„Der Geist des Völkermords an den Armeniern lebt weiter“

Zum 111. Jahrestag warnt CSI-Präsident John Eibner in der Frankfurter Paulskirche: Der Geist des Völkermords an den Armeniern lebt fort. Für den Westen und seine zweifelhaften Verbündeten ist dies eine unbequeme Wahrheit. Wir dokumentieren die gesamte Rede vom 25. April 2026.

Exzellenz, hochwürdigster Herr Bischof Isakhanyan, sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Eskandari-Grünberg, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, sehr geehrte geistliche Vertreter, sehr geehrter Herr Vorsitzender Spangenberg, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Ich möchte zunächst dem Präsidenten des Zentralrats der Armenier in Deutschland, Jonathan Spangenberg, und dem Bischof der Armenischen Kirche in Deutschland, Serovpé Isakhanyan, für die freundliche Einladung herzlich danken.

Es ist mir eine große Ehre, bei diesem feierlichen Anlass sprechen zu dürfen, um des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich zu gedenken. Es ist bekanntlich der erste der großen und grausamen Genozide im 20. und 21. Jahrhundert.

Die Ehre ist umso größer, wenn ich daran denken, welche bedeutenden Redner auf diesem Podium gestanden haben. Sie alle hingen verschiedenster religiöser, weltanschaulicher und politischer Überzeugungen an. Sie alle hat über Jahrzehnte das Gedenken an die Opfer des Genozids geeint.

Es ist daher nur angemessen, dass wir die Gedenkfeier hier in der Paulskirche begehen – einem Ort voller Symbolkraft für ein geeintes, verfassungsstaatliches Deutschland.

Heute ehren wir in erster Linie die zahllosen Opfer, die während des Völkermords an den Armeniern erschossen, erschlagen oder zu Tode gehungert wurden. Es waren weit mehr als eine Million armenische Christen. All das geschah in einem Osmanisch-Türkischen Kalifat, das offiziell einen Dschihad ausgerufen hatte.

Wir gedenken ebenso jener Armenier, denen es gelang, unter Lebensgefahr in die Sicherheit Syriens oder des russischen Kaukasus zu flüchten.

Wir dürfen auch jene nicht vergessen, die überlebten, indem sie zum Islam konvertierten. Dies war einer der wenigen Wege, das eigene Leben zu retten. Er betraf vor allem armenische Frauen, die in Gefangenschaft geraten waren.

Armenische Frauen wurden gezwungen, als Ehefrauen oder Konkubinen kurdischer oder türkischer Muslime zu leben. Man raubte ihnen ihre religiöse und ethnische Identität. Auch ihren Nachkommen wurde das armenisch-christliche Erbe verweigert. Viele von ihnen leben heute in der Türkei – ohne zu wissen, woher sie wirklich kommen.

Eine weitere Gruppe von Opfern dieser Genozid-Epoche möchte ich ebenfalls hervorheben. Es sind die syrischen, assyrischen, aramäischen Christen und die Griechen. Diese Gemeinschaften erlitten weitgehend dasselbe Schicksal – zur selben Zeit, im selben osmanischen Raum und aus denselben Gründen. Gründe, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

Diese Erinnerungen sind schmerzhaft für die Opfer und ihre Nachkommen – und für jenen Teil der Menschheit, der überzeugt ist: Verbrechen gegen die Menschlichkeit dürfen auf diesem Planeten keinen Platz haben.

Das Gedenken an den Genozid ist gleichzeitig unbequem. Unbequem für die, die in der Nachfolge der Täter stehen und die den Völkermord ohne Reue leugnen. Und unbequem für deren geopolitische und wirtschaftliche Partner.

Viele dieser Mächte sprechen gewohnheitsmäßig über Menschenrechte, Religionsfreiheit und europäische Werte. „Nie wieder“ ist zum Mantra geworden.

Und doch bleibt die Erinnerung an den Genozid für sie lästig. Denn der Völkermord an den Armeniern ist nicht einfach ein Ereignis, das versteinert und zu einem Fossil der Geschichte geworden ist. Er liegt nicht in den tiefen Schichten des frühen 20. Jahrhunderts begraben.

Die Wahrheit ist: Der Geist des Völkermords an den Armeniern lebt fort. Er überwindet Zeit und Raum. Er reicht weit über das Territorium des osmanischen Kalifats hinaus. Er reicht weit über die Jahre des Ersten Weltkriegs hinaus.

Im Rückblick erkennen wir diesen Geist bereits vorher. Im Massaker von Bartak an den Bulgaren im Jahr 1876; in den Hamidischen Massakern an den Armeniern zwischen 1894 und 1896. Für beide ist die osmanische Regierung direkt verantwortlich.

Wir wissen auch, dass der Völkermord an den Armeniern aus dem osmanischen Territorium in den Kaukasus übergriff – in Form anti-armenischer Massaker und Pogrome. Enver Paschas Islamische Armee des Kaukasus stand dabei an vorderster Front.

Die darauf folgende, nie abreißende Kette solcher Gewalt hat im Laufe der Jahre zur ethnisch-religiösen Vertreibung der armenischen Christen aus der gesamten Republik Aserbaidschan geführt. Zwei der grausamsten Glieder dieser Kette waren die Massaker von Sumgait und Baku.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Gewalt erst vor drei Jahren, als Aserbaidschan Bergkarabach militärisch angriff – nach einer neunmonatigen, menschenverachtenden Blockade. Es war ein Genozid, wie Luis Moreno Ocampo vor zwei Jahren hier in der Paulskirche bestätigt hat.

Dieser Akt des Völkermords gehört beschämenderweise nicht der Vergangenheit an – er gehört zu unserer Zeit. Die Schande, dass ein solches Verbrechen gegen die Menschlichkeit innerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa geschehen konnte, wird noch vertieft durch die bewusste Untätigkeit ihrer Mitgliedsstaaten. Sie sind ihrer Pflicht zur Genozidprävention nicht nachgekommen.

Es gibt viele weitere Beispiele dafür, wie der Geist des Völkermords an den Armeniern Zeit und Raum überwindet.

Zu nennen sind Hitlers Vernichtung der Juden und anderer Gruppen während des Zweiten Weltkriegs sowie die militärische Vertreibung der griechischen Christen aus Nordzypern durch die Türkei.

Wer das Schicksal der dezimierten armenisch-christlichen Gemeinschaft von Aleppo kennt, versteht: Dieser Geist ist lebendig – auch heute noch, im türkischen Einflussbereich in Syrien.

Wenn ich vom Geist des Völkermords an den Armeniern spreche, meine ich kein Phantom. Jeder westliche Politikwissenschaftler kann dieses Phänomen untersuchen, indem er die dahinterstehende Ideologie analysiert.

Es ist eine Ideologie, die westliche demokratische Werte ablehnt. Sie verbindet einen althergebrachten muslimischen Suprematismus osmanischer Prägung mit einem modernen pan-türkischen Ultranationalismus.

Dies ist die Ideologie dessen, was ich das türkisch-aserbaidschanische Tandem nenne. Es gründet sich auf das, was die Präsidenten der Türkei und Aserbaidschans „eine Nation, zwei Staaten“ nennen.

Wie jede religiöse und ethnische Suprematismus-Ideologie entfaltet auch diese ihr Vernichtungspotenzial besonders in Kriegszeiten und politischen Krisen.

Gemäß dieser Ideologie können nicht-muslimische und nicht-türkische Gemeinschaften in ihrem Einflussbereich zwei Rechte nicht besitzen: politische Rechte, die zur Selbstbestimmung führen könnten – und Ansprüche auf angestammtes Land innerhalb der muslimisch-türkischen Einflusssphäre. Die Ausübung dieser Rechte stellt die muslimische und türkische Vorherrschaft in Frage.

Es war diese Ideologie, die die ultranationalistischen Jungtürken antrieb, den Genozid im Rahmen eines offiziellen Dschihads zu begehen. Es ist dieselbe Ideologie, die von den Herrschern der heutigen Türkei und Aserbaidschans vertreten und vorangetrieben wird. Und es ist diese Ideologie, die ihre eng miteinander verflochtenen neo-osmanischen und pan-türkischen Projekte antreibt.

Das Ziel: eine große Einflusssphäre zu schaffen, die sich von Deutschland bis nach Zentralasien erstreckt – einschließlich Armeniens.

Bergkarabach ist heute eine ethnisch-religiös gesäuberte Region. Seine armenisch-christlichen Bewohner wurden vertrieben. Nun haben die Türkei und Aserbaidschan die Republik Armenien ins Visier genommen – oder „Westarerbaidschan“, wie es der diktatorische Präsident Ilham Alijew nennt. Ankara und Baku bedrohen die kleine Republik Armenien mit Krieg.

Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan sagt, dieser Krieg könnte bereits im kommenden September ausbrechen.

Die Türkei und Aserbaidschan knüpfen ihren Frieden an Bedingungen, die die Republik Armenien ihrer eigentlichen Existenzberechtigung berauben würden – nämlich, ein sicherer Hafen für die Opfer des Völkermords und ihre Nachkommen zu sein.

Unter den vielen Forderungen, die die armenische Regierung erfüllen soll, um eine erneute Aggression abzuwenden, sind zwei besonders relevant für das heutige Gedenken.

Die erste: öffentliche Diskussionen über die ethnisch-religiöse Vertreibung aus Bergkarabach zu unterbinden. Die zweite: die Unterstützung für die internationale Anerkennung des Völkermords an den Armeniern zurückzufahren.

Die armenischen Behörden kommen diesen Forderungen nach. Dabei missbrauchen sie mitunter das Rechtssystem und setzen staatliche Zwangsmittel ein – ähnlich wie es in der Türkei und in Aserbaidschan geschieht.

Die armenische Regierung empfindet den Völkermord heute, wie die Türkei und Aserbaidschan, als politisch unbequem. Das wurde der Öffentlichkeit deutlich vor Augen geführt, als Paschinjan den US-Vizepräsidenten JD Vance nicht zur armenischen Gedenkstätte begleitete.

Sichtbar wurde es auch bei der Entlassung der Direktorin des Genozidmuseums, Dr. Edita Gzoyan. Ihr „Vergehen“ bestand darin, den US-Vizepräsidenten über den Genozid unterrichtet zu haben. Sie ging dabei über den historischen Rahmen des Osmanischen Reichs hinaus und informierte ihn auch über die Situation in Bergkarabach.

Wie unbequem der Völkermord an den Armeniern geworden ist, zeigt sich auch am berüchtigten, gelöschten Tweet von Vance, in dem er den Opfern des Genozids seinen Respekt gezollt hatte.

Dieser gelöschte Tweet ist ein Beleg dafür, wie weit die mächtigste Nation der Erde bereit ist, sich selbst zu zensieren – um sich mit genozidleugnenden geopolitischen und wirtschaftlichen Partnern zu arrangieren, die einer extremistischen Ideologie anhängen.

Wir sollten damit rechnen, dass europäische Staats- und Regierungschefs Anfang nächsten Monats in Jerewan ähnlich handeln. Leider ist davon auszugehen, dass sie den Genozid und sein jüngstes Kapitel in Bergkarabach herunterspielen – oder gänzlich verschweigen.

Beim EU-Armenien-Gipfel und dem Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft – an dem auch das türkisch-aserbaidschanische Tandem teilnehmen wird – ist das einst modische Schlagwort „Nie wieder“ aus dem Munde europäischer Führungspersönlichkeiten kaum zu erwarten.

Auch für die Europäer wird die Erinnerung an den Völkermord zunehmend unbequem.

Ich erwähne diese jüngsten Entwicklungen nicht, um einen bereits brodelnden Topf weiter zum Kochen zu bringen. Aber die Wahrheit ist: Der Topf kocht – und er beginnt überzulaufen.

Wir leben in einer Zeit, in der das türkisch-aserbaidschanische Tandem Armenien mit neuen militärischen Aggressionen bedroht. Wir leben gleichzeitig in einer Zeit, in der Deutschland und das übrige Europa tief in den Krieg um die Ukraine verstrickt sind.

Die europäischen Regierungen von Großbritannien im Westen bis Russland im Osten rüsten auf. Alle folgen dem Wiedererstarken einer politischen Kultur des Rechts des Stärkeren. In dieser Kultur sind internationale Menschenrechtsinstrumente nichts weiter als Werkzeuge – selektiv eingesetzt gegen Gegner, vergessen wenn es um strategische und wirtschaftliche Partner geht.

In solchen Zeiten bekommt der Geist des Völkermords an den Armeniern freien Lauf.

Nach dem Abschluss seines Armenienbesuchs erklärte Vance, der seinen Genozid-Tweet gelöscht hatte, pointiert: „Frieden wird nicht von Menschen gemacht, die zu sehr in der Vergangenheit verhaftet sind. Frieden wird von Menschen gemacht, die auf die Zukunft blicken.“

Solche Worte sollten uns an eine Wahrheit erinnern, die der Prophet Jeremias in ähnlich bedrängten Zeiten ausgesprochen hat: „Den Schaden meines Volkes möchten sie leichthin heilen, indem sie sagen: Frieden, Frieden! Aber da ist kein Frieden.“ (Jeremias 6,14)

Die Wunden des armenischen Volkes werden tatsächlich leichtfertig behandelt von jenen, die an der Macht sind, während sie „Frieden, Frieden“ rufen. Aber ein so schweres Leiden leichtfertig zu behandeln – das ist kein Rezept für dauerhaften Frieden.

Ich vertraue lieber der bewährten Weisheit Shakespeares als den Worten eines amerikanischen Politikers. Shakespeare hat es berühmt und schlicht auf den Punkt gebracht: „Das Vergangene ist der Prolog.“ Anders gesagt: Die Vergangenheit ist das Tor zur Zukunft und ihr Wegweiser. Wer es versäumt, die Vergangenheit zu betrachten, zu analysieren und zu verstehen, dem drohen immer wieder vermeidbare Katastrophen.

Diese Wahrheit unterstreicht, wie wichtig das öffentliche Gedenken an diesen Völkermord ist – in all seinen zeitlichen und räumlichen Erscheinungsformen. Das ist eine große Verantwortung, wenn wir uns um nachhaltigen Frieden und um Versöhnung auf der Grundlage von Gerechtigkeit bemühen.

Wer dieser Verantwortung nicht nachkommt, öffnet die Tür für den entmenschlichenden Geist des Völkermordes an den Armeniern – und andere ihm verwandte, teuflische Kräfte. Sie suchen heute nicht nur die armenische Nation heim, sondern die gesamte Menschheit.