Es war ein symbolträchtiger Angriff auf das Innerste der armenischen Identität: Seit Sicherheitskräfte der ältesten christlichen Nation zwei ranghohe Erzbischöfe verhafteten, ist klar, dass das Stadium innerer Zerrissenheit im Machtkampf zwischen Staat und Kirche überschritten ist, und er binnen weniger Wochen zu einem ausgewachsenen Glaubenskrieg werden würde. Mitten hinein positioniert sich nun Frankreichs Präsident Emmanuel Macron – auf der Seite des Staates.
Gezielte Eskalation
In den frühen Morgenstunden des 27. Juni 2025 drang die armenische Polizei in das Katholikat in Etschmiadsin ein – dem geistlichen Zentrum der ältesten christlichen Nation der Welt. Nicht, wie sonst üblich, als Ausdruck staatlicher Ehrerbietung, sondern mit dem Ziel, Erzbischof Mikayel Ajapahyan festzunehmen. Katholikos Karekin II. selbst versuchte gemeinsam mit dutzenden Priestern, die Verhaftung zu verhindern – vergebens. Der Erzbischof wurde in Gewahrsam genommen, seine Wohnung in Gyumri durchwühlt. Bereits zuvor war Erzbischof Bagrat Galstanyan verhaftet worden, charismatischer Anführer der Opposition und Haupt einer Bewegung, die sich selbst „Heiliger Kampf“ nennt. Damit eskaliert Premierminister Nikol Paschinyan seinen seit seinem Regierungsantritt schwelenden Clinch mit der Kirche, die sich nach wie vor als Trägerin der armenischen Identität sieht. Die Regierung beschuldigt beide Bischöfe, einen Putsch geplant zu haben – samt „paramilitärischen Zellen“, Störungen des Banken- und Internetsystems und einer geheimen Regierungsalternative aus russlandnahen Geschäftsleuten. Der Premier sprach von einem „verfaulten, oligarchischen Klerus“ und nannte Karekin II. in einem Post „den ersten Mafioso Armeniens“. Die Kirche reagierte mit Gegenschlägen: Man müsse Paschinyan und seine Frau aus der Kirche ausschließen, exkommunizieren.
Bruch mit der Vergangenheit
Bereits im Frühjahr 2025 hatte Paschinyan in einem vielbeachteten TikTok-Video seinen Bart abrasiert. Symbolisch wollte er damit einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit einläuten. Der Staat solle ohne metaphysische Altlasten, ohne territorial-historische Ansprüche wie auf Bergkarabach, und vor allem ohne „Stellvertreteridentität“ durch die Kirche und das weltweit verstreute armenische Exil begründet werden. Der armenische Staat soll sich wie seine neuen westlichen Verbündeten einer kosmopolitischen Vision mit offenen Grenzen und ohne sakrale Rückbindung verschreiben. Doch Armenien sei eben kein Land wie alle anderen, warnt Pfarrer Peter Fuchs von Christian Solidarity International (CSI). „Armenien hat eine besonders ausgeprägte nationale Identität, die sich einer steten existenziellen Bedrohung ausgesetzt sieht. Zudem hat die armenische Nation die historische Aufgabe, ihr uraltes christliches Erbe zu bewahren. Wer der Kirche Armeniens schadet, der schadet Armenien insgesamt“, so der Geschäftsführer von CSI-Deutschland weiter. Fuchs fordert die armenischen Behörden hingegen auf, die inhaftierten Erzbischöfe und alle anderen politischen Gefangenen unverzüglich freizulassen und sich nicht in die inneren Angelegenheiten der armenisch-apostolischen Kirche einzumischen. Dazu gehöre auch, Religionsfreiheit zu achten, inklusive des Rechts der armenisch-apostolischen Kirche auf gesellschaftliche Einflussnahme.
Macron mit Paschinyan gegen Kirche
Zum Selbstverständnis der armenisch-apostolische Kirche gehört, sich als legitime Trägerin der historischen Kontinuität – vom Hl. Gregor bis zu den Vertriebenen von Bergkarabach zu sehen. Ihr Widerstand gegen Paschinyans prowestlichen Kurs und seine Kompromissbereitschaft gegenüber Aserbaidschan zog zuletzt auch die Aufmerksamkeit der neuen westlichen Verbündeten auf sich. Am 29. Juni meldete sich Emmanuel Macron zu Wort – auf Armenisch, via X: Er bekundete „Solidarität“ mit Premier Paschinyan und seinem „Kurs für Demokratie und offene Grenzen“. Kein Wort zu Rechtsstaatlichkeit und Religionsfreiheit, stattdessen implizite Rückendeckung für die Demontage einer der ältesten Kirchen der Christenheit. Für viele Armenier war das ein Schock. Insbesondere in Frankreich lebt eine der größten armenischen Exil-Gemeinden, die über erheblichen Einfluss verfügt. Auch deswegen sahen sie in der Französischen Republik eine Schutzmacht, die nicht zuletzt die Anerkennung des Genozids von 1915 voranbrachte. Doch die Schutzmacht applaudiert nun einem Premier, der mit Gewalt und Dekreten die Kirche zu entmachten sucht.
Durchsichtiges Manöver
Die Regierung Paschinyan rechtfertigt ihr Vorgehen mit der angeblichen Einflussnahme Moskaus auf die armenische Kirche. Russland, das ebenfalls als traditionelle Schutzmacht der Armenier gilt, stecke hinter den Bischöfen – als Teil eines Plans zur Destabilisierung des prowestlichen Kurses. Tatsächlich gilt der 2023 ins Exil gedrängte russisch-armenische Oligarch Samvel Karapetyan – enger Vertrauter von Karekin II. – als Verbindungsmann zur russischen Geschäfts- und Machteliten. Doch Kritiker wie die Journalistin Aza Babyan sehen darin ein durchsichtiges Manöver: Jede Opposition werde reflexartig mit dem „Stempel des Kremls“ versehen. Tatsächlich ist Russland seit dem Fall von Bergkarabach 2023 faktisch aus dem Südkaukasus verdrängt. Der neue Druck auf die Kirche scheint vielmehr einem Wunsch Aserbaidschans und der Türkei zu entsprechen: keine Forderungen mehr nach Rückkehrrechten, keine Reden mehr über armenisch-christliches Kulturerbe in Bergkarabach – und keine Patriarchen mit einer Paralleldiplomatie mehr, die auf internationalen Foren unbequeme Fragen stellen.
Schweizer Friedensinitiative
Beobachter sehen hinter der aktuellen Eskalation weniger die mutmaßlichen Umsturzpläne als ursächlich, sondern unter anderem die „Schweizer Friedensinitiative für Bergkarabach“, die eine nachhaltige politische Lösung für die Karabach-Armenier fordert. Zur Unterstützung der Initiative hatte Ende Mai Karekin II. Bern besucht und bei einer Konferenz des Weltkirchenrates die Vertreibung der Armenier als „ethnische Säuberung“ bezeichnete und auf internationaler Bühne das Rückkehrrecht verteidigt. Armenische Kreise gehen davon aus, dass Aserbaidschan als Friedensbedingung fordert, dass Armenien solche öffentlichen Äußerungen in Bezug auf Bergkarabach unterbindet.
Kann Armenien überleben?
Was sich in Armenien vollzieht, ist mehr als ein Machtkampf. Ein Volk, das bislang durch Kirche und Mönchtum sein Erbe bewahren konnte, soll nun in ein rein zivilgesellschaftliches Projekt verwandelt werden – passend zu den kosmopolitischen Visionen aus Paris und Brüssel. CSI warnt jedenfalls davor, denn der Laizismus nach französischem Vorbild widerspräche dem armenischen Selbstverständnis völlig. Zudem hat sich das westliche, liberale Modell nach dem Zweiten Weltkrieg im Schutz der euro-atlantischen Hegemonie entwickelt. Das kleine Armenien hingegen wird derzeit geopolitisch zwischen Aserbaidschan, Iran und der Türkei wie zwischen widerstreitenden Interessen Brüssels, Moskaus und Washingtons zerrieben. Und die Frage scheint offen, ob Armenien als Gemeinwesen überleben kann, wenn es die eigene Wurzel kappt; ob daraus ein stabiler Staat entsteht oder ein neues Vakuum, das wieder von außen gefüllt werden muss? In der Diaspora regt sich jedenfalls Unmut – nicht nur in Marseille oder Beirut, sondern auch in den USA, wo Armenier traditionell ebenfalls politisch bestens vernetzt sind und in Donald Trump einen Fürsprecher haben sollen.


