Batoul: Symbol der verfolgten alawitischen Minderheit

Die Alawitin Batoul Alloush wird während ihres Medizinstudiums entführt. Danach wird sie der Öffentlichkeit als Konvertitin zum Islam präsentiert. Der Fall avanciert zum Symbol für die Unterdrückung und Verfolgung der alawitischen Gemeinschaft im Syrien von al-Scharaa.

„Ich wende mich an euch aus dem gebrochenen Herzen einer Mutter … Meine Tochter wurde mitten auf dem Universitätsgelände entführt. Gott hat mir Geduld und Kraft gegeben, um meine Tochter zu verteidigen und sie zurückzuholen. Gebt mir meine entführte Tochter zurück!“

So flehte Batouls Mutter am 11. Mai in einem bewegenden Interview mit dem Nachrichtensender Al-Youm, an der Seite eines zu Tränen gerührten Vaters.

Bereits am 29. April war Batoul von der Universität Latakia entführt worden, wo sie Notfallmedizin studierte. Das berichtet das Syrian Observatory for Human Rights. Die britische Organisation berichtet seit 2011 über Menschenrechtsverletzungen in Syrien.

Aus dem Studentenwohnheim verschleppt

Laut einer Aktivistin wurde Batoul aus dem Studentenwohnheim entführt und wird nun in der Stadt Jableh festgehalten. Die Quelle möchte anonym bleiben, da sie bereits in der Vergangenheit über die Entführung von Alawitinnen berichtet hat und um ihre Sicherheit fürchtet. Demnach soll sich Batoul in einer Villa aufhalten, die von dem neuen örtlichen Sicherheitsbeauftragten Scheich Salah beschlagnahmt wurde.

„Batouls Kommilitoninnen sagten, sie habe keinerlei Interesse an einer extremen Form des Islam gezeigt. Sie besuchte Vorlesungen ganz normal und war eine leistungsstarke Studentin“, berichtete die Quelle gegenüber Christian Solidarity International (CSI). Die Direktorin des Studentenwohnheims und die Universitätsverwaltung seien maßgeblich an der Entführung und deren Vertuschung beteiligt gewesen.

Die Universitätsverwaltung habe sich, so die Mutter gegenüber Al-Youm, geweigert, die Aufnahmen der Überwachungskameras herauszugeben, die Aufschluss über die Umstände ihres Verschwindens geben könnten.

Kontrolle über das Narrativ

Doch die Empörung über den Fall zieht Kreise. Batouls Entführer sahen sich gezwungen zu reagieren. Sie luden überwiegend regierungsnahe Medien und Influencer zu einem Empfang ein. Das war am 10. Mai.

Videos sollten die Konversion Batouls bestätigen. Darin trägt Batoul ihr Haar nicht mehr offen. Stattdessen bestimmen der Schleier und strenge Kleidung ihr Aussehen. Selbst für syrische Verhältnisse erscheint der neue Stil konservativ – Batoul trägt sogar Handschuhe.

„Heute hat Batoul entschieden – und ich werde für sie sprechen, da es viele Einmischungen gegeben hat“, sagt ein im Anzug gekleideter Mann, der die Veranstaltung moderiert und links neben ihr sitzt.

Der alawitische Bürgermeister der benachbarten Gemeinde Al-Qulaye mischt sich aus einer hinteren Publikumsreihe in das Gespräch ein: „Solange sie nicht zu Hause ist, bleibt die Regierung der Entführung verdächtig!“

Der Moderator bringt den Bürgermeister zum Schweigen und wendet sich Batoul zu: „Batoul, antworte mir mit Ja oder Nein. Willst du jetzt nach Hause? Ja oder nein?“

„Nein“, antwortet Batoul kleinlaut.

Der Bürgermeister, sichtlich frustriert über den inszenierten Dialog, steht auf und bewegt sich zur Vorderseite des Raumes. Er hakt kritisch nach, wie logisch es sei, dass eine vielversprechende Studentin plötzlich ihre Familie verlasse und jeden Kontakt abbreche.

„Woher wissen wir, dass sie nicht unter Drogen steht?“, fragt er. „Die Öffentlichkeit muss darüber Gewissheit haben. Sie muss wissen, dass sie unter keinem Einfluss von Medikamenten steht.“

Das Video endet, bevor er eine Antwort erhält.

Protestierender Psychiater wird inhaftiert

In einem anderen Videoausschnitt steht eine weibliche Influencerin hinter der sitzenden Batoul und schiebt ihre Finger in Batouls Ohren. Sie will damit beweisen, dass Batoul kein Hörgerät trägt, das ihr Antworten einflüstert.

„Die theatralische Vorstellung, die sie gestern aufgeführt haben, ist durchschaubar. Wir entlarven sie“, sagte Batouls Mutter am nächsten Tag wütend. „Das ist eine Tochter, die ich neun Monate in meinem Bauch getragen habe – wie ist es möglich, dass sie mich verleugnet? In welcher Religion, in welchem Gesetz? Welche Menschen glauben so etwas?“

Im Interview forderte Batouls Mutter ausdrücklich die Rektorin der Universität auf, ihrer Tochter die Rückkehr zu ihrem Studium zu ermöglichen.

Regierungsanhänger haben sich nach Batouls öffentlichem Auftritt zusammengeschlossen. Sie behaupten, die Veranstaltung beweise, dass ihre Konversion zum Islam aufrichtig sei. Ein neu erstelltes KI-generiertes Video über Batouls Geschichte, unterlegt mit einem islamischen Nascheid (Gesang), stellt ihre Eltern als aggressive Widersacher dar – Batoul dagegen als eine strahlend glückliche neue Konvertitin zum sunnitischen Islam, die unter der neuen syrischen Flagge ihrer ketzerischen Vergangenheit den Rücken kehrt.

Dr. Nadim Abbas, ein Psychiater aus der Küstenstadt Tartous, reiste nach Jableh, um nach Batouls Auftritt als Einzelperson zu protestieren und ein Schild mit der Aufschrift „Kein Zeugnis unter Entführung“ hoch zu halten.

Er wurde von Sicherheitskräften verhaftet und erst am 20. Mai nach neun Tagen in Haft freigelassen.

„Klima der Straflosigkeit“

Bereits im Vorjahr hat ein Team von UN-Experten auf „gezielte Entführungen und Verschwindenlassen“ von alawitischen Frauen und Mädchen hingewiesen. Seit dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad im Dezember 2024 steht eine islamistische Regierung unter Führung des dschihadistischen Kommandeurs Ahmad als-Scharaa an Syriens Spitze.

Insgesamt dokumentierten die Experten 38 Fälle, die von erwachsenen Frauen bis zu Mädchen im Alter von nur drei Jahren reichten. Die Entführungen erstreckten sich auf den Zeitraum vom Februar bis Juni 2025. Opfer seien in Gefangenschaft betäubt oder körperlich misshandelt worden.

Die Entführungen fanden am helllichten Tag statt – auf dem Schulweg, beim Besuch von Verwandten oder sogar aus ihren eigenen Häusern. „Berichte über erzwungene Kinderehen waren besonders alarmierend“, heißt es weiter.

Die Tatenlosigkeit der syrischen Übergangsregierung schüre ein „Klima der Straflosigkeit“. Überdies gebe es „Akteure und Personen, die mit den Institutionen der syrischen Übergangsregierung verbunden sind“, die in mehrere gemeldete Fälle verwickelt gewesen seien.

Berichte wie diese mehrten sich. Die syrische Regierung reagierte, indem sie einen Ausschuss zur Untersuchung der Vorwürfe bildete. Sie lehnte jedoch alle bis auf einen der geprüften Fälle als unwahr ab. Die Regierung stritt die Entführungen ab. Vielmehr seien die Frauen und Mädchen mit neuen „romantischen Partnern“ geflüchtet, hätten häusliche Gewalt hinter sich gelassen, seien der Prostitution nachgegangen oder seien schlicht „vorübergehend abwesend“ bei Freunden oder Verwandten gewesen.

Der lange Schatten der März-Massaker

Syrische Minderheiten – insbesondere Alawiten, Drusen und Christen – gelten seit der Machtübernahme der Dschihadisten als besonders gefährdet. Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa setzte danach eine Amnestiekampagne an, bei der Wehrpflichtige ihre Waffen abgeben und sich bei den Behörden registrieren konnten.

Laut der UN-Syrien-Untersuchungskommission übergaben in den Provinzen Latakia und Tartus mehr als 120.000 ehemalige Soldaten ihre Waffen. Bei den Zahlen berief sich die Kommission auf lokale Behörden. Doch die Küstenregionen sind mehrheitlich von Alawiten besiedelt, die sich eher skeptisch gegenüber der Entwaffnung zeigten

Fast unmittelbar nach Zusammenbruch des alten Regimes begann die Gewalt gegen die alawitische Minderheit. In den ersten drei Monaten nach der Flucht von Ex-Präsident Baschar al-Assad wurden mehr als 300 Alawiten getötet, wie Observatory-Direktor Ossama Suleiman gegenüber CSI erklärte.

Im März 2025 führte die Regierung „Säuberungsoperationen“ in den alawitischen Gebieten aus. Sie rechtfertigte dies mit einem „Aufstand“ früherer Regimeanhänger. Dabei nahm die dschihadistische Regierung in den Provinzen Latakia, Tartus, Homs und Hama systematisch alawitische Zivilisten ins Visier. Bewaffnete Gruppen drangen in Häuser ein und exekutierten Männer, Frauen und Kinder, nachdem sie deren alawitische Religionszugehörigkeit erfragt hatten. Die Massaker forderten Tausende Opfer.

Obwohl ein UN-Kommissionsbericht von August 2025 zu den Tötungen keinen Beleg für einen staatlichen „Plan“ zur Durchführung der Massaker fand, stellte er fest, dass die Tötungen systematischen Charakter hatten und „von Angehörigen der Streitkräfte der Übergangsregierung sowie von Privatpersonen begangen wurden, die neben diesen oder in ihrer Nähe operierten“.

Batoul: Chiffre des alawitischen Leidens

Zwar hat Syrien seitdem keine vergleichbare Intensität an Tötungen von Alawiten mehr erlebt, doch die Entführungen von Frauen und Mädchen – und die Straflosigkeit der Täter – seien als anhaltender Druck auf die Minderheit gedacht, so Observatory-Direktor Suleiman.

„Das Ziel ist Druck auf die Alawiten auszuüben, um den demografischen Wandel an der Küste voranzutreiben“, sagte Suleiman in einem Fernsehbeitrag für Al-Youm, in dem auch Batouls Eltern auftraten. „Batouls Familie hatte den Mut, sich zu äußern, aber es gibt viele Familien, die sich nicht gemeldet haben – aus Angst vor Verhaftung und Repressalien“, fügte er hinzu.

Batouls Mutter sprach offen über den Preis, an die Öffentlichkeit gegangen zu sein, und sagte der Interviewerin, dass sie und ihre Familie nicht mehr zu Hause schlafen – aus Angst.

„Wir schlafen nicht in unserem Haus. Ich, mein Mann und meine jüngste Tochter schlafen draußen unter einem Baum, weil ich meine entführte Tochter zurückgefordert habe.“

Sie kämpft auch gegen die Straflosigkeit, aus Angst, dass ihrer jüngeren Tochter dasselbe Schicksal widerfahren könnte. „Ich habe noch eine Tochter im vierten Schuljahr. Wie soll ich sie zur Prüfung schicken?“

„Alle Mädchen sind meine Tochter; alle Entführten sind Batoul. Wir wollen, dass alle Entführten zurückgebracht werden“, sagte Batouls Mutter.