit der Machtübernahme von Hafiz al-Assad im Jahr 1970 gelangten Alawiten aus ihrer zuvor marginalisierten Stellung in einflussreiche Positionen in Armee, Sicherheitsapparat und öffentlichem Dienst. Um seine Herrschaft gemäß der syrischen Verfassung religiös zu legitimieren, versuchte Assad, die Alawiten stärker im schiitisch-islamischen Umfeld zu verankern.
Die religiös-politische Neuverortung unter Assad
Eine weit verbreitete Darstellung besagt, der libanesische schiitische Geistliche Musa al-Sadr (1928–1978?) habe eine Fatwa erlassen, die die Alawiten als Muslime der Jaʿfari-Rechtsschule anerkenne. Obwohl hierfür keine verlässlichen dokumentarischen Belege existieren, verlieh diese Erzählung der religiösen Position des Assad-Regimes symbolische Legitimität und stärkte zugleich Assads Beziehungen zu Teheran.
Im Laufe der Zeit wurde diese religiös-politische Ausrichtung zu einem Eckpfeiler der Regimelegitimität und verankerte die Alawiten sowohl als Säule der Macht als auch als Ziel sektiererischer Feindseligkeiten. Die Bemühungen des Regimes, den schiitischen Glauben in alawitischen Gebieten in begrenztem Umfang zu verbreiten, blieben jedoch erfolglos.
Nach dem Sturz des Regimes am 8. Dezember 2024 betrachtet die Mehrheit der Syrer die Alawiten kollektiv als mitschuldig an den Verbrechen der Assad-Herrschaft – unabhängig von individuellen Handlungen oder den Zwängen politischer Loyalität. Diese Wahrnehmung befeuert Racheakte und kollektive Bestrafungen.
Massaker, Entführungen und Vertreibungen
Im März 2025 wurde über Massenmorde und koordinierte Massaker in den Provinzen Latakia, Tartus, Homs und Hama berichtet, bei denen alawitische Zivilisten systematisch ins Visier genommen wurden. Bewaffnete Gruppen drangen in Häuser ein und exekutierten Männer, Frauen und Kinder, nachdem sie deren alawitische Zugehörigkeit erfragt hatten.
Auch in Damaskus wurden Entführungen alawitischer Männer aus verschiedenen Stadtteilen dokumentiert; viele wurden entweder zum Militärdienst gezwungen oder hingerichtet. In den Vororten der Hauptstadt kam es zu gewaltsamen Vertreibungen, häufig unter dem Vorwand, die betroffenen Immobilien hätten zuvor dem Regime oder dessen Sicherheitsdiensten gehört.
Zusätzlich wurde über Fälle alawitischer Frauen berichtet, die entführt wurden oder spurlos verschwanden, ohne dass zuverlässige Ermittlungen eingeleitet wurden. In Gebieten, die von dschihadistischen Gruppen kontrolliert wurden, wurden alawitische Heiligtümer und religiöse Stätten verwüstet oder zerstört.
Sektiererische Parolen, die zur Auslöschung der Alawiten aufriefen, verbreiteten sich sowohl in sozialen Medien als auch in ganzen Ortschaften. Tausende Alawiten suchten daraufhin Zuflucht im Libanon.
Der einstige Alawiten-Schutz als Hypothek
Die Strategie des Assad-Regimes, die alawitische Identität eng mit der schiitischen „Widerstandsachse“ zu verknüpfen, bot einst Schutz, wurde jedoch nach dem Zusammenbruch des Regimes zu einer schweren Belastung. Sie setzte die gesamte Gemeinschaft kollektiven Schuldzuweisungen, Racheakten und religiöser Verfolgung aus.
Alawiten werden im Syrien des Regimes von Ahmed al-Scharaa verfolgt, weil man sie als Fundament und Helfer der Assad-Herrschaft und des mit ihr verbündeten Iran betrachtet – und weil sie radikalen sunnitischen Gruppen als Ketzer gelten.
Um dieser anhaltenden Bedrohung zu begegnen, müssen die Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen sowie lokale zivilgesellschaftliche Akteure Mechanismen einrichten, um Verbrechen an Alawiten systematisch zu dokumentieren. Lokale Komitees aus alawitischen Vertretern und neutralen internationalen Akteuren käme die wichtige Rolle zu, den Schutz der Zivilbevölkerung sicherzustellen, zerstörte Häuser wiederaufzubauen.
Gleichzeitig müssen grundlegende Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Bildung und wirtschaftliche Unterstützung wiederhergestellt werden. Schließlich hat die syrische Regierung sicherzustellen, dass Alawiten verfassungsmäßig und institutionell in jede zukünftige Regierungsstruktur eingebunden werden – mit garantierter Gleichberechtigung und politischer Teilhabe in einem Rechtsstaat.


