„In 3000 Jahren äthiopischer Geschichte hat es nie so etwas Katastrophales gegeben“

Seit Jahrzehnten kennt Äthiopien keinen Frieden. Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe des letzten Kaisers, spricht im CSI-Interview über ethnische Spaltung, Menschenrechtsverbrechen und ein Land am Rand des Zerfalls.

Dies ist eine gekürzte Fassung aus dem Jahr 2024. Das vollständige Interview erscheint in einer CSI-Borschüre.

Sehr geehrter Herr Dr. Asserate, als Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed 2018 gewählt wurde, waren Sie einer seiner Unterstützer. Heute gehören Sie zu seinen größten Kritikern. Was ist passiert?

Asfa-Wossen Asserate: Er hat uns alle – inklusive der Weltöffentlichkeit – getäuscht. 2019 hat er den Friedensnobelpreis für seine Aussöhnungspolitik mit Eritrea erhalten. Wenige Jahre später gibt es nun erneut starke Spannungen nicht nur mit Eritrea, sondern im Grunde allen Nachbarländern. Seine Politik hat in Äthiopien zu einem zweijährigen Bürgerkrieg mit der Region Tigray und anhaltenden Konflikten etwa in der Oromo-Region und in Amhara geführt. Der Grund für all das ist letztendlich eine durch und durch rassistische Politik, wie sie in der heutigen Welt einmalig ist.

Und das führt zu den Bürgerkriegen und Konflikten im Land?

Genau genommen haben wir in Äthiopien einen fünfzigjährigen Krieg. Seit der kommunistischen Revolution 1974 hat es kein Jahr gegeben, in dem das äthiopische Volk in wahrem Frieden gelebt hat. Seither war es unmöglich, dass ein einfacher Äthiopier von Moyale im Süden zu Fuß nach Eritrea gehen konnte, ohne dass ihm ein Haar gekrümmt worden wäre. Das heißt, wir befinden uns im Zustand permanenter Konflikte, die immer andere Namen haben. Aber der Konflikt, der uns am meisten zu schaffen macht, ist der, der 1991 nach dem Ende des Kommunismus entstanden ist.

Nach den 17 Jahren Militärherrschaft haben damals viele gehofft, es könnte ein Demokratisierungsprozess entstehen. Was kam stattdessen?

Mit dem Aufstieg der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) 1991 und noch vielmehr der Promulgierung der neuen Verfassung 1995 haben wir einen neuen Apartheidstaat geboren. Äthiopien – das muss man zuerst einmal wissen – ist das einzige Land der Welt, das sich eine „ethnische Föderation“ nennt. Vor uns gab es nur ein weiteres Land, das sich so nannte: der Apartheidstaat in Südafrika! Sie wissen, 1948 verloren dort die anglophilen Parteien die Wahl, die Buren kamen an die Macht. Der erste Apartheid-Ministerpräsident Daniel Francois Malan benutzte dieses neue Wort. Bei einer Pressekonferenz wurde er dann gefragt, was es bedeute. Er sagte: „Apartheid ist nichts anderes als eine ethnische Föderation.“ Und das ist es, was wir in Äthiopien seit 1995 haben!

Was bedeutet das für die Menschen und was meinten Sie mit rassistischer Politik konkret?

Es gibt in Äthiopien mehr als 80 Volksgruppen. Die größten davon sind die Amharen, die Oromo, denen auch Abiy Ahmed angehört, und die Tigray. Die Verfassung vereint nicht, macht die Menschen nicht gleich, sondern unterscheidet sie nach Ethnien. Abiy Ahmed, von dem wir uns erhofft haben, dass er uns eine neue Verfassung geben, diese rassistische Philosophie in Äthiopien beenden und einen echten Demokratisierungsprozess anstoßen würde, spielt stattdessen die verschiedenen Ethnien gegeneinander aus. Das ist offenbar ein Teil seiner Herrschafts-DNS. Deshalb gab es den Krieg in Tigray, von dem wir anfangs dachten, es ginge um die territoriale Integrität und nationale Souveränität des Landes. Dabei hat Abiy nichts anderes getan, als die beiden semitischen Ethnien der Tigray und Amhara gegeneinander aufzuhetzen, damit er dann als Dritter in der Lage sei, seinen Traum eines kuschitischen Reiches in Äthiopien aufzubauen. Abiys Politik ist auch ursächlich für den rigorosen Kampf, den die Amharen seit einem Jahr gegen die Regierung führen. Das ist alles sehr komplex. Im Kern geht es aber um die Frage, wie die Ethnien vom Staat behandelt werden.

Auslöser des Bürgerkriegs mit der Region Tigray waren doch Wahlen, die gegen die Anweisung der Regierung durchgeführt wurden?

Es ist etwas naiv, das zu glauben. Der wahre Grund ist ein anderer. Der Krieg hat angefangen, als die TPLF in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die in Tigray stationierte Nordarmee massakriert hat. Ich erspare Ihnen die furchtbaren Details. Hätte man sie nur erschossen, wäre es eine Gnade gewesen.

Bischof Medhin sprach davon, dass die Menschen während des Bürgerkriegs in Tigray die Hölle durchlebt hätten und bezog sich auf schwerste Menschenrechtsverletzungen, vor allem auch sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Gibt es eine Aufarbeitung dieser Verbrechen oder wird den vermutlich schwer traumatisierten Opfern geholfen?  

Bevor wir dazu kommen, muss man eines klarstellen: In diesem Krieg haben beide Seiten gesündigt. Das heißt, was Sie gerade erzählten, ist nicht nur in Tigray passiert, sondern auch in den amharischen Gebieten. Glauben Sie mir, im Krieg passieren die allerschlimmsten Sachen, deshalb müssen wir mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass Kriege nicht entstehen. Inwiefern die Opfer wirklich Hilfe erhalten, kann ich Ihnen hier und heute nicht sagen. Ich höre aber, dass sich sehr viele ausländische NGOs engagiert haben. Oft allerdings einseitig in Tigray und nicht in den Amharengebieten. Es wäre schön, wenn auch hier die Menschlichkeit in den Vordergrund rückt und man auch dort hilft.

Das Militär scheint ziemlich brutal gegen die Bevölkerung vorzugehen. Man liest etwa von außergerichtlichen Erschießungen in der Amhara-Region …

Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Es leben übrigens mehr als 15 Millionen Amharen außerhalb ihrer Region, die meisten in den Oromo-Gebieten. Viele von ihnen in sechster Generation. Die Kinder sprechen oft kein Amharisch mehr und es gibt zahlreiche gemischte Ehen. Und diese Amharen sind es, die man aus Oromo rausekeln will, sie umbringt, ihre Kirchen verbrennt. Hier sind die unfassbarsten Schandtaten in den letzten Jahren passiert. Dort wurden schwangeren Frauen die Bäuche aufgeschlitzt und ihnen, so sie noch lebten, das Kind in die Arme gelegt und vieles andere gemacht. Davon will die Welt nichts hören.

Wie würden Sie denn ganz allgemein die aktuelle Lage in der Region und hinsichtlich der Menschenrechte im Besonderen beschreiben?

In den 3000 Jahren äthiopischer Geschichte hat es zu keiner Zeit etwas so Katastrophales gegeben wie derzeit. Es ist ja nicht nur so, dass man – Abiy Ahmed ist Oromo – den Terror über Nicht-Oromos ausgesprochen hat. Es werden auch zahlreiche Äthiopier und Ausländer als Geiseln gehalten. Übrigens: Selbst in den Oromo-Gegenden regt sich Widerstand gegen die Regierung. Sie kann eigentlich nur überleben, weil sie in der Türkei Drohnen und sonst wo modernste Waffen gekauft hat.

Etwa 60 Prozent der Bevölkerung sind Christen. Welche Rolle spielen sie in dem Konflikt und sind sie besonders betroffen?

Hunderte Priester sind in den letzten Jahren gestorben, zahlreiche Kirchen und Klöster abgebrannt, vor allem in den Oromo-Gebieten. Angegriffen wurden sie aber nicht von Muslimen, sondern von anderen Christen. Abiy Ahmed ist bemüht, die Einheit der äthiopisch-orthodoxen Kirche zu zerstören, indem er versucht, Synoden zu installieren, die nach Ethnien getrennt und deren Patriarchen der Regierung hörig sind. Übrigens: Von Abiy Ahmed weiß man eigentlich gar nicht genau, welcher Religion er angehört. Ich bin sicher, wenn er in den arabischen Ländern ist, verweist er auf seinen Namen und sagt, er sei Muslim. Dass er auch noch ein Pfingstler ist, hat damit zu tun, dass der Islam erlaubt, die Ungläubigen zu täuschen. In den USA ist er dann selbstverständlich der Vorzeigepfingstler und die entsprechenden Fernsehsender fallen auf ihn rein.

Die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche bildete einst eine Einheit mit der Krone. Heute scheinen evangelikale Christen an Bedeutung zu gewinnen.

Als ich 1968 Äthiopien verließ, las ich eine Reportage über eine Region meiner Heimat, mit der es damals Schwierigkeiten gab. Sie fing so an: „Wie jedermann weiß, gibt es in Äthiopien 17.500 evangelikale Christen.“ Heute sind es 12 Millionen. Und die haben nicht die Ungläubigen oder die Muslime getauft, sondern die haben die Getauften getauft. 90 Prozent ihrer Leute kommen aus der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Sodass die evangelikale Bewegung eine immer stärkere politische Macht hat, ähnlich in Brasilien.

Im vergangenen Jahr kam es zu einem Kirchenstreit, der auch mit der Einführung der Oromo-Sprache in die Liturgie zu tun hat.

Wenn es wirklich nur darum ginge, Gottes Wort in der eigenen Muttersprache zu hören, dann wäre das lösbar. In vielen Oromo-Gebieten war das auch früher schon der Fall. Es geht im Endeffekt aber auch hierbei darum, einen Patriarchen zu installieren, der der Regierung hörig ist. Und meine offene Meinung zu meiner eigenen Kirche ist, wenn sie nicht aufhört, nach der äthiopischen Prämisse „Jeder Mann meiner Mutter ist mein Vater“ zu agieren, dann wird es in ein paar Jahren keine äthiopisch-orthodoxe Kirche mehr geben. Was heißt das? Die Kirche stand immer hinter dem Staat, egal, ob er kaiserlich oder kommunistisch war. Der Kaiser war der Protektor der Kirche. Drei Tage bevor er abgesetzt wurde, erklärte der äthiopische Patriarch die Revolution für heilig. Das ist leider die größte Schwäche der orthodoxen Kirche, nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt.

Menschenrechtsorganisationen wie Christian Solidarity International (CSI) berichten von schweren Menschenrechtsverstößen im Sudan, kaufen dort sogar seit Jahrzehnten christliche Sklaven frei. Welche Auswirkungen hat der Krieg im Sudan und im Südsudan auf Äthiopien?

Eine unglaubliche, vor allem, was die Flüchtlinge betrifft. Ich glaube, wir haben über eine halbe Million aus diesen Gebieten bei uns.

Nun sind noch zu Lebzeiten Mohammeds islamische Flüchtlinge nach Äthiopien gekommen. Später kam es dann zu Auseinandersetzungen. Auch bei der Revolution von 1974 haben Muslime eine gewichtige Rolle gespielt. Können die heutigen Europäer daraus etwas lernen?

Ja und nein. Man muss unterscheiden, welche Form des Islam vorherrscht. In Äthiopien sind die meisten Sufis – ein eher mystischer Zweig, der auch keine fanatischen Anhänger des Dschihad hervorbringt. Probleme gab es diesbezüglich erst später, nämlich 1998. Damals wollte ein Großinvestor, der die TPLF unterstützte, islamische Gelehrte aus Saudi-Arabien ins Land holen und Präsident Meles Zenawi hat den Fehler gemacht, es ihm zu erlauben. Dieser importierte Wahhabismus hat dann aggressiv agiert, sodass man sie später wieder ausweisen musste.

Aktuell gibt es in zahlreichen afrikanischen Staaten Konflikte, etwa in Mali und Niger. Woran liegt es, dass keine Ruhe im Kontinent einkehrt?

Im Prinzip handelt es sich dabei um die zweite Welle der Dekolonialisierung. Der Präsident von Burkina Faso, Ibrahim Traoré, wird mittlerweile in ganz Afrika als der zweite Sankara angesehen, der hochgelobte ehemalige Präsident, der umgebracht wurde. Warum? Offiziell ist der Kolonialismus seit den 60er-Jahren beendet, als man die Güte hatte, den Afrikanern die Unabhängigkeit zu geben. Viele von ihnen sind zwar politisch frei geworden, aber blieben wirtschaftlich abhängig. Das gilt vor allem für die 14 frankophonen Länder. Niger, Mali und Burkina Faso haben kürzlich eine Konföderation gebildet – und damit Macron zur Weißglut gebracht.  

Man spricht in solchen Fällen von postkolonialen Abhängigkeiten.

Ich würde sogar so weit gehen und von Vasallen sprechen. Schauen wir uns Niger an. Das ist offiziell das ärmste Land der Welt – obwohl es der drittgrößte Exporteur von Uran ist. 40 Prozent des Urans, das die Franzosen für die Aufrechterhaltung ihrer Atommeiler brauchen, kommen aus Niger. Und sie können sich nicht vorstellen, was dieses Land 60 Jahre aus dem Verkauf von Uran erhalten hat. Es ist fast nichts. Jacques Chirac hatte vor Jahren etwas Wunderbares gesagt: „Wenn es Afrika nicht gäbe, wäre Frankreich ein Land der Dritten Welt.“ Wir gehen davon aus, dass jährlich eine Summe von 560 Milliarden von Afrika nach Frankreich abgeführt wurde. Zum Teil auch durch koloniale Verträge, die nach der Unabhängigkeit Gültigkeit behielten. Noch was anderes: Stellen Sie sich vor, der Finanzminister von Senegal wünscht sich einen Kredit über 25 Millionen von der Weltbank. Wissen Sie, was er trotz staatlicher Souveränität bis zum heutigen Tag machen muss, bevor er seinen Brief nach New York schickt? Er muss sich an den Präsidenten der französischen Nationalbank wenden, damit der sein Ok gibt. Denn die Währung ist mit dem Franc verbunden, dem CFA-Franc, der in diesen afrikanischen Ländern gültig ist. Das alles ist aus meiner Sicht unhaltbar und die Länder versuchen sich aufgrund ihrer schlimmen Situation davon zu befreien.

Was müsste denn geschehen, um die Verhältnisse zu verbessern?

Wir brauchen endlich faire, partnerschaftliche Beziehungen. Es sind zwar alle afrikanischen Staaten assoziierte Mitglieder der EU mit ein paar Privilegien und steuerfreien Exporten. Aber das scheinen nur Feigenblätter zu sein. Denken Sie an landwirtschaftliche Güter! Auf den riesigen Plantagen in Süditalien arbeiten mehr als 100.000 Afrikaner, die dort Produkte anbauen, die aufgrund von EU-Zöllen und -Subventionen dann in Afrika so günstig angeboten werden, dass dortige Bauern keine Chance zu konkurrieren haben. So entsteht Migration!

2050 werden die Afrikaner ein Viertel der Menschheit stellen …

… und nur noch 5 Prozent Europäer. Und viele der Afrikaner sitzen aufgrund der anhaltenden Krisen und der mangelnden Zukunftsperspektiven auf gepackten Koffern. Europa wird sich gegen diesen Ansturm auch mit Mauern nicht zur Wehr setzen können. Denken Sie an Ceuta. Der Zaun ist mittlerweile 6,5 Meter hoch – und trotzdem überwinden ihn täglich über 100 Afrikaner. Die einzige Möglichkeit, die Europa hat, ist, den Afrikanern ein menschenwürdiges Leben in Afrika zu ermöglichen.

Weil wir gerade bei kolonialen Strukturen waren. Welche Rolle spielen die USA in Äthiopien?

Die haben uns seit 30 Jahren die Leute aufoktroyiert, die über uns herrschen. Unter anderem 1991 Meles Zenawi. Die TPLF ist bis zum heutigen Tage ein treuer Vasall der USA. Von diesen Eingriffen in die Politik der Staaten kommt auch der Hass auf die USA. International entstehen daher Strukturen, die sich dem entgegensetzen. Äthiopien gehört nun den BRICS-Staaten an. Aber selbst Saudi-Arabien, das fest an der Seite der USA steht, ist nun Mitglied. Das sagt doch einiges über die Zukunft des westlichen Hegemonen.

Was können westliche Christen tun, um dem Kontinent zu helfen?

Die meisten Christen leben nicht mehr in der nördlichen, sondern der südlichen Hemisphäre. Ich würde mir daher wünschen, dass die christliche Solidarität mit Afrika noch stärker zustande kommt. Denn wesentliche Kämpfe der Zukunft werden hier ausgefochten. Die Vorläufer davon bekommen wir schon jetzt zu spüren.

Asfa-Wossen Asserate ist ein äthiopisch-deutscher Unternehmensberater, politischer Analyst und Autor. Er entstammt dem äthiopischen Kaiserhaus als Großneffe des letzten Kaisers Haile Selassie I und Urenkel der Kaiserin Menen Asfaw. Nach dem Militärputsch in Äthiopien 1974 konnte er nicht in seine Heimat zurückkehren; 1981 erwarb er die deutsche Staatsangehörigkeit. Er ist Gründer, Beirat und Mitglieder zahlreicher wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Organisationen, die sich für die Förderung der äthiopischen Kultur und der Verbesserung der Lebensumstände in Afrika einsetzen. Sein Buch „Manieren“ erlangte Bestsellerstatus.