Warum das Täter-Opfer-Narrativ der postkolonialen Theorie historisch verkürzt ist, welche Rolle Museen spielen und weshalb Wahrheit und Menschenrechte auf dem Spiel stehen – ein Gespräch mit Mathias Brodkorb.
Dies ist eine gekürzte Fassung. Das vollständige Interview erscheint in einer CSI-Borschüre. Ein Auszug des Interviews erschien vorab in der Tagespost.
Peter Fuchs: Herr Brodkorb, in Ihrer aktuellen Buchveröffentlichung Postkoloniale Mythen – Auf den Spuren eines modischen Narrativs nähern Sie sich dem Thema kritisch an. Das ist heutzutage sehr ungewöhnlich. Was hat Sie dazu gebracht?
Mathias Brodkorb: Reiner Zufall. Ich wollte mein Kind aus einem Ferienlager in Sachsen abholen und meine Familie hat in Leipzig Zwischenstation gemacht. Freunde haben uns einen Besuch im Grassi empfohlen. Wir sind dann in die ethnologische Sammlung gegangen. Ich war mehr als nur irritiert. Ich habe Philosophie und Altgriechisch studiert. In beiden Disziplinen wurde ich auf Wahrhaftigkeit getrimmt. Sonst kann man sie, wie eigentlich jede Wissenschaft, ja auch nicht betreiben.
Was in der ethnologischen Sammlung Leipzigs gezeigt wurde, war aber nicht wahrhaftig und dennoch mit dem Anspruch versehen, moralisch überlegen zu sein. Bei einer solchen Kombination beginnt mein Thymos zu rumoren, wie Platon oder Homer das wohl ausgedrückt hätte.
Die Kernthese postkolonialer Theorie ist, dass weiße Kolonialisten für das teilweise bis heute andauernde Elend, insbesondere in Afrika, verantwortlich sind. Was ist dran an dieser Annahme?
Die Kernthese geht noch etwas anders: Die Schuld von damals soll sich auf die heutigen Generationen vererbt haben. Es ist insofern etwas dran, als man immer mit dem leben muss, was unsere Vorfahren getan und hinterlassen haben. Insofern gibt es natürlich auch Folgewirkungen des Kolonialismus. Die gehen aber in alle möglichen Richtungen. Man darf zum Beispiel daran erinnern, dass die europäischen Kolonialisten Eisenbahnen gebaut, medizinische Versorgung etabliert und Missionare Schulen eröffnet haben. Es gibt also auch positive Ergebnisse des Kolonialismus. Gleichzeitig existieren mit Sicherheit auch heute noch Strukturen, die beispielsweise im Welthandel kein gedeihliches Miteinander ermöglichen.
Mir ging es in meinem Buch darum, genau diese Komplexität aufzuzeigen. Geschichte ist widersprüchlich und nicht nur schwarz-weiß. In den ethnologischen Museen wird aber allzu häufig schwarz-weiß gemalt. Insofern haben wir heute – und das hat mich am meisten frappiert – einen ebenso verengten Blick auf die Welt wie einst im Kolonialismus. Nur heute eben unter umgekehrten moralischen Vorzeichen: damals der angeblich primitive Schwarze und der angeblich überlegene Weiße. Heute der moralisch unterlegene Weiße und das moralisch überlegene schwarze Opfer. Dieses Täter-Opfer-Narrativ ist genauso falsch und einseitig wie das kolonialistische von einst.
Vertreter des postkolonialen Narrativs lehnen vor diesem Hintergrund auch die Idee der Menschenrechte ab?
Die postkoloniale Theorie lässt sich der postmodernen Philosophie zurechnen. Jean-François Lyotard zum Beispiel bestreitet, dass es so etwas wie Wahrheit überhaupt geben kann. Und wenn es sie nicht gibt, dann kann es auch keine universelle Moral geben, die für alle Menschen gleichermaßen gültig ist. Das würde Immanuel Kant natürlich ganz anders sehen.
Weil die postkoloniale Theorie im Kern auf der Zerstörung der Wahrheitsidee basiert, gibt es auch keine Möglichkeit mehr, die Menschenrechte zu begründen. Der Postkolonialismus muss sie als ein westliches, weißes Unterdrückungsinstrument interpretieren. Das aber ist Geschichtsschreibung für kleine Kinder.
Wie betrachten dann diese Postkolonialismus-Aktivisten die Religion, speziell das Christentum?
Das Christentum und die Tätigkeit der Missionare werden als in den kolonialen Herrschaftskomplex eingebaute Mechanismen betrachtet. Natürlich zeigt der Blick in die Akten, dass es extrem rücksichtslose Missionare gab, die zum Beispiel spirituelle Artefakte vernichtet haben und heidnische oder animistische Religionen regelrecht auslöschen wollten. Aber es gab auch ganz andere Missionare, die mit Respekt vor anderen Kulturen und Glaubensrichtungen vorgegangen und mit diesen Menschen als Menschen umgegangen sind. Die postkoloniale Unterstellung ist aber, dass das Christentum per se – genauso wie die Menschenrechte – ein westliches Konstrukt zur Unterdrückung war und heute noch ist. Dass das Christsein immer auch vom Verhalten jedes Einzelnen abhängt, wird völlig ignoriert. Hierin zeigt sich erneut die Flucht vor der Komplexität der Welt.
Kam dieses Thema auch in den Museumsausstellungen vor, die Sie besucht haben, oder war das dort gar nicht abgebildet?
In den Ausstellungen, die ich besucht habe, wurde das nicht großartig ausgebreitet. Christliche Missionare werden wie selbstverständlich dem kolonialen Eroberungstrieb zugeschlagen. Es wäre in der Tat spannend, vorurteilsfrei und unideologisch zu untersuchen, welche Rolle Missionare damals ganz konkret gespielt haben. Also welche Dinge sie getan haben, die wir heute nur mit Kopfschütteln oder beschämt zur Kenntnis nehmen würden. Aber eben auch, was sie Herausragendes geleistet haben. In den historischen Aktenbeständen findet man hierzu unendlich viel.
Es gab beispielsweise Missionare, die sich beim deutschen Gouverneur beschwert haben, wenn sich ein Kolonialsoldat gegenüber Einheimischen unangemessen verhalten hat. Und sehr oft wurden die Soldaten dafür auch bestraft. In den Museen wird diese Komplexität aber nicht dargestellt. Es wird in eine Richtung geframt.
Erstaunlicherweise ist das in den christlichen Kirchen nicht anders. Wenn man sich zum Beispiel ansieht, was von der katholischen Kirche anlässlich des Jahrestags der „Kongokonferenz“ im letzten Jahr beschlossen wurde, zeigt sich auch dort, dass die Bereitschaft, die eigene Rolle in der Kolonialgeschichte mit Distanz und Sachlichkeit zu betrachten, nicht gegeben ist.
Auch dort läuft man mittlerweile dem postkolonialen Narrativ hinterher. Und das ist besonders merkwürdig. Die katholische Dogmatik kann ohne die Idee der Wahrheit nicht überleben. Stattdessen unterwirft sich die katholische Kirche selbst immer mehr dem Zeitgeist, also der postmodernen Auflösung der Wahrheitsidee. Man blickt auf einen regelrecht suizidalen Vorgang.
Sie haben im Rahmen ihrer Recherche verschiedene völkerkundliche Museen besucht. Wie sehr und auf welche Weise würden Sie sagen, nehmen diese Museen Einfluss auf das postkoloniale Narrativ?
Ich würde nicht sagen, dass sie selber einen theoretischen Beitrag dazu leisten. Dafür ist die analytische Flughöhe dieser Museen häufig zu gering. Aber sie sind unglaublich wirksame Transmissionsmaschinen für diese Ideologien, weil sie die Inhalte in homöopathischer, verdünnter, massentauglicher Form ans Volk bringen. Nachdem die gesamte Schulddebatte seit etwa fünfundzwanzig Jahren unglaubliche Aufmerksamkeit bekommen hat und diese Museen sich in diesen Diskurs eingeklinkt haben, werden sie zumindest in den Feuilletons, in breiten Teilen kultureller Eliten und in der Öffentlichkeit zu einer namhaften Stimme. Das hat den politischen Einfluss der Völkerkundemuseen stark erhöht.

Wie sieht die politische Seite aus?
Deutsche Politiker haben natürlich ein starkes Interesse an Afrika. Nicht wegen Afrika an sich, sondern weil Afrika viele Stimmen in der UN hat und sich China anschickt, den Kontinent politisch zu erobern. Europa und Deutschland wollen das verhindern und selbst eine maßgebliche Rolle in der Welt spielen – und zwar mit Hilfe Afrikas. In dieser Situation Kulturgüter wieder zurückzugeben, ist für die Politik natürlich eine preiswerte und verlockende Möglichkeit, gute Kontakte zu knüpfen. Und hier kommen die Museen als Lieferanten politischen und kulturellen Kapitals ins Spiel.
Zu den Benin-Bronzen: Das war ja eine der medienwirksamsten Rückgaben. Die Bronzen landeten aber nicht in einem staatlichen nigerianischen Museum, sondern sehr schnell in Privathänden. Was verstehen unsere Politiker an Afrika nicht?
Europa denkt im Rahmen von Nationalstaaten. Die gibt es in Afrika zwar auch. Aber darunter haben wir es zumeist mit Gesellschaften zu tun, die sich vor allem ethnisch verstehen. Die unterschiedlichen Ethnien der einzelnen afrikanischen Staaten sind ganz anders im gesellschaftlichen Gefüge platziert als bei uns. Nachfahren ehemaliger Könige, Häuptlinge, Sultane spielen dort weiterhin eine große Rolle, auch wenn sie formal vielleicht gar kein politisches Gewicht haben. Aber sie sind weiterhin hochangesehene Persönlichkeiten mit teilweise religiösen Funktionen. Die meisten afrikanischen Staaten sind insofern Vielvölkerstaaten oder Bündnisse von „Clans“ – ich meine das jetzt gar nicht kritisch oder negativ –, die sich auch kolonial bedingt unter einem gemeinsamen staatlichen Dach zusammengefunden haben.
Deshalb war es eigentlich sogar naheliegend, dass die Benin-Bronzen dem Oba gegeben wurden, dem Nachfahren des ehemaligen Königreichs Benin. Der Staat Nigeria jedenfalls ist nicht dessen Rechtsnachfolger. Eine identitätsstiftende Funktion können diese Artefakte für die „nigerianische Nation“ aber schon deshalb nicht übernehmen. Mich hat es daher nicht überrascht, dass Nigeria diese Artefakte an den Oba weitergegeben hat. Das war sogar konsequent.
Gewundert haben sich darüber eigentlich nur westliche Politiker, die nicht verstehen, dass afrikanische Staaten nicht genauso funktionieren wie westliche. Das kommt halt dabei heraus, wenn man sich die Welt nicht in ihrer Komplexität ansieht. Dann versteht man auch nicht, warum die Dinge so laufen, wie sie laufen.
Ein Punkt, der in der Kolonialismusdebatte unvermeidbar immer kommen muss und der auch in Ihrem Buch großen Raum einnimmt, ist der Sklavenhandel. Welche Rolle spielten die westlichen Staaten dabei?
Eine auf der historischen Achse differenzierte. Afrika war Sklavenlieferant, lange bevor Europäer den Kontinent entdeckt oder unterworfen hatten. Afrikaner haben Afrikaner versklavt und Araber haben Afrikaner versklavt. Das Thema Sklaverei war in der gesamten Menschheitsgeschichte und auf der gesamten Welt präsent, wenn auch in unterschiedlichen Formen. Es wurden auch Weiße von Afrikanern versklavt. Zum Beispiel mehr als eine Million durch die sogenannten „Barbareskenstaaten“ vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Übrigens ist das auch einer der Gründe, warum Frankreich 1830 die Kolonialherrschaft über Algerien übernahm. Algier war damals kräftig an der Versklavung Weißer beteiligt – und christliche Gemeinden in ganz Europa sammelten Geld, um diese weißen Sklaven freizukaufen. Auch das ist aus unserem historischen Bewusstsein getilgt. Goethe indes schrieb darüber noch in seiner Italienischen Reise.
Was ist mit den Europäern?
Europäer, beginnend mit den Portugiesen, haben den Sklavenhandel in Afrika nicht erfunden, sondern haben sich in den bereits zuvor von Afrikanern und Arabern betriebenen Sklavenhandel eingeklinkt. Es ist überwiegend nicht so, dass Europäer in Afrika losgezogen wären und selbst Sklaven eingefangen hätten. Die Europäer haben stattdessen an den Küsten Afrikas die Sklaven von Afrikanern und Arabern gekauft und in die weite Welt gebracht.
Dann entstand aber in Europa die Aufklärung mit ihrem Menschenrechtsdenken. Auf der anderen Seite gab es christliche Strömungen in Europa, die sich ebenfalls gegen die Sklaverei positionierten, vor allem in England. Die Praxis des Sklavenhandels geriet immer mehr in Widerspruch zum eigenen, westlichen Denken.
Wahrscheinlich hätte es ohne Immanuel Kant und das Christentum daher kein Ende der offiziellen Sklaverei in Afrika gegeben. Das Ende der Sklaverei war natürlich ein gewaltsamer Akt des Westens. Die Araber und autochthonen Afrikaner wurden damals nicht um Erlaubnis gefragt, die Sklaverei beenden zu dürfen. Auch das gehört zur Komplexität der Geschichte.
Davon hört man kaum…
Ja. Sklaverei wird in der Regel von außen und nicht durch die Sklavereigesellschaften selbst beendet. Es gibt nur ganz wenige Fälle, beispielsweise Haiti, wo es eine Selbstbefreiung der Sklaven gab. Natürlich hat der vom weißen Westen betriebene transatlantische Sklavenhandel die Sklaverei in Afrika zunächst sogar noch befeuert. Aber ohne Europa wäre er zugleich vermutlich nicht in dieser Form beendet worden, jedenfalls nicht so schnell. Daran sieht man, wie janusköpfig, wie kompliziert Geschichte ist. Hegel hätte das wohl „Dialektik“ genannt.
Die Vertreter des postkolonialen Narrativs wollen das alles nicht wahrhaben. Als ich beispielsweise in Hamburg recherchierte, hat sich gezeigt, dass in Douala (Kamerun) eine ausufernde Sklavenhaltergesellschaft mit Menschenopfern und Kannibalismus herrschte, bevor die Deutschen kamen. Auf meine Frage an die Museums-Direktorin, warum sie das in ihrem Museum denn nicht einfach neutral darstelle, gab es keine Antwort.
Offensichtlich passt das alles nicht ins postkoloniale Narrativ, das von Frantz Fanon vor über sechzig Jahren begründet wurde: Der weiße Mann muss ausschließlich Täter und der schwarze dessen unschuldiges Opfer sein. In dem Moment, in dem man das differenziert darstellen würde, würden die Museen ihren politischen Einfluss verlieren. Es wäre alles plötzlich nicht mehr so eindeutig, sondern überaus kompliziert. Die Restitutionen würden problematisch werden. Auch moralische Selbstüberhöhung durch Selbsterniedrigung würde nicht mehr funktionieren. Dieser Mechanismus der moralischen Selbstinszenierung wäre nicht mehr überzeugend.
Christian Solidarity International (CSI) hat in den vergangenen 30 Jahren über 160.000 Sklaven im Sudan befreit und arbeitet weiter bis zur Befreiung des letzten Sklaven. Mit dem Erlös Ihres Buches unterstützen Sie das. Was hat Sie zu dieser schönen Aktion gebracht?
Ich möchte mich jetzt nicht selbst überhöhen. Ich weiß auch gar nicht mehr, wie ich auf Ihre Aktivitäten aufmerksam geworden bin. Aber als ich die Berichte von CSI über die Sklavenbefreiung im Sudan las, war ich sehr berührt.
Zugleich passte all das – es fällt mir ein wenig schwer, das so zu sagen – „wunderbar“ in mein Buch: Während sich die Postkolonialisten des Westens in ihrer angeblichen moralischen Überlegenheit suhlen, die vor allem aus einem Akt der verurteilenden Selbstbeschäftigung mit ihren eigenen Vorfahren resultiert, geschehen auf dieser Welt tagtäglich noch immer ganz schreckliche Dinge. Aber darüber wird öffentlich nur selten gesprochen. Weil es eben dem „postkolonialen Narrativ“ widerspricht: Der Weiße ist der immerwährende Täter und der Schwarze das unschuldige Opfer.
Und es gibt auch noch einen weiteren Grund. Mit dem Verkauf des Buches verdiene ich ja auch Geld. Aber ich empfand es zugleich als unangemessen, mit dem Leid von Sklaven Geld zu verdienen. Deshalb war es mir und dem Verlag wichtig, auch etwas zurückzugeben. Für den Kampf gegen die Sklaverei in unserer Gegenwart.
CSI-Weihnachtsaktion 2025


