Fulani-Milizen töteten in Nigeria viermal so viele Zivilisten wie Boko Haram und ISWAP zusammen. Christen wurden deutlich häufiger Opfer von Tötungen und Entführungen. Das widerspricht der Darstellung als bloßen „Bauern-Hirten-Konflikt“.
Von Jude Dangwam aus Jos, Bundesstaat Plateau
Fulani-Milizionäre haben zwischen Oktober 2019 und September 2025 viermal so viele Zivilisten in Nigeria getötet wie Boko Haram und die Islamic State West Africa Province (ISWAP) zusammen, wie ein neuer Bericht zeigt.
Diese Ergebnsise stellen die langjährige Darstellung der nigerianischen Regierung infrage, wonach es sich bei der Gewalt lediglich um einen „Konflikt zwischen Bauern und Hirten“ handele, und stützen das Argument, dass christliche Gemeinschaften überproportional betroffen sind.
Die Zahlen stammen vom Observatory of Religious Freedom in Africa (ORFA), einer Organisation, die Tötungen und Entführungen mit religiösem Bezug in Afrika dokumentiert, in einem im Juni 2026 veröffentlichten Bericht. Der Bericht ergab, dass Fulani-Terrorgruppen 18.577 Zivilisten töteten – 44 Prozent der landesweit 42.033 getöteten Zivilisten. Boko Haram und ISWAP zusammen töteten 4.941 Zivilisten, also 12 Prozent.
Eine zweite Kategorie in den Daten, „Unidentified Terror Groups“ (nicht identifizierte Terrorgruppen), tötete weitere 13.346 Zivilisten, also 32 Prozent. Dem Bericht zufolge ergaben zusätzliche Untersuchungen, dass ein erheblicher Teil dieser Kategorie aus Banditengruppen mit Fulani-Hintergrund besteht und dass diese Gruppen als der Fulani Ethnic Militia (FEM) zugehörig betrachtet werden können.
Sollte sich diese Zugehörigkeit bestätigen, so der Bericht, könnten FEM-verbundene Gruppen für bis zu 76 Prozent der zivilen Tötungen verantwortlich sein – sechsmal so viel wie die 12 Prozent, die Boko Haram und ISWAP zugeschrieben werden.
80.000 Tote im Zusammenhang mit Terrorgruppen
In den sechs Jahren wurden in Nigeria 79.323 Menschen bei Vorfällen getötet, die mit Terrorgruppen in Verbindung standen; davon waren 42.033 Zivilisten, so der Bericht. Von diesen Zivilisten waren 22.835 Christen und 10.519 Muslime – ein Verhältnis von 2,2 christlichen Opfern pro muslimischem Opfer. Bereinigt um die Größe der christlichen und muslimischen Bevölkerung in den Bundesstaaten, in denen die Tötungen stattfanden, stieg dieses Verhältnis auf 4,4 zu 1.
Im selben Zeitraum wurden weitere 34.917 Menschen entführt, darunter 34.773 Zivilisten. Von diesen waren 15.932 Christen und 15.272 Muslime, ein Verhältnis von 1,04 zu 1. Das bevölkerungsbereinigte Verhältnis lag bei 3,2 zu 1.
75 Prozent der getöteten Zivilisten, also 31.573 der insgesamt 42.033, starben dem Bericht zufolge bei Angriffen auf ihre Gemeinschaften und nicht bei isolierten Vorfällen.
In den letzten beiden Jahren des Untersuchungszeitraums änderte sich das Muster. Im Jahr 2024 lag das tatsächliche Verhältnis entführter christlicher zu muslimischen Zivilisten bei 0,6 zu 1, und 2025 bei 0,7 zu 1 – das heißt, in beiden Jahren wurden mehr muslimische als christliche Zivilisten entführt.
ORFA erklärte, man achte sorgfältig darauf, zwischen bewaffneten Fulani-Milizgruppen und dem Fulani-Volk als Ganzem zu unterscheiden.
Organisierte Gruppen verantwortlich für die Gewalt
Steven Kefas, leitender Forschungsanalyst der Organisation, argumentierte in einem separaten, im Bericht zitierten Artikel, dass die Gewalt im Nordwesten Nigerias und in der Middle-Belt-Region organisierte ethnisch-religiöse Gewalt sei, die größtenteils von bewaffneten Fulani-Gruppen ausgeübt werde – und nicht auf gewöhnliches Banditentum oder Konflikten zwischen Bauern und Hirten zurückzuführen sei.
Kefas schrieb, diese Gruppen agierten strukturiert, mit länderübergreifender Logistik und in manchen Fällen mit Verbindungen zu dschihadistischen Netzwerken. Er argumentierte, die Bezeichnungen „Banditen“ und „Bauern-Hirten-Konflikte“ verschleierten die wahre Natur der Gewalt, die gezielt, organisiert und stärker religiös sowie ethnisch motiviert sei, als gemeinhin anerkannt werde.
Zweistufiges Gefangenschaftssystem
In einem weiteren im Bericht zitierten Artikel mit dem Titel „Captivity by creed: The Religious sorting system nobody talks about“ dokumentierte Kefas ein zweistufiges Gefangenschaftssystem, das von Fulani-Milizen betrieben werde. Muslimische Entführungsopfer würden diesem Bericht zufolge in der Regel milder behandelt, mit niedrigeren Lösegeldforderungen und kürzeren Verhandlungen.
Christliche Gefangene hingegen seien systematischer physischer und sexueller Gewalt, höheren Lösegeldforderungen, längerer Gefangenschaft und einem größeren Hinrichtungsrisiko ausgesetzt.
In den politischen Handlungsempfehlungen des Berichts heißt es, gewaltsame Angriffe auf Gemeinschaften in Benue, Plateau und benachbarten Bundesstaaten würden häufig als „Bauern-Hirten-Konflikte“ bezeichnet und dem Klimawandel zugeschrieben. Das Beharren auf einer einzigen Erzählung, die jede religiöse Dimension leugne, werde zu Lösungen führen, die nicht alle Grundursachen adressierten, so der Bericht.
Stattdessen fordert er, unterschiedliche Dynamiken an unterschiedlichen Orten anzuerkennen und Berichte aus erster Hand von Dorfbewohnern zu dokumentieren, anstatt ihre Angreifer erneut als „Banditen“ oder „unbekannte Bewaffnete“ zu bezeichnen.
Die Daten wurden von einer Partnerorganisation innerhalb Nigerias zusammengestellt, deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt wurde, kombiniert mit Daten des Armed Conflict Location and Event Data Project (ACLED).
Jude Dangwam ist Reporter bei „The Sun Nigeria“
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