Ansteckende Freude nach lebensgefährlicher Flucht

Klassische Tänze, eindrückliche Lebensgeschichten und Gesangsaufführungen: Die Kinder des Mädchenheims in Bhubaneswar strahlten mit ihren Darbietungen eine Zuversicht aus. Dabei flohen sie vor siebeneinhalb Jahren unter Lebensgefahr aus Kandhamal vor den Hindu-Extremisten.

Das provisorische Mädchenheim in Bhubaneswar (Hauptstadt im Bundesstaat Odisha) war festlich geschmückt. Die CSI-Vertreter Inés Wertgen und Reto Baliarda wurden bei ihrer Ankunft vom Heimleiter-Paar Basanta und Susila Digal herzlich begrüsst. Der Anblick der Festbühne war beeindruckend. CSI-Partner Ashish Parichha (Indian Evangelical Association IEA), das Heimleiter-Paar und ihr Team hatten keinen Aufwand gescheut, um ein grossartiges Jahresfest auf die Beine zu stellen.

Beeindruckend und aufwühlend

Bei den anschliessenden Darbietungen der 70 Heimbewohnerinnen reihte sich ein Höhepunkt an den andern. Die Mädchen präsentierten klassische indische und auch moderne Tänze auf einem hohen Niveau. Herzergreifend war, wie sich ein zehnjähriges Mädchen in gutem Englisch – das im Heim unterrichtet wird – vorstellte. «Mein Lieblingsfach ist Englisch», bemerkte sie mit Freude. Zudem zeigte sie sich unendlich dankbar, dass sie nach der lebensgefährlichen Flucht aus Kandhamal im Heim aufgenommen wurde.

Bei den gesanglichen Aufführungen wurde wohl manch einer von den Gefühlen übermannt. Die Interpretation von «Give thanks with a grateful heart» des Mädchenchors überzeugte nicht nur, sondern zeigte auch, welch starken Glauben, Kraft und Hoffnung die Mädchen durch die liebevolle Betreuung im Heim erlangt haben. Ausserdem erhalten sie eine umfassende Schulbildung und können so eine wichtige Basis für ihre Zukunft legen.

Die Intervention der Retter

Die Darbietungen der Mädchen selbst waren eine riesige Ermutigung. Dies vor allem, wenn man bedenkt, welch extreme Schicksalsschläge sie erleiden mussten.

Es war im August 2008, als ein Mob von Hindu-Extremisten christliche Dörfer im Distrikt Kandhamal angriff und etwa 100 Menschen tötete. Viele der Mädchen mussten mitansehen, wie ihre Eltern massakriert wurden. Tagelang hielten sie sich im Wald vor dem Mob versteckt und litten Todesängste.

Dass dieselben Mädchen nun siebeneinhalb Jahre später Freude und Optimismus ausstrahlen, ist insbesondere Basanta und Susila Digal zu verdanken. Als die beiden selbst flohen, sahen sie, wie viele Mädchen hilflos herumirrten. Durch diesen schmerzlichen Anblick entwickelten die beiden die Vision eines Heims für Waisenmädchen. Bald nachdem Basanta und Susila Digal Bhubaneswar erreicht hatten, eröffneten sie ein Mädchenheim, das von anfänglich 25 auf 70 Bewohnerinnen gewachsen ist.

Noch dieses Jahr wird CSI für die Mädchen in Kandhamal ein neues Heim bauen und eröffnen. Basanta und Susila Digal werden das Heim für insgesamt 100 Mädchen leiten (siehe Kästchen). Auf ihre Tätigkeit im Neubau freuen sie sich: «Kinder sind die Zukunft unseres Landes», weiss Basanta Digal.

Reto Baliarda


Auf der Flucht zur Welt gekommen

Nach dem Jahresfest sprach Inés Wertgen mit Pavani*. Ihre Tochter Raveena* war 2008 während der Flucht aus Kandhamal nach Bhubaneswar zur Welt gekommen. Raveenas Vater erlag 2014 einem Krebsleiden. Da Pavani arbeitslos ist und ihre Kinder nicht ausreichend versorgen kann, wurde Raveena im Juni 2015 im Mädchenheim aufgenommen.

Ihren Sohn sieht Pavani nicht. Er lebt bei den Grosseltern in Kandhamal, und dorthin wird sie kaum zurückkehren. Denn nach dem Massaker von 2008 wurde ihr Grundstück von den Hindu-Extremisten beschlagnahmt. Auch die Familie ihres verstorbenen Mannes wurde enteignet. Zwar versucht die Familie, an die Urkunde des Grundstücks zu kommen, die ihnen ebenfalls entwendet wurde. Doch die Aussichten, dass die Familie oder auch Pavani selbst ihr Land zurückbekommen, sind schlecht.

Raveena wird mit den anderen Mädchen im neuen Heim in Kandhamal wohnen können.


Regierungsbeschluss fordert Umzug nach Kandhamal

Aufgrund eines Regierungsbeschlusses müssen Waisenkinder in einem Heim untergebracht werden, das in ihrem Herkunfts-Distrikt liegt. Da alle Mädchen aus dem Distrikt Kandhamal stammen, wird CSI dieses Jahr das neue Heim dort an einem sicheren, zentralen Ort bauen. Zudem ist es für die Mädchen sinnvoll, in ihrer Heimat zu leben und so nahe bei ihren noch lebenden Verwandten zu sein. In Indien ist der Familienzusammenhalt sehr wichtig. Dieser gewährt den Mädchen Sicherheit und Schutz.

* Namen geändert

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