Auf einer Pressekonferenz in Eriwan verliest CSI einen Brief des inhaftierten Erzbischofs Bagrat Galstanjan. Armeniens Regierung eskaliert den Kulturkampf weiter: sie hindert Bischöfe an der Teilnahme an einer Versammlung.
„Ich bin heute aus einem einfachen Grund inhaftiert“, erklärte der armenische Erzbischof Bagrat Galstanjan in einem am 3. Februar veröffentlichten Brief aus dem Gefängnis an den Internationalen Gipfel für Religionsfreiheit. „Mein Vergehen besteht darin, eine unwillkommene Wahrheit auszusprechen – dass nämlich die christliche armenische Nation einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt ist.“
Dr. John Eibner, Präsident von Christian Solidarity International (CSI), verlas den Brief des Erzbischofs auf einer Pressekonferenz in Eriwan. Sie fand gemeinsam mit dem Armenian Center for Political Rights (ACPR) statt.
Erzbischof wendet sich an den Gipfel für Religionsfreiheit und US-Vizepräsident
Am selben Tag besuchte eine Delegation von CSI in Begleitung von Erich Vontobel, Mitglied des Schweizer Parlaments, Erzbischof Bagrat im Gefängnis in Eriwan.
Der Gefängnisbesuch fand statt, während sich Experten für Religionsfreiheit, Fürsprecher und NGOs in Washington, D. C., zum Internationalen Gipfeltreffen zur Religionsfreiheit versammelt hatten. Der Erzbischof schrieb auch einen Brief an den US-amerikanischen Vizepräsident JD Vance, der Armenien und Aserbaidschan in diesem Monat besuchen wird.
Erzbischof Galstanjan ist einer von vier Bischöfen, die in den letzten acht Monaten von der armenischen Regierung festgenommen wurden. Dutzende weitere Personen sind ebenfalls inhaftiert – darunter Kirchenmitarbeiter, Anwälte und Familienangehörige der inhaftierten Geistlichen, sowie öffentliche Unterstützer der Kirche.
Premierminister Nikol Paschinjan hat öffentlich angekündigt, das Oberhaupt der weltweiten Armenisch-Apostolischen Kirche, Katholikos Karekin II., aus seinem Amt zu entfernen und ihn durch eine von einem staatlich eingesetzten Ausschuss ausgewählte Person zu ersetzen.
Bischöfe an Ausreise gehindert
Am Wochenende klagte die Regierung sechs Bischöfe wegen „Behinderung einer gerichtlichen Handlung” an und verbot ihnen, das Land vor einer Bischofsversammlung zu verlassen, die vom 16. bis 19. Februar in Österreich stattfinden soll. Die Versammlung außerhalb Armeniens soll eine Einmischung des Staates verhindern.
„Dies ist eine weitere Eskalation in der Kampagne der Regierung gegen die Kirche“, sagte Eibner auf der Pressekonferenz. „Diese Angriffe zielen darauf ab, die Kirche daran zu hindern, sich für die nationalen Interessen Armeniens einzusetzen.“
Laut dem Brief von Erzbischof Bagrat ist die Kampagne der Regierung gegen die Kirche Teil einer größeren Bemühung der Türkei und Aserbaidschans, „Armenien zu einem Vasallenstaat zu machen“. „Ein wesentlicher Teil dieses Vorhabens besteht darin, der Armenisch-Apostolischen Kirche die Möglichkeit zu nehmen, sich unabhängig in der Gesellschaft zu äußern“, erklärte er.
Kirche als einziger Anwalt von 120.000 Vertriebenen
Im September 2023 griff Aserbaidschan Bergkarabach (Arzach) an und führte eine ethnische Säuberung der 120.000 armenisch-christlichen Einwohner durch. Die armenische Kirche hat öffentlich das Recht dieser Armenier auf Rückkehr in ihre Heimat unterstützt, was hochrangige aserbaidschanische Beamte dazu veranlasste, die Kirche als „Hindernis für den Frieden“ zu bezeichnen.
Rafael Ishkhanyan, Präsident des Armenischen Zentrums für politische Rechte (ACPR), verwies auf eine internationale Konferenz, die im Mai 2025 in Bern (Schweiz) stattfand und auf der der Katholikos, das Oberhaupt der armenischen Kirche, die Rückführung der Armenier nach Bergkarabach und die Freilassung der von Aserbaidschan festgehaltenen armenischen Geiseln forderte.
Das sei der „Auslöser“ für die anti-kirchliche Kampagne der Regierung gewesen, erklärte Ishkhanyan. „Wir befinden uns jetzt in der dritten Phase dieser Kampagne – in der sie beginnt, die Rechte einzelner Gläubiger zu beeinträchtigen.“
ACPR veröffentlichte im Dezember 2025 einen umfassenden Bericht über die Anti-Kirchen-Kampagne.
Papst Leo erkennt Katholikos als armenisches Kirchenoberhaupt an
Erich Vontobel, Mitglied des Schweizer Nationalrats, reichte einen Antrag ein, der die Schweizer Regierung dazu verpflichtet, ein Friedensforum zwischen Aserbaidschan und Vertretern der Vertriebenen aus Arzach zu veranstalten, um deren sichere Rückkehr zu ermöglichen. Der Antrag wurde im März 2025 vom Schweizer Parlament angenommen.
„In Armenien hört man auf höchster Ebene, dass der Fall Bergkarabach abgeschlossen ist“, sagte Vontobel unter Bezugnahme auf Aussagen des armenischen Premierministers Nikol Paschinjan. „Wir sehen das anders.“
Der Schweizer Parlamentarier berichtete auf der Pressekonferenz, dass der Erzbischof ihn, als er während seines Gefängnisbesuchs mit ihm über die Bergkarabach-Frage sprach, eindringlich aufgefordert habe: „Machen Sie weiter!“
Pfarrer Peter Fuchs, Geschäftsführer von CSI-Deutschland, der ebenfalls an dem Gefängnisbesuch teilnahm, überbrachte eine Solidaritätsbotschaft der Christen in Deutschland an die armenische Kirche. Er wies darauf hin, dass Papst Leo XIV. bei seinem Besuch im armenischen Patriarchat in Istanbul vor zwei Monaten ausdrücklich Grüße an Katholikos Karekin II. übermittelt habe – und ihn damit als rechtmäßiges Oberhaupt der armenischen Kirche anerkannt habe.
„Diese Solidarität ist wichtiger denn je“, schloss er.


