Die Bundesregierung ignoriert Berichte über Sklaverei im Sudan und verharmlost die religiöse Dimension der Gewalt gegen Christen in Nigeria. CSI widerspricht in einer Stellungnahme.
Nicht nur in syrischen Angelegenheiten betrachtet die derzeitige Bundesregierung die Lage durch die rosarote Brille. Im Dezember etwa behauptete das Auswärtige Amt, dass sich die menschenrechtliche Lage unter dem neuen Dschihadistenregime verbessert habe – Christian Solidarity International (CSI) antwortete bereits damals mit einer Gegendarstellung. Aber auch in Afrika scheint Berlin die Verhältnisse nicht nach den dortigen Realitäten zu beurteilen.
Darüber geben gleich zwei Anfragen an die Bundesregierung Aufschluss. Sie stammen von Nicole Höchst, Rainer Rothfuß, Stefan Keuter und weiteren Abgeordneten der AfD-Bundestagsfraktion. Die erste befasst sich mit der Situation im vom Bürgerkrieg gezeichneten Sudan. Die Bundesregierung kehrt dabei nicht ohne Stolz ihren eigenen Einsatz hervor und verweist auf den Anteil Deutschlands bei der Konfliktlösung – namentlich auf die Sudan-Konferenz in Berlin im April 2026.
Sklaverei im Sudan: „Keine Erkenntnisse im Sinne der Fragestellung“
Erschreckend bleibt der Kenntnisstand zu den tatsächlichen Zuständen im Land. Auf dezidierte Nachfrage, ob der Bundesregierung „Erkenntnisse über Zwangsarbeit oder Sklaverei im Sudan“ vorlägen und inwieweit Christen davon betroffen seien, antwortet diese salopp: „Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse im Sinne der Fragestellung vor.“
Bezeichnend ist, dass die Bundesregierung die gesamte Frage mit „keine Erkenntnisse im Sinne der Fragestellung“ abwiegelt, obwohl diese eine „wenn ja“-Frage bildet – die Bundesregierung greift also nicht nur die Lage der christlichen Sklaven im Sudan nicht auf, sondern blockiert sämtliche Auskünfte zum Kenntnisstand über die Sklaverei im Land.
CSI ist seit über 30 Jahren in der Sklavenbefreiung im Sudan aktiv. Neben der von CSI bekämpften Sklaverei haben die UN und Amnesty International auf jüngere Formen der Sklaverei, explizit auf sexuelle Formen der Sklaverei, hingewiesen. Im November 2025 berichtete Denise Brown als Vertreterin der UN im Sudan über die weitreichenden Gräueltaten gegenüber dem Spiegel: „Wir sprechen hier von Vergewaltigungen und Gruppenvergewaltigungen, wir sprechen von extremer Erniedrigung, sexueller Folter und Sklaverei. So etwas habe ich in diesem Ausmaß noch nie beobachtet.“ Amnesty International dokumentierte Fälle von „sexueller Sklaverei“ im Sudan.
Nigeria: Verfassungsrechlich garantierte Religionsfreiheit?
Auch in einer weiteren Anfrage zeigt sich, dass die Bundesregierung entweder die Lage im Ausland falsch einschätzt, sich nicht auf dem aktuellen Stand befindet oder schlicht nicht informiert ist. Dies betrifft insbesondere die Lage in Nigeria. In der Anfrage „Lage der christlichen Minderheit in Nigeria im Kontext anhaltender Gewalt durch Terrorgruppen, Milizen und organisierte Kriminalität“ stellt die Bundesregierung in der Vorbemerkung fest:
„Die nigerianische Bevölkerung ist nahezu hälftig zwischen Islam (mehrheitlich im Norden) und Christentum (mehrheitlich im Süden) geteilt. Das Recht auf freie Religionsausübung ist verfassungsrechtlich garantiert. Nach der Verfassung darf keine Religion als Staatsreligion etabliert werden. Die Sicherheitslage in Nigeria ist in weiten Teilen des Landes schlecht (siehe auch Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts zu Nigeria). Zahlreiche Berichte, darunter Berichte der Organe der Vereinten Nationen (VN), befassen sich mit Sicherheitslage, Menschenrechtsverletzungen und religiös geprägter bzw. religiös überlagerter Gewalt in Nigeria. Die VN beschreiben dabei die Lage überwiegend nicht als Religionskonflikt, sondern als ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren und Konfliktlinien, wie Terrorismus, Banditentum, ethnischen Spannungen, Ressourcen- und Landkonflikten.“
Zwei Punkte sind in dieser Darstellung hervorzuheben. Der erste betrifft die „verfassungsrechtlich garantierte“ Religionsfreiheit. Die Bundesregierung zieht sich hier auf eine formalrechtliche Argumentation zurück: Weil die Religionsfreiheit in Nigeria gesetzlich verankert ist, handelt es sich bei der Christenverfolgung im Middle Belt um eine Ausnahme, nicht um ein strukturelles Problem. CSI hat jedoch in mehreren Fällen zumindest eine Duldung der dschihadistisch motivierten Fulani-Überfälle durch lokale Behörden festgestellt – wenn nicht gar eine Kooperation zwischen beiden. In zahlreichen Gebieten Nigerias, besonders im Norden, ist die Scharia Gesetz – inklusive ihrer Implikationen für Christen.
Vereinte Nationen: Christliche Frauen und Mädchen besonders bedroht
Zum anderen verweist die Bundesregierung auf die UN als Stichwortgeber, um das „Narrativ“ einer religiösen Verfolgung zugunsten anderer Erklärungsmuster aufzulösen. Dieser Rückzug auf einen „sozialen Konflikt“ zwischen „Bauern und Hirten“ ist nicht neu – CSI hat bereits vor Monaten dargelegt, warum diese vermeintlich „komplexe Sachlage“ in Wirklichkeit eine Verkürzung der wahren Verhältnisse in Nigeria darstellt. Eine ähnliche Strategie hat die Bundesregierung schon bezüglich Syrien betrieben – denn auch im „neuen Syrien“ sei die Religionsfreiheit verfassungsgemäß gewährleistet.
Dass Berlin aber offenbar selbst nicht auf dem aktuellsten Stand ist, zeigt sich daran, dass die jüngsten Stellungnahmen von UN-Experten zur Christenverfolgung in Nigeria nicht zur Kenntnis genommen wurden. Erst im Juni haben diese deutlich darauf hingewiesen, dass christliche Frauen und Mädchen sowie Angehörige anderer religiöser Gruppen Opfer von Menschenrechtsverletzungen werden. Wörtlich heißt es:
„Wir sind besonders besorgt über die ganz konkreten und erhöhten Risiken von Diskriminierung, Gewalt und Ausbeutung, denen christliche Frauen und Mädchen ausgesetzt sind, da wir weiterhin schwerwiegende Fälle von sexueller Gewalt, Entführungen, Handlungen, die einem Verschwindenlassen gleichkommen, Zwangskonvertierungen und Kinderheirat unter ihnen dokumentieren. In vielen Fällen werden diejenigen, die sich widersetzen, Berichten zufolge bedroht, bestraft, verschwinden oder getötet.“
EU nimmt Christenverfolgung stärker in den Fokus
Die UN-Experten unterstreichen demnach, dass ein erhöhtes Risiko besteht, wenn es sich um Christinnen handelt – der Konflikt ist also doch religiös aufgeladen. Auch das Europäische Parlament hat vor zwei Monaten explizit die Christenverfolgung in Nigeria verurteilt und damit anerkannt, dass der „religiöse Faktor“ durchaus eine größere Rolle spielt als bloßes Banditentum oder Landverteilungskämpfe. Im Januar hat Papst Leo XIV. auf die anti-christliche Gewalt hingewiesen.
Bei der Bundesregierung wedelt deshalb der Schwanz mit dem Hund: Die Übergriffe auf Christen erfolgen nicht aufgrund sozial-ökonomischer Faktoren, sondern weil die Fulani von einer dschihadistischen Ideologie angetrieben werden, die sie dazu legitimiert, die Christen auf ihrem Land zu überfallen und zu töten. Der Islamismus ist nicht bloßes Werkzeug, sondern die Triebfeder. In Berlin wird es aber offenbar noch lange dauern, bis sich diese Einsicht durchsetzt.


