Erzbischof Bagrat – Gefangen im armenischen Kulturkampf

Photo credit: @SrbazanBagrat/X

Armeniens Erzbischof Bagrat sitzt seit sieben Monaten in Haft. Der Vorwurf: Putschversuch. In Wirklichkeit soll die armenische Kirche entmachtet werden.

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Sieben Monate. So lange ist es her, seitdem Bagrat Galstanjan inhaftiert wurde. Galstanjan ist Erzbischof von Tawusch und damit einer der wichtigsten Prälaten der armenisch-apostolischen Kirche. Der Vorwurf: Der Erzbischof habe versucht, gegen die Regierung von Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan zu putschen.

„Die Sicherheitsorgane haben einen groß angelegten und heimtückischen Plan der kriminellen Oligarchie zur Destabilisierung der Lage in der Republik Armenien und der Machtergreifung verhindert“, schrieb Paschinjan auf Facebook. Die Behörden warfen Galstanjan vor, er und seine Anhänger hätten die Bildung von Stoßtrupps geplant. Auch Terroranschläge seien erörtert worden. Abgehörte Telefongespräche wurden als Belege vorgeführt.

Das alles geschah am 25. Juni 2025. Polizisten führten Bagrat ab. Er war nicht der einzige. Auch weitere Geistliche und Politiker der Opposition wurden festgenommen. Der Erzbischof, der die Proteste gegen die Regierung seit Monaten anführte, wurde plötzlich kaltgestellt. Mittlerweile sitzen vier Bischöfe der armenisch-apostolischen Kirche im Gefängnis. Einer von ihnen, Mikael Ajapahyan, wurde bereits zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die armenische Kirche sieht das Urteil als politisch motiviert an.

Protestführer gegen die Vertreibung aus Bergkarabach

Bagrat war als Protestführer und Redner eines der bekanntesten Gesichter der Opposition. Bereits im Mai 2024 führte er einen Protestmarsch in Tawusch. Zehntausende schlossen sich an. Hintergrund: Das Schicksal der Armenier aus Bergkarabach, die im Zuge von Krieg und Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten. Die Armenisch-Apostolische Kirche ist der letzte Anwalt dieser Flüchtlinge. Im Herbst 2023 wurden aus Bergkarabach 120.000 christliche Armenier vertrieben.

Das ist der eigentliche Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen Paschinjan und Bagrat. Die Regierung in Jerewan will einen Schlussstrich unter die Tragödie von Bergkarabach ziehen – indem sie nicht weiter darüber redet. Zu diesem „neuen Geschichtsbewusstsein“ gehört auch eine Aussage Paschinjans, nicht mehr so häufig vom Genozid an den Armeniern zu sprechen.

Die Kirche als identitätsstiftende Gemeinschaft aller Armenier sieht sich da alarmiert. In den Jahrhunderten, in denen es keinen armenischen Staat gab, war sie Bezugspunkt eines verstreuten Volkes, das unter Diskriminierung, Verfolgung und Vertreibung zu leiden hatte. Die Zerstörung der armenischen Geschichte in Bergkarabach gehört zu diesen Geschichtskapiteln. Das „neue“ Armenien, das Paschinjan will, wendet sich der Europäischen Union zu und ist bereit, auf seine Ansprüche zu verzichten, wenn es in Frieden mit Aserbaidschan leben kann.

Sorgen vor weiteren Expansionsgelüsten Aserbaidschans

Dass Aserbaidschan sich allerdings in der Vergangenheit wenig für Frieden interessiert hat, und möglicherweise weitere Expansionsgelüste haben könnte – etwa, um einen Korridor zu seiner Exklave Nachitschewan aufzubauen – besorgt viele Armenier. Zudem unterhält Baku traditionell eine Allianz zur Türkei. Armenien liegt zwischen den beiden Ländern wie eingezwängt. Den Völkermord, den das Osmanische Reich an den Armeniern verübt hat, erkennt der türkische Nachfolgerstaat immer noch nicht an.

Insofern war es folgerichtig, dass Bagrat seine Proteste im Namen der armenischen Flüchtlinge aus Bergkarabach organisierte, unter dem Motto: „Tawusch für die Heimat“. Bagrat forderte schon damals den Rücktritt Paschinjans. Anlass war die Übertragung von vier Dörfern an Aserbaidschan, die an die Provinz Tawusch angrenzten. Plötzlich avancierte der Erzbischof zur „umstrittenen Persönlichkeit“, die sich mit der Regierung anlegte.

Ein Geistlicher als Revolutionär? Galstanjans Vita lässt das eher nicht vermuten. Geboren 1971 in Gjumri, der zweitgrößten Stadt des Landes, zeichnete er sich durch eine ausgezeichnete Abschlussarbeit aus. Der Katholikos Karekin I., das Oberhaupt der armenischen Kirche, ordinierte ihn zum Priester. Seitdem trägt er den Namen Bagrat – in Erinnerung an Bagrat Vardazarian, der als Märtyrer unter sowjetisch-kommunistischer Herrschaft starb. Bis dahin hieß er Vazgen.

Von Leeds ins Gefängnis

Der Katholikos schickte ihn 1998 in das Vereinigte Königreich, um dort in Leeds zu studieren. Von 1996 bis 2000 war Bagrat aktives Mitglied des Organisationskomitees für die Feierlichkeiten zum 1700. Jahrestag der Einführung des Christentums in Armenien. 2003 wurde er zum Bischof geweiht, 2023 zum Erzbischof. Er nahm an hochkarätigen Veranstaltungen als Gast teil, so etwa beim Diamantenen Regierungsjubiläum von Königin Elisabeth II. im Jahr 2013.

Doch die Eskalation des armenischen Kulturkampfs macht das heute alles vergessen. Paschinjan hat in jüngster Zeit sogar versucht, den aktuellen Katholikos, Karekin II., zu delegitimieren und spekuliert auf dessen Absetzung. Wenige Wochen vor dem angeblichen Putsch von Erzbischof Bagrat warf der Ministerpräsident dem Katholikos vor, den Zölibat gebrochen zu haben. Er habe ein Kind und müsse daher zurücktreten, wenn er nicht das Gegenteil beweisen könne. Paschinjan kündigte an, sonst eine Kommission einzusetzen, um Karekin abzusetzen und einen neuen Katholikos wählen zu lassen.

Was für einen Bruch ein solches Vorgehen bedeutet, zeigt die armenische Verfassung. In Artikel 18 der armenischen Verfassung heißt es, dass die Republik Armenien die besondere und exklusive Mission der armenisch-apostolischen Kirche anerkennt, sogar als Nationalkirche; dass sie eine besondere Position innehat im geistlichen Leben des armenischen Volkes und für die Entwicklung der nationalen Kultur und den Schutz und die Bewahrung der nationalen Identität von besonderer Bedeutung ist. All das spielt für die aktuelle armenische Regierung offensichtlich keine Rolle mehr.

Eine staatszentrierte Kirche – westliches Schweigen

Am 22. Januar ist es zu einer Anhörung Bagrats vor Gericht gekommen – hinter verschlossenen Türen. Die Staatsanwaltschaft hält daran fest, dass der Erzbischof mit Terroranschlägen gegen die Regierung putschen wollte. Stellvertretend für eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt sitzt Bagrat auf der Anklagebank. Paschinjan hat angekündigt, er wolle die Kirche ersetzen, durch eine „reine und staatszentrierte Kirche“. Das wäre das Ende der Trennung von Staat und Kirche. Der Westen, der sich für die Aufnahme Armeniens in die EU einsetzt, schweigt dazu.