Bei einer Kundgebung fordern indische Politiker die Schließung von Kirchen und gedenken eines hindu-nationalistischen Anführers, der gegen Christen agitierte – das alles in einem Distrikt, wo bereits vor 18 Jahren ein christenfeindliches Pogrom wütete. Die Angst der Christen ist groß, dass die Verfolgung zurückkehrt.
Foto: Zerstörte Kirche in Kandhamal im Jahr 2008, All India Christian Council, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
In Kandhamal sind die Ausschreitungen gegen Christen noch in wacher Erinnerung. Im August 2008 kam es zu pogromartigen Zuständen in diesem Distrikt, der im ostindischen Bundesstadt Odisha liegt. Christian Solidarity International (CSI) geht heute von rund hundert Todesopfern aus, nach offiziellen Angaben wurden 39 Menschen getötet. Mehr als 54.000 Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben, rund 5.600 Häuser geplündert oder niedergebrannt. Tausende mussten in die Wälder fliehen und dort in Lagern ausharren.
Kandhamal ist heute ein Symbol für die Christenverfolgung in Indien. Mit 18 Jahren Abstand fand ausgerechnet dort eine Veranstaltung statt, die die hindu-nationalistische Politik Indiens unterstrich. Anwesend waren auch der ehemalige Bildungsminister Dharmendra Pradhan und Dattatreya Hosabale vom hindu-nationalistischen Freiwilligenkorps RSS. Beide besitzen engen Kontakt zu Premierminister Narendra Modi und sind mit der hindu-nationalistischen Ideologie eng verbunden.
Anlass des Treffens: Die Vorstellung einer Biografie über Swami Lakshmanananda Saraswati. Der hindu-nationalistische Politiker galt als eifriger Bekämpfer christlicher Missionierungsversuche. Saraswati wurde am 23. August 2008 von einer bewaffneten Gruppe erschossen. Später bekannten sich maoistische Rebellen zu dem Attentat. Hindu-Nationalisten schürten jedoch das Gerücht, dass in Wirklichkeit die Christen hinter der Tat steckten. Dies war der Auslöser der christenfeindlichen Ausschreitungen.
Christen werden als „Ketzer“ beleidigt
Von Reue, Entschuldigung oder Versöhnungsversuchen ist die indische Politik bis heute entfernt. Stattdessen verorteten sich die Teilnehmer offenbar als Erben von Saraswatis anti-christlicher Ideologie. Odishas Ministerpräsident Mohan Charan Majhi stand der Veranstaltung am 28. Juli vor. Aber noch bevor er das Wort ergriff, forderte ein Redner, dass Odisha „frei von Kirchen“ sei müsse. Hinduistische Religionsführer forderten, dass die Aktivitäten der „Vidharmis“ eingegrenzt werden müssten. „Vidharmi“ ist ein abfälliger Begriff für andere Glaubensgruppen, der so viel wie „Häretiker“ bedeutet.
Ein weiterer Redner bezeichnete Kandhamal als „Labor“, dessen Erfahrungen landesweit übernommen werden müssten. Die hinduistischen Religionsvertreter wurden dazu aufgefordert, jedes Dorf in Kandhamal zu besuchen, um die Gesellschaft zu organisieren und das religiöse und kulturelle Bewusstsein zu stärken. Angesichts der „Erfahrungen“, die die Christen in Kandhamal gemacht haben, sind solche Einlassungen mehr als beunruhigend.
Ministerpräsident Mahji sah trotz der impliziten und expliziten Angriffe auf Christen offenbar keine Veranlassung dazu, seine Vorredner zu korrigieren. Stattdessen betonte er, dass der Hindu-Nationalismus die „Seele Indiens“ sei. Es gebe eine Verschwörung gegen die hindu-nationalistische Bewegung, um das Land zu schwächen und zu verändern. Die Biografie über Saraswati würde in allen öffentlichen Bibliotheken ausgelegt, ein Krankenhaus nach ihm umbenannt und sein Leben und seine Philosophie an Universitäten unterrichtet – staatliche Förderung also für einen Christenhasser.
Religionsfreiheit nur auf dem Papier
Ex-Bildungsminister Pradhan lobte Saraswati für seine Vereidigung „indischer Werte“, er sei ein Freiheitskämpfer und Revolutionär gewesen, dessen Idealen das Volk folgen solle. Schon früher hatte Pradhan ihn als sein Vorbild bezeichnet.
Laut Verfassung herrscht in Indien Religionsfreiheit. Doch bereits in zahlreichen Bundesstaaten gelten sogenannte „Freedom of Religion Acts“, die aber genau das Gegenteils dessen tun, was der Name sagt: sie unterbinden Konversionen und Bekehrungen. Christen werden Opfer von Beschuldigungen, sie würden missionieren und damit gegen das Gesetz verstoßen.
In Kandhamal bekennen sich über 150.000 Menschen zum Christentum – rund 20 Prozent des Distrikts. Die unverhohlenen Drohungen erinnern sie an schmerzhafte Zeiten. Erst im Jahr 2023 hatte es heftige Überfälle, Verfolgungen und Angriffe auf Christen im Bundesstaat Manipur gegeben.


