Lappalie führt zu Todesurteil

12. Oktober 2012

Asia Bibi und Younis Masih wurden beide zum Tod verurteilt. Sie haben beim Obergericht in Lahore Berufung eingelegt. Das Gericht drückt sich vor einem Urteil, obwohl offensichtlich nur eines möglich ist: Freispruch!



Eine Nacht im September 2005. In der Wohnung neben dem 35-jährigen Younis Masih wird spät in der Nacht noch immer laut gesungen. Es ist unmöglich, bei dieser Lautstärke zu schlafen. Schliesslich bittet der Christ Younis seine muslimischen Nachbarn, doch bitte etwas leiser zu feiern. Das erzürnt die Feiernden: Ein Christ hat ihnen nichts zu sagen!

Am nächsten Tag fallen etwa 40 Muslime über Younis Masih und seine Frau Meena her und misshandeln sie schwer. Zudem werden von Christen bewohnte Häuser in der Umgebung verwüstet. Der muslimische Geistliche Hafiz Abdul Aziz, der die nächtliche Feier geleitet hatte, erstattet Strafanzeige gegen Younis: Dieser habe den Propheten Mohammed gelästert.

Todesurteil trotz Unschuld I

Im Gefängnis wird Younis von Mitinsassen wiederholt angegriffen. Am 30. März 2007 findet der Prozess statt. Younis selber darf ihn nur per Videoübertragung in der Zelle mitverfolgen, da er im Gerichtssaal ermordet werden könnte. Er wird wegen Lästerung Mohammeds zum Tod und zu einer hohen Busse verurteilt. Sein Verteidiger, Pervez Aslam Chaudhry, reicht beim Obergericht in Lahore Berufung ein. Nach über fünf Jahren steht ein Entscheid bis heute aus.

Auch der Anwalt muss um sein Leben bangen, weil er sich für angebliche Mohammed-Lästerer einsetzt. Im Mai 2006 wird Chaudhry bei einem Angriff auf sein Auto schwer verletzt. Ein befreundeter Rechtsanwalt, Rana Javez Rafiq, kommt dabei sogar ums Leben.

Todesurteil trotz Unschuld II

Wie Younis Masih wurde auch Asia Bibi zum Tod verurteilt, weil sie angeblich Mohammed gelästert hat. Nach pakistanischem Rechtsverständnis ist das schlimmer als Stehlen oder Töten. Es sei «das Verbrechen aller Verbrechen», sagt Asia Bibi in ihrem Buch, das die französische Journalistin Anne-Isabelle Tollet für sie geschrieben hat. Mit dieser Beschuldigung könne man alle loswerden, «gegen die man etwas hat».

An einem heissen Tag, als sie mit anderen Frauen auf dem Feld arbeitete, wurde sie von einer Frau aus ihrem Dorf Ittanwali als Ungläubige beschimpft und aufgefordert, Muslimin zu werden.
Als Christin habe sie, Asia Bibi, das Trinkwasser verunreinigt, so dass Musliminnen nicht mehr davon trinken könnten. «Ich will nicht konvertieren», konterte Asia Bibi. «Ich glaube an Jesus Christus, der für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben ist. Was hat denn euer Prophet Mohammed getan, um die Menschen zu retten? Und warum sollte ich konvertieren und nicht ihr?»
Die Frauen stürzten sich wütend auf sie, beschimpften sie als wertlos, als Hure, schlugen sie. Asia Bibi kam ins Gefängnis, ihr Mann und ihre Kinder mussten das Dorf verlassen, weil auch sie mit dem Tod bedroht wurden. Am 8. November 2010 wurde Asia Bibi zum Tod und zu einer hohen Geldbusse verurteilt. Seither wartet sie vergeblich darauf, dass das Obergericht in Lahore das Fehlurteil korrigiert.

Regierung muss eingreifen

Für Asia Bibi schrieben wir bereits an Premierminister Yousef Raza Gilani, der leider untätig blieb. Mitte Juni 2012 wurde er vom Obersten Gericht abgesetzt. Der neue Premierminister heisst Raja Pervez Ashraf. Wir nehmen diesen Regierungswechsel als Chance wahr, um erneut um die Freilassung von unschuldig Verurteilten zu bitten.

Autor: Max-Peter Stüssi
Quellen: Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, Asia News, World Observatory for Defence Rights and Attacks Against Lawyers

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