Drei Monate nachdem die 21-jährige Alawitin Batoul Alloush aus dem Studentenwohnheim der Universität in Latakia verschwunden war, rief sie ihre Eltern an. Ihre Erinnerungslücken geben Anlass zu großer Sorge. Syriens einzige Ministerin reagiert nicht auf Anfragen.
Die alawitische Studentin Batoul Alloush wird am 29. April 2026 entführt. Anschließend präsentiert man sie der Öffentlichkeit als freiwillig zum sunnitischen Islam konvertiert. Seitdem hat sie keinen Kontakt zu ihren Eltern und zu ihrer Universität.
Lange warten Batouls Eltern auf ein Lebenszeichen ihrer Tochter. Als im Sommer der langersehnte Anruf kommt, zeichnet Batouls Vater diesen auf und berichtet CSI davon.
Eigenartige Erinnerungslücken
Während des Telefonats will Batoul ihren Aufenthaltsort nicht preisgeben und behauptet, sie sei bei einer Freundin. Eigenartigerweise sind im Hintergrund aber nur Männerstimmen zu hören.
Batouls Vater fragt: „Wo kann ich hinkommen, um dich zu sehen?“ Sie sagt: „An dem Ort, an dem ich dich zuvor gesehen habe.“
Batouls Vater fragt weiter: „Im Gericht?“
Sie sagt: „Nein, ich war noch nie in einem Gericht.“
Diese Antwort ist für Batouls Vater erschütternd, denn es ist der Gerichtssaal der Allgemeinen Sicherheitsbehörde in der Stadt Jableh, wo er Batoul zuletzt sah.
An jenem Tag glaubte er, seine Tochter mit nach Hause nehmen zu dürfen. Stattdessen musste er damals erkennen, dass das herrschende System die Entführer seiner Tochter schützt.
Batouls Vater schildert diesen schmerzhaften Tag im Detail: „Seit Batoul verschwunden war, war ich ständig zwischen verschiedenen Orten und Jableh unterwegs, um Antworten zu ihrem Verbleib zu bekommen.“
„Wir betraten den Gerichtssaal Im Gebäude der Allgemeinen Sicherheitsbehörde. Dort waren bereits Richter, Polizisten und der Protokollführer anwesend. Wir fragten die Richter: Wann werden wir Batoul sehen? Wir wollen sie mit nach Hause nehmen. Sie sagten: ‚Halt den Mund, sonst stecken wir dich ins Gefängnis.‘ Das sagten sie auch zu Batouls Mutter.“
Die Begegnung mit Batoul im Gerichtssaal ist für den Vater schmerzhaft: „Zu meinem Entsetzen konnte sie nicht gehen. Zwei Männer schleppten sie herein. Es sah aus, als wäre sie gerade operiert worden, käme noch aus der Narkose und würde von ihrem Bett weggezerrt.“

Die unheilvolle Rolle von Scheich Salah al-Din
Schockiert ist der Vater auch über die muslimische Verschleierung seiner Tochter: „Das ist nicht unsere Kultur, das war nicht unsere syrische Kultur. Es war, als wäre sie Kriegsbeute.
Da waren Eisenstäbe, und sie lehnte ihren Kopf dagegen. Also waren wir es, die zu ihr rannten. Nachdem wir unsere Tochter acht Tage lang nicht gesehen hatten, erlaubten sie uns nicht, sie zu umarmen oder zu küssen. Also ging ich auf die Knie, um ihre Füße zu küssen. Danach drängten sie uns beide auseinander. Sie sagten: ‚Haltet euch von ihr fern.‘“
Es ist nicht der zuständige Richter, der das Treffen leitet, sondern der örtliche Sicherheitschef, Scheich Salah al-Din, der gegen den Willen des Richters hereinplatzt.
Batouls Vater kennt den Namen dieses berüchtigten Scheichs, einem Anführer, der innerhalb des neuen Staatsapparats großen Einfluss ausübt: „Schon am ersten Tag, als wir zu Batouls Universität gingen, um die Überwachungskameras zu überprüfen, sahen wir, dass die Kameras zeigten, wann sie die Universität betreten hatte, aber nicht, wann sie sie verließ. An der Universität gab es einen Scheich, der mir sagte, dass die Lösung des Rätsels um meine Tochter bei Scheich Salah al-Din liege. Als ich nach Jableh ging, fragte ich: ‚Wer ist Scheich Salah al-Din?‘ Man sagte mir: ‚Oh Gott, du bist in großen Schwierigkeiten.‘“
Eltern flüchten vor Sicherheitskräften
Nach dem Gerichtstermin fürchten Batouls Eltern sich vor Übergriffen des Regimes und verbringen zwei Nächte in den Bergen. Wie nötig diese Vorsichtsmaßnahme war, berichtet Batouls Vater rückblickend: „Keine 15 Minuten nachdem wir Jableh verlassen hatten, erhielt ich die Nachricht, dass die Polizeifahrzeuge der Regierung nach mir suchten. Sie schickten eine unglaubliche Anzahl von Fahrzeugen. Von oberhalb von Jableh konnte ich den Konvoi der Polizeifahrzeuge sehen. Das geschah, nachdem ich in den sozialen Medien öffentlich über den Fall gesprochen hatte.“
Batouls Familie flieht daraufhin aus der Provinz und schließlich auch aus Syrien.
Später erfahren sie, dass Batoul erneut in das Gebäude der Allgemeinen Sicherheitsbehörde in Jableh gebracht wurde. Diesmal jedoch, um sie mit einem Mann aus dem Umfeld von Scheich Salah al-Din zu verheiraten.
Batouls Anruf führt zu Irritationen
Batouls plötzlicher Anruf erfolgt wenige Tage nachdem bekannt geworden war, dass ein libanesischer Anwalt ihren Fall übernommen hat und plant, die Entführer und ihre Hintermänner vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft zu ziehen.
Während des Telefongesprächs versucht Batoul, ihren Vater zu beruhigen. Sie versichert, dass sie nicht verheiratet worden sei. Stattdessen spricht sie aber von einer Verletzung, die sie offenbar stark beschäftigt: „Papa, mach dir keine Sorgen. Sie haben mich gezwungen, meine Kleider auszuziehen und haben Fotos gemacht.“
An diesem Punkt schaltet sich Batouls Mutter in das Gespräch ein: „Wir vertrauen ihnen nicht. Wenn du zu uns zurückkommst, wollen wir sicherstellen, dass es dir gut geht und dass du psychologisch und körperlich untersucht wirst.“
Im weiteren Verlauf des Telefonats bemerken die besorgten Eltern, dass Batoul sich weder an ihre Begegnung vor Gericht erinnert noch weiß, dass sie nach ihrem Verschwinden auf der Uferpromenade von Jableh gefilmt wurde. Auf dem Video, das in den sozialen Medien verbreitet wurde, ist sie schwarz verschleiert zu sehen. Es soll beweisen, dass sie sich frei in ihrem neuen Leben als sunnitische Konvertitin bewege.
Nach Ansicht der Eltern deuten die Erinnerungslücken darauf hin, dass Batoul wiederholt unter Drogen gesetzt wurde. Man wollte ihren Willen brechen.
Als sich abzeichnet, dass Batouls Anruf Irritationen bei ihren Eltern verursacht, wird die Verbindung von Batouls Seite aus unterbrochen.
Als ihre Eltern zurückrufen, ist die Nummer nicht mehr erreichbar.
Es ist nicht Batoul, die da schreibt
In den folgenden Tagen reduziert sich die Kommunikation zwischen Batoul und ihrer Familie auf Textnachrichten. Die Person, die offensichtlich im Namen Batouls schreibt, fleht ihre Mutter an, gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester in ihr Haus in Syrien zurückzukehren – ohne den Vater.
Batouls Vater erklärt: „Meine Frau antwortete: ‚Warum, damit sie auch uns entführen?‘ Die andere Seite antwortete: ‚Aber Mama, ich bin nicht entführt worden.‘“
„Ihre Mutter schrieb: ‚Du bist in den Händen von Entführern. Du bist bei diesen Schlägern, und sie schreiben in deinem Namen.‘ Die andere Seite antwortete: ‚Nein, Mama, ich bin allein und ich bin es, die schreibt.‘“
Da durchschauen Batouls Eltern den Schwindel: „Meine Tochter hat ihre Mutter ihr ganzes Leben lang ‚Rourou‘ genannt – niemals ‚Mama‘. Von diesem Moment an wussten wir, dass sie es nicht war.“
Christliche Ministerin antwortet nicht
Batouls Eltern geben im Kampf um ihre Tochter nicht nach. Mutig erklärt ihr Vater gegenüber CSI: „Wir haben nur noch unseren Stolz und unsere Würde. Ich habe zwei Jahrzehnte damit verbracht, meine Tochter großzuziehen. Sie haben kein Recht, sie mir wegzunehmen. Deshalb werde ich alles tun, was nötig ist, um sie zurückzubringen.“
Vom dschihadistischen Regime in Damaskus ist dabei keine Hilfe zu erwarten. Wiederholte Anfragen zu Batouls Fall an die Ministerin für Soziales, Hind Kabawat, die einzige Frau und Christin in Syriens neuer Regierung, blieben unbeantwortet.
Kampagne „Freiheit für Batoul!“
CSI unterstützt die Bemüngen von Batouls Eltern zur Befreiung ihrer Tochter durch politische und mediale Advocacy-Arbeit. Mit einer Spende werden Sie Teil der Kampagne „Freiheit für Batoul!“.


