Aus der Haft wendet sich Erzbischof Bagrat Galstanjan an US-Vizepräsident Vance: Er bestreitet Putschvorwürfe und wirft Armeniens Regierung vor, Kirche und Opposition zu verfolgen – im Kampf um Macht, Identität und Frieden.
Photo credit: @SrbazanBagrat/X
Erzbischof Bagrat Galstanjan, der seit dem Sommer in armenischer Haft sitzt, hat sich in einem Brief direkt an den US-amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance gewandt. Er wehrte sich darin gegen Vorwürfe der armenischen Regierung unter Nikol Paschinjan, die ihn ausspioniert, Beweise gegen ihn gefälscht, ihn verleumdet und ins Gefängnis geworfen habe. Der Brief liegt CSI vollständig vor.
Galstanjan, dem vorgeworfen wird, eine Verschwörung zum gewaltsamen Sturz der Regierung geplant zu haben, unterstreicht im Brief, er habe sich am gewaltlosen Vorgehen von Martin Luther King orientiert. „Ich habe unbequeme Wahrheiten ausgesprochen“, schreibt der Geistliche. „Ich habe mein Grundrecht geltend gemacht, meinen christlichen Glauben und mein christliches Zeugnis in die Öffentlichkeit zu bringen; in der Hoffnung, dass die armenische Nation und der armenische Staat ihrer historischen christlichen Tradition in Zeiten der nationalen Krise treu bleiben.“
Vorbild Martin Luther King
Armenische Behörden werfen Galstanjan vor, einen Putsch geplant zu haben. Vor seiner Inhaftierung im Juni 2025 gehörte er zu den führenden Repräsentanten der Opposition. Mit seiner Bewegung mobilisierte er zehntausende Menschen gegen die Regierungspolitik. Die armenisch-apostolische Kirche sieht sich derzeit starken Repressionen ausgesetzt. Neben Galstanjan sind drei weitere Erzbischöfe inhaftiert, aus Angst vor Verfolgung findet die Bischofskonferenz unter Katholikos Karkein II. in Österreich statt.
„Ministerpräsident Paschinjan hat uns inhaftiert, um die Macht über die Armenisch-Apostolische Kirche zu erlangen“, schriebt Galstanjan. Er bediene sich dabei einem „sowjetischen Stil“. Er verletze dabei die Verfassung, alle Prinzipien der Religionsfreiheit und fordere das Kirchenoberhaupt Karekin II. zum Rücktritt auf. Er solle durch jemanden ersetzt werden, der unter Paschinjans Einfluss stehe.
Galstanjan unterstrich, dass die Kirche nichts weiter tue, als ihre Herde zu schütze. Dazu zählten die armenischen Vertriebenen aus Bergkarabach, für deren Rückkehr sich die Bischöfe einsetzten. Aserbaidschan habe eine ethnische Säuberung betrieben. Aserbaidschan müsse zudem alle Geiseln freilassen.
Die Armenisch-Apostolische Kirche als „Friedenshindernis“
Das sei der Grund, warum die armenische Regierung gegen die Kirche vorgehe: sie setze sich gegen den Ausverkauf armenischer Interessen ein. Sie werde von Armenien wie Aserbaidschan als „Hindernis zum Frieden“ betrachtet.
Der Erzbischof wies auf die Kritik von Vance an die Europäer hin, die ihre christliche Identität verraten hätten. Die armenische Kirche hätte diese christlich-armenische Identität 1.700 Jahre gewahrt. Die Öffnung der Grenzen für jene, die die jüdisch-christlichen Werte nicht teilen, hatte Vance als „Selbstmord“ der Zivilisation bezeichnet.
Exakt das tue Paschinjan gerade. Der Frieden bestehe aus leeren Versprechen. Galstanjan forderte Vance dazu auf, sich für das Rückkehrrecht der armenischen Vertriebenen einzusetzen, die ansonsten zur Hypothek würden. Frieden könne es auch keinen geben, solange Aserbaidschan zahlreiche christliche Armenier als Geiseln hielte. Zuletzt gab der Erzbischof dem Vizepräsidenten eine Stelle aus dem Lukasevangelium (Lk 4,18) mit auf die Reise:
„Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, / damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.“
Mehr zur Inhaftierung von Bagrat Galstanjan erfahren Sie hier.


