Die Kirche in Nigeria blüht – und blutet zugleich

Eine neue Studie belegt, dass eine gezielte Verfolgung gegen Christen in Nigeria stattfindet. Durchschnittlich werden 11 nigerianische Christen pro Tag ermordet. Dennoch blüht das Christentum in dem Land.

Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in Nigeria zwischen 2020 und 2023 durchschnittlich 11 Christen pro Tag getötet wurden. Die Forscher führen diese Opferzahlen auf gezielte Verfolgung zurück und nicht auf die allgemeine Unsicherheit, auf die nigerianische Amtsträger verweisen.

Der Bericht deutet darauf hin, dass Nigeria die Heimat einer Kirche ist, die zeitgleich wächst und anhaltender Gewalt ausgesetzt ist. Die Autoren fordern die internationale Gemeinschaft und die nigerianische Regierung auf, Angriffe, die sich aufgrund ihres Glaubens gegen Christen richten, von der allgemeinen kriminellen Gewalt abzugrenzen, die das Land betrifft.

„Thriving in the Midst of Persecution: The Church in Nigeria“ [Aufblühen inmitten von Verfolgung: Die Kirche in Nigeria] wurde Ende Juli 2026 von der Lausanner Bewegung verfasst, einem globalen evangelikalen Netzwerk, das Konferenzen und Forschung zu christlicher Missionsarbeit organisiert. Unter Berufung auf Daten der Para-Mallam Peace Foundation und des Observatory for Religious Freedom in Africa stellt der Bericht fest, dass im Vierjahreszeitraum rund 30.880 Zivilisten durch verschiedene Formen von Gewalt starben. Davon waren 16.769 Christen und 6.235 Muslime.

Umgerechnet auf den Vierjahreszeitraum bzw. rund 1.461 Tage entspricht diese Zahl 11,4 getöteten Christen pro Tag. Da auf jeden getöteten Muslim etwa 2,7 getötete Christen kamen, deutet der Bericht nachdrücklich darauf hin, dass Christen Opfer identitätsbasierter Angriffe sind.

Dennoch behaupten das nigerianische Präsidialamt und das Informationsministerium, die Gewalt werde durch Kriminalität sowie ethnische Konflikte angetrieben. Jegliche Vermutung, die Tötungen kämen einem Völkermord an Christen gleich, beruhe auf Fehlinformationen oder fehlerhaften Daten.

Vertreter der Regierung haben dieses Argument wiederholt, während die internationale Aufmerksamkeit für die Opferzahlen in Nigeria wuchs – unter anderem nachdem die Vereinigten Staaten Nigeria im Jahr 2025 als „Land von besonderer Besorgnis“ (Country of Particular Concern) wegen Verletzungen der Religionsfreiheit eingestuft hatten.

Muster der Gewalt im Middle Belt

Angriffe in den Bundesstaaten Plateau, Benue, Süd-Kaduna, Nasarawa und anderen Regionen im nigerianischen Middle Belt – dem Gebiet, in dem der überwiegend muslimische Norden auf den weitgehend christlichen Süden trifft – folgen demnach einem wiederkehrenden Muster: Dörfer werden nachts überfallen, Kirchen und Pfarrerhäuser niedergebrannt, Lebensmittellager zerstört und das verlassene Agrarland besetzt.

Der Bericht verweist zudem auf den Pfingstangriff im Jahr 2022 auf die katholische Kirche Sankt Franz Xaver in Owo im Bundesstaat Ondo im Südwesten des Landes als Beweis dafür, dass Christen auch in anderen Teilen des Landes von solchen Angriffen nicht verschont bleiben.

Er zitiert Daten, die zeigen, dass Ende 2024 rund 3,4 Millionen Menschen aufgrund von Gewalt innerhalb des Landes vertrieben waren, viele von ihnen Christen.

Historische und rechtliche Ursachen

Das Kalifat von Sokoto, ein 1804 gegründeter islamischer Staat, der sich über große Teile des heutigen Nordnigeria erstreckte, bildet den Ausgangspunkt der historischen Darlegung der Studie. Sie verknüpft dessen Erbe mit dem System der britischen kolonialen „indirekten Herrschaft“ (indirect rule), die über bestehende lokale Behörden regierte und die religiösen sowie administrativen Strukturen des Kalifats nach der Unabhängigkeit weitgehend intakt ließ.

Dieses Erbe, so der Bericht, verband sich mit dem Aufstieg extremistischer Gruppen wie Boko Haram und deren Ableger, der Provinz Westafrika des Islamischen Staats (ISWAP). Beide greifen christliche Gemeinschaften an, während sie versuchen, ihre eigene Interpretation des islamischen Rechts durchzusetzen.

Darüber hinaus habe die Einführung des Scharia-Strafrechts in 12 nördlichen Bundesstaaten seit 1999 den Spielraum verengt, in dem religiöse Minderheiten ihren Glauben ohne Einschränkungen ausüben können.

Christen im Norden Nigerias haben demnach Schwierigkeiten, Genehmigungen für den Bau von Kirchen zu erhalten, und riskieren Anschuldigungen wegen Blasphemie. Dies war etwa bei Deborah Samuel der Fall, einer Studentin im Bundesstaat Sokoto, die 2022 von muslimischen Mitstudenten gelyncht wurde. Der Bericht führt zudem Fälle von Zwangskonversionen und der Verheiratung minderjähriger christlicher Mädchen an.

Im April 2025 entschied der Gerichtshof der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS), dass bestimmte Blasphemiebestimmungen im Strafgesetzbuch des Bundesstaates Kano gegen internationale Menschenrechtsstandards verstoßen – eine Entscheidung, die die Autoren als Beleg dafür werten, dass Nigerias Blasphemiegesetze rechtlich zunehmend unter Druck geraten.

Internationale Standards und Verpflichtungen

Nigeria ist Vertragsstaat des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, der in Artikel 18 das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit schützt, einschließlich der Freiheit, seine Religion durch Gottesdienst, Beachtung religiöser Bräuche, Ausübung und Unterricht zu bekunden.

Derselbe Schutz findet sich in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in Artikel 8 der Afrikanischen Charta der Rechte der Menschen und Völker, die Nigeria ebenfalls ratifiziert hat. Diese Instrumente verpflichten den nigerianischen Staat dazu, die Religionsausübung nicht direkt einzuschränken und Einzelpersonen vor Gewalt durch nichtstaatliche Akteure aufgrund ihrer Religion zu schützen.

Das dokumentierte Muster der Angriffe stellt zusammen mit den Hürden beim Kirchenbau und den angeführten Blasphemieverfolgungen die Frage, inwieweit Nigeria dieser Verpflichtung nachgekommen ist – unabhängig von den Darstellungen der Regierung über die Ursachen der Gewalt.

Die Autoren schreiben, dass die Sichtbarkeit von Nigerias Megakirchen und seinen Gospelmusikern im Ausland die Gewalt in ländlichen Regionen überdecken könnte.

„Eine aufblühende Kirche ist kein Zeichen von Sicherheit; sie ist vielmehr das Zeichen eines Glaubens, der sich weigert zu sterben“, schließt der Bericht.

Der Beitrag stammt von Adamu Madugu und ist Teil der Reihe „CSI Fellowship for Nigerian Voices“.

„CSI Fellowship for Nigerian Voices“ ist ein sechsmonatiges Programm für eine ausgewählte Gruppe nigerianischer Journalisten. Es soll ein Schlaglicht auf den Überlebenskampf werfen, dem die lokalen christlichen Gemeinschaften im Middle Belt ausgesetzt sind.