Jacques Mourad ist als Erzbischof von Homs eine der prominentesten christlichen Stimmen Syriens. Die Verfolgung von Minderheiten, Repressionen gegen angebliche Kollaborateure und das Desinteresse des Westens sorgen dafür, dass für die Christen Syriens noch schwerere Zeiten aufziehen.
Der Erzbischof von Homs, Jacques Mourad, hat letzte Woche für Wirbel in den Medien gesorgt. Mourad, einer der profiliertesten Kirchenvertreter Syriens, erlangte Berühmtheit, als er 2015 von IS-Terroristen entführt und vier Monate lang gefangen gehalten wurde. In Wien erklärte Mourad in einem Pressegespräch, dass er syrischen Emigranten davon abraten würde, angesichts der derzeitigen Lage in ihre Heimat zurückzukehren.
„Wir glaubten, endlich Freiheit erlangt zu haben und ich habe in dieser Nacht endlich wieder einmal tief und gut geschlafen“, beschreibt der Erzbischof die trügerische Hoffnung, als das Assad-Regime am 8. Dezember 2024 stürzte. „Nur zwei Monate später kam es zu bewaffneten Zusammenstößen, und islamistische Milizen begannen, alawitische Zivilisten anzugreifen. In diesem Moment wurde mir klar, dass wir immer noch keine Freiheit hatten. Mein Kampf für die Freiheit begann von Neuem.“
Racheaktionen gegen religiöse Minderheiten
Laut Mourad seien Rache- und Vergeltungsaktionen gegen religiöse Minderheiten an der Tagesordnung. Besonders Alawiten und Drusen litten darunter. Oftmals würden Kollaborationsvorwürfe mit dem ehemaligen Assad-Regime vorgeschoben. Unter Christen wachse die Angst, dass auch sie bald offen angegriffen werden könnten. Syrien bleibe ein unsicheres Land. „Erst vor wenigen Tagen hatten wir wieder einen Mord an einer Mutter und ihren zwei Kindern. Und solche Vorfälle gibt es viele.“
Am neuen Regime von Ahmad al-Scharaa übte der Erzbischof scharfe Kritik: Es sei nicht imstande oder nicht gewillt, gegen die grassierende Gewalt in Syrien vorzugehen. Sunnitische Milizeinheiten durchstreiften das Land. Syrien, das früher als säkularer Staat Garant der ethnischen und religiösen Vielfalt war, drohe von einer islamistischen Ideologie beherrscht zu werden. Das stehe im Gegensatz zum moderaten Image, das sich das Regime im Ausland gebe.
„Niemand scheint sich wirklich um das syrische Volk zu sorgen“
Die Mehrheit des Parlaments bestehe aus islamischen Fundamentalisten. Unter den Abgeordneten seien nur sechs Christen und fünf Frauen. Kritik äußerte er aber auch an den USA, Israel und der Europäischen Union. Ihnen seien die wahren Verhältnisse in Syrien offenbar egal. „Niemand scheint sich wirklich um das syrische Volk zu sorgen“, sagte Mourad. Für die christliche Minderheit, die von 2 Millionen auf 300.000 gefallen sei, habe das verheerende Auswirkungen: „Wenn das so weitergeht, stirbt das Christentum in dieser Region aus.“
Besonders schwer treffe die Menschen die wirtschaftlich katastrophale Situation im Land. Viele Syrer, so sagte er, könnten sich Grundbedürfnisse wie Lebensmittel, Gesundheitsversorgung und Wohnraum nicht mehr leisten. Die medizinische Versorgung sei nach wie vor stark eingeschränkt, während die Arbeitslosigkeit junge Syrer weiterhin dazu zwinge, im Ausland nach neuen Chancen zu suchen. Anstatt eine verfrühte Rückkehr von Flüchtlingen zu fördern, forderte er Regierungen und internationale Organisationen auf, durch Bildung, Beschäftigung und nachhaltige Entwicklung in den Wiederaufbau Syriens zu investieren.
Christian Solidarity International (CSI) hat in der Vergangenheit immer wieder auf die prekäre Lage in Syrien hingewiesen und hilft weiterhin durch zahlreiche humanitäre Projekte für notleidende Kinder, Familien und alte Menschen in Damaskus, Homs, Aleppo, Tartus und weiteren Landesteilen. Seit der Machtübernahme durch den Dschihadistenführer Ahmad al-Scharaa hat das Regime zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zu verantworten. Erst am 17. Juli hat CSI den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen auf die rechtswidrige Inhaftierung des christlichen Bürgermeisters Suleiman Khalil hingewiesen. Ebenso hat CSI das Schicksal zahlreicher weiterer Entführungsopfer aus religiösen Minderheiten zur Sprache gebracht.
Lesen Sie hier den aktuellen Überblick zu Syrien von Christian Solidarity International.


