Aserbaidschan hat vier armenische Zivilisten freigelassen, die während der Eroberung Bergkarabachs von 2020 bis 2023 in Gefangenschaft geraten waren. Unter den Freigelassenen ist auch Vicken Euljekjian. Mindestens 20 weitere Armenier befinden sich noch in Haft in Baku.
Die Freilassung der vier Armenier wurde am 14. Januar 2026 vom armenischen Premierminister Nikol Paschinjan bekannt gegeben. „Gevorg Sujyan, Davit Davtyan, Vicken Euljekjian und Vagif Khachatryan wurden von Vertretern der zuständigen Behörden der Republik Aserbaidschan an der Hakari-Brücke übergeben und befinden sich nun auf dem Territorium der Republik Armenien“, erklärte Paschinjan in einem Facebook-Beitrag.
Bei allen vier handelt es sich um Zivilisten. Die humanitären Helfer Sujyan und Davtyan sowie Vicken Euljekjian waren nach dem Waffenstillstand im November 2020 von aserbaidschanischen Kräften festgenommen worden. Der 70-jährige Vagif Khachatryan wurde während der aserbaidschanischen Blockade im Jahr 2023 aus einem Krankenwagen des Roten Kreuzes entführt, als er zur medizinischen Behandlung nach Armenien evakuiert werden sollte.
Der lange Kampf um Vickens Freilassung
Insbesondere die Freilassung von Vicken Euljekjian wurde von CSI mit großer Erleichterung aufgenommen, denn CSI hatte sich über Jahre hinweg intensiv für ihn eingesetzt. CSI-Deutschland führte unzählige Gespräche mit Politikern in Berlin und startete 2024 eine Online-Petition, um Aufmerksamkeit für Vickens Schicksal zu schaffen.
Linda Euljekjian reagierte mit Freudentränen auf die Nachricht von der Freilassung ihres Mannes. Die Nahost-Beraterin von CSI, hatte unmittelbar nach Bekanntwerden der Freilassung Vickens mit ihr telefoniert: „Sie ist überglücklich – sie hätte nie gedacht, dass es so schnell geschehen würde. Sie bat mich, CSI für alle Bemühungen zu danken. Unser Einsatz hat sie zutiefst bewegt.“
Parallel zu Vickens Freilassung ließ auch Armenien zwei Gefangene frei: syrische Staatsangehörige, die 2020 als Söldner auf Seiten Aserbaidschans gekämpft hatten. Beide waren in Armenien wegen internationalem Terrorismus und Kriegsverbrechen zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. Nach Angaben des armenischen Justizministeriums wurden sie über die Türkei in ihr Heimatland überstellt.
Weitere Armenier unrechtmäßig in Haft
Aserbaidschan räumt ein, mindestens 20 weitere armenische Gefangene festzuhalten. Menschenrechtsanwälte betonen, dass diese Schauprozessen unterzogen worden seien und sich nun Haftstrafen bis hin zu lebenslanger Haft ausgesetzt sähen. Dutzende weitere Armenier gelten seit 2020 als verschwunden.
„Die Freilassung jeder einzelnen Geisel ist zu begrüßen. Doch sie kann das Unrecht gegenüber jenen nicht aufheben, die weiterhin inhaftiert sind. Ihre fortgesetzte Haft stellt einen schweren Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht dar“, erklärte Gegham Stepanyan, Menschenrechtsverteidiger der Republik Arzach (Bergkarabach), die ein Vertretungsbüro in Jerewan unterhält.
Stepanyan erklärte gegenüber CSI. „Wir müssen unermüdlich daran arbeiten, Aserbaidschan dazu zu bewegen, die Scheinprozesse zu beenden und die illegal in den Gefängnissen Bakus festgehaltenen armenischen Geiseln freizulassen.“

Zu diesen Geiseln zählen auch ehemalige politische und militärische Führungspersönlichkeiten Bergkarabachs, die gefangen genommen wurden, als die Bevölkerung nach mehr als neun Monaten Belagerung und aserbaidschanischen Angriffe floh. Weiterhin in Haft ist auch Karen Avanesyan, einer der wenigen Armenier, die nach der Einnahme Bergkarabachs durch aserbaidschanisches Militär in ihren Häusern geblieben waren. Er wurde am 25. Dezember 2025 zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.
CSI fordert Freilassung aller Geiseln
„Wir freuen uns darüber, dass diese Männer nach Jahren der Qual endlich frei sind und bald zu ihren Familien zurückkehren können. Doch wir dürfen die 20 armenischen Gefangenen in Bakus Kerkern nicht vergessen – ebenso wenig wie die fast 80 Armenier, die seit 2020 von Aserbaidschan gewaltsam verschleppt wurden“, erklärt Dr. John Eibner, internationaler Präsident von CSI.
„Dass Aserbaidschan diese vier Männer nur im Austausch gegen Zugeständnisse freigelassen hat, zeigt eindeutig: Es handelt sich um Geiseln. Solange Aserbaidschan weiterhin Geiseln festhält, finden die Friedensverhandlungen unter Zwang statt“, so Eibner. Er rief die USA und andere am Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan beteiligte Akteure dazu auf, die „sofortige Freilassung“ aller armenischen Geiseln zu verlangen.
Die Freilassung von Vicken Euljekjian erfolgte zeitgleich zu einem Treffen von US-Außenminister Marco Rubio mit dem armenischen Außenminister Ararat Mirzoyan in Washington, bei dem weitere Details zum geplanten TRIPP-Projekt bekannt gegeben wurden. Dabei sagte Jerewan zu, den USA eine effektive Kontrolle über Armeniens strategisch wichtige Südgrenze zum Iran einzuräumen. Dort ist ein Korridor zur Verbindung der Türkei mit Aserbaidschan geplant.
Präsident Donald Trump, unter dessen Ägide das armenisch-aserbaidschanische Abkommen im August 2025 unterzeichnet worden war, hatte Premierminister Paschinjan damals zugesichert, sich bei Aserbaidschan für die Freilassung von „23 Christen“ einzusetzen. Damit waren offenbar die in Baku festgehaltenen armenischen Geiseln gemeint.


