Während sich die europäischen Staats- und Regierungschefs in Jerewan versammeln, veröffentlicht Christian Solidarity International eine Liste bekannter politischer Gefangener in Armenien. Die Lage der Religionsfreiheit hat sich kaum gebessert – auch nicht angesichts der bevorstehenden Parlamentswahlen.
Einen Monat vor den Parlamentswahlen bleibt die Lage der Armenischen Apostolischen Kirche in Armenien angespannt. Die Regierung von Ministerpräsident Nikol Paschinjan geht seit einem Jahr entschieden gegen den Klerus vor. Internationale Beobachter sprechen von erheblichen Einschränkungen der Religionsfreiheit.
Anfang Februar, kurz vor dem Besuch von US-Vizepräsident JD Vance, hat Christian Solidarity International (CSI) eine Beobachtermission ins Land geschickt. Sie sollte die Lage vor Ort erkunden und dokumentieren. CSI-Vertreter besuchten dabei auch den inhaftierten Erzbischof Bagrat Galstanjan, der als einer der wichtigsten Oppositionellen Armeniens gilt.
Der Westen ignoriert die Zustände in Armenien offenkundig. Am 4. Mai trafen sich die europäischen Staats- und Regierungschefs in Jerewan zum 8. Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft. Am Tag darauf, dem 5. Mai, folgte der erste EU-Armenien-Gipfel. Der Willen, das kleine Land im Südkaukasus an die Europäische Union zu binden, erscheint größer als die häufig beschworenen Menschenrechte durchzusetzen.
Schlimmste staatlich geförderte Verfolgung der Kirche seit der Sowjetzeit
CSI hat deshalb einen neuen Bericht zur Lage der Religionsfreiheit in Armenien vorgestellt. Er kommt zu dem Schluss: Seit den schlimmsten Auswüchsen der Sowjetherrschaft hat die Armenisch-Apostolische Kirche keine staatlich geförderte Verfolgung von solcher Tiefe und Intensität erlebt.
Der Bericht enthält eine Liste bekannter politischer Gefangener in Armenien. Es ist die erste dieser Art, die eine nternationaln Menschenrechtsorganisation veröffentlicht hat. „Die europäischen Staatsführer, die an gut inszenierten politischen Veranstaltungen im Zentrum Jerewans teilnehmen, sollten wissen, dass sie nur wenige Gehminuten von dem Gefängnis entfernt sind, in dem Erzbischof Bagrat Galstanjan aufgrund konstruierter Vorwürfe festgehalten wird“, erklärte Dr. Joel Veldkamp, der die internationale Kommunikation von CSI leitet.
Zu den namentlich genannten politischen Gefangenen zählen Geistliche, Angehörige von Klerikern, Podcaster, Kirchenmitarbeiter und weitere Personen, die die armenischen Behörden im Zuge ihrer Kampagne gegen die Kirche inhaftierten. Die Liste der politischen Gefangenen hat CSI in Zusammenarbeit mit dem Armenischen Zentrum für politische Rechte zusammengestellt.
Regierung Paschinjan ließ ein Drittel der Erzbischöfe verhaften
„Armeniens Sicherheit und Wohlstand werden nicht dadurch gestärkt, dass die Armenisch-Apostolische Kirche dem Staat untergeordnet wird. Sie hängen vielmehr davon ab, die Grundrechte aller Armenier sowie ihrer Nationalkirche zu schützen“, sagt Peter Flew. Der Historiker und Rechtsanwalt zeigt sich für den Bericht verantwortlich. Flew hat sich auf Religionsfreiheit in Osteuropa, den baltischen Staaten und dem Kaukasus spezialisiert.
Wie der Bericht darlegt, hat Paschinjans Regierung ein Drittel der Erzbischöfe Armeniens verhaften lassen, Reiseverbote gegen hochrangige Kirchenführer verhängt und versucht, eine Kirchenspaltung zu schüren. Ministerpräsident Paschinjan hat wiederholt versucht, das Kirchenoberhaupt, den Katholikos Karekin II., zum Rücktritt zu zwingen.
Auslöser des Streits ist der Bergkarabach-Konflikt. Die Kirche sieht sich als Anwältin der rund 150.000 Vertriebenen, nachdem Aserbaidschan die Region ethnisch-religiös gesäubert hat. Paschinjans vorrangiges Ziel bleibt dagegen ein Friedensvertrag mit dem größeren Nachbarland, das Armenien mit der Türkei in den Zangengriff genommen hat.
CSI-Präsident: Armenische Kirche steht den Plänen Erdogans im Weg
In seiner Einleitung zum Bericht hat CSI-Präsident John Eibner deswegen die antiklerikale Kampagne Jerewans in den geopolitischen Zusammenhang gestellt. Sie müsse deswegen auch im Kontext der Bemühungen der Türkei und Aserbaidschan gesehen werden, „die armenische Nation zu schwächen und ihre Fähigkeit zu verringern, sich einer Eingliederung in die entstehende, von der Türkei geführte Ordnung in der Region zu widersetzen“.
„Mehr als jede andere armenische Institution steht die Armenisch-Apostolische Kirche heute den Plänen der Türkei und Aserbaidschans im Weg“, so Eibner weiter. Erst bei seiner Rede in der Paulskirche am 25. April 2026 hatte Eibner eindringlich davor gewarnt, dass der Geist des Völkermords an den Armeniern weiterhin bestehe. Beide Länder treibe eine pan-türkische, neo-osmanische Ideologie an.
Daher schließt der Bericht mit einer Reihe offizieller Empfehlungen von CSI an europäische und amerikanische Entscheidungsträger. Diese umfassen unter anderem: das öffentliche Bekenntnis zum Recht der armenischen Kirche, ihre Führung ohne staatliche Einmischung selbst zu wählen; die Aufforderung an die armenische Regierung, inhaftierte Geistliche und andere politische Gefangene freizulassen; die Zusammenarbeit mit unabhängigen Menschenrechtsgruppen in Armenien sowie die Unterstützung der Schweizer Parlamentsinitiative für den Frieden in Bergkarabach.
Lesen Sie hier den Bericht über die bedrohte Religionsfreiheit in Armenien.


