Kulturjournalistin und Autorin Ninve Ermagan hat assyrische Wurzeln. Dies hat sie in ihrer Kindheit und Jugend stark geprägt und sie dazu motiviert, öffentlich auf verfolgte Christen im Nahen Osten aufmerksam zu machen. In einem Bericht hält sie ihre Geschichte und Gedanken dazu fest.
Meine Familie gehört zu den Assyrern, einer christlichen Minderheit im Nahen Osten. Schon diese einfache Feststellung bringt viele Menschen aus der Fassung. „Ach, du bist also Syrerin, wunderbar! Ich habe viele syrische Freunde!“ Beim ersten Mal schaffe ich es noch, darüber zu lachen. Aber wenn ich immer wieder „A-SSYRIERin“ sage, das „A“ bewusst betone, und mein Gegenüber dennoch beharrt: „Syrerin, ja, ich habe verstanden“, geht mir die Geduld aus. „Wir sind Assyrer, eines der ältesten Völker der Welt, und wir sind Christen. Wir haben nichts mit syrischen Arabern zu tun!“ Was normalerweise folgt, sind große Augen und ebenso große Unwissenheit.
Viele Assyrer stören sich auch an dem Begriff „Minderheit“ und würden mich sofort korrigieren. Denn wir sind keine Minderheit. Wir sind das indigene Volk Mesopotamiens, ein Volk, dessen historische Heimat Teile des heutigen Irak, Irans, der Türkei, Syriens und des Libanon umfasst. Dies ist unsere Heimat, und dort sind wir weder Besucher noch Gäste.
Doch die Wahrheit verlangt auch die Anerkennung, dass das assyrische Christentum durch Völkermord, Vertreibung und jahrhundertelange Verfolgung in unserer eigenen Heimat an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt wurde.
Aufgewachsen mit Geschichten von Verfolgung
Als Kind erzählte mir meine Familie immer wieder von der Verfolgung und Ausgrenzung, der wir ausgesetzt waren. Und als ich ein Teenager war, wurden diese Geschichten auf schreckliche Weise Wirklichkeit, als eine neue Welle der Verfolgung mein Volk in Syrien und im Irak traf. Ich konnte das Töten im Fernsehen mitverfolgen: zerstörte Kirchen, enthauptete Männer, Frauen, die als Sexsklavinnen verschleppt wurden.
Schon als Kind wuchs eine unglaubliche Wut in mir, zum Teil, weil kaum jemand darüber berichtete. Und zum Teil, weil wir Assyrer für viele Menschen als Konzept einfach nicht existierten. Wie kann man sich für eine Gruppe einsetzen, die niemand kennt?
Als ich meinen Onkel fragte, warum die Medien nie über unser Schicksal berichteten, sagte er nur: „Du musst selbst Journalistin werden, wenn du willst, dass die Welt davon erfährt.“
Und hier bin ich nun.
Warum ich über die Verfolgung von Christen berichte
In meiner Arbeit habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, über die weltweite Verfolgung von Christen zu berichten. Warum? Weil es hier um Religionsfreiheit geht – ein Thema, das uns alle betrifft. Ob man persönlich gläubig ist oder nicht und ob man diesem Glauben angehört oder nicht, spielt keine Rolle.
Menschen werden getötet, weil sie andere religiöse Überzeugungen haben. Ihre Identität, ihre Würde, ihre gesamte Lebensweise wird ihnen genommen. Das ist etwas, was unsere westliche Gesellschaft – insbesondere eine, die in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt ist – niemals akzeptieren darf.
Ich habe früh verstanden, dass es vielen unangenehm ist, sich öffentlich für Christen einzusetzen. Das Thema wird schnell als „rechtsgerichtet“ abgetan, was viele zögern lässt, es offen anzusprechen. Doch dieses Tabu dient nur dazu, die Opfer zu verspotten.
Das Christentum ist eine der am stärksten verfolgten Religionsgemeinschaften weltweit, insbesondere in Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Diese Tatsache wird oft mit Argumenten relativiert wie: Christen sind schließlich die größte Religionsgemeinschaft der Welt. Doch das macht die Situation nicht besser – es macht sie schlimmer. Wie kann es sein, dass eine so große Gruppe in so vielen Regionen nicht sicher leben kann?
Ich habe früh verstanden, dass es vielen unangenehm ist, sich öffentlich für Christen einzusetzen. Das Thema wird schnell als „rechtsgerichtet“ abgetan, was viele zögern lässt, es offen anzusprechen. Doch dieses Tabu dient nur dazu, die Opfer zu verspotten.
Wie selektiv diese Aufmerksamkeit funktioniert, zeigt das Beispiel Nigeria. Vor kurzem rückte die Lage dort zwar verstärkt in den Fokus – aber nicht wegen niedergebrannter christlicher Dörfer, entführter Frauen oder regelmässiger Massaker. Vielmehr bedurfte es des politischen Drucks von US-Präsident Donald Trump, der der nigerianischen Regierung Völkermord vorwarf und Konsequenzen andeutete. Dies stieß umgehend auf einen Sturm der Entrüstung – und erneut auf Relativierungen: „Auch Muslime werden getötet.“
Natürlich werden sie das. Aber die Zahlen, die Muster und die gezielten, koordinierten Angriffe sprechen eine klare Sprache: Christen sind überproportional betroffen.
Der Islamische Staat und das darauffolgende Schweigen
Als 2014 die Verfolgung durch den sogenannten Islamischen Staat im Irak und in Syrien begann, wurde mir klar, dass die Akzeptanz dieser Gewalt alarmierend weit verbreitet ist. Für mich zählt diese Verfolgung zu den schlimmsten Verbrechen der jüngeren Geschichte gegen die Assyrer – an zweiter Stelle nach dem Völkermord im Osmanischen Reich durch die Jungtürken im Jahr 1915.
Und wieder hüllten sich weite Teile der Kirchen und der internationalen Gemeinschaft in seltsames Schweigen.
Ich erinnere mich noch allzu gut an die Demonstrationen in Deutschland, an denen fast ausschließlich direkte Betroffene und ihre assyrischen Verwandten teilnahmen. Es waren kaum kirchliche Vertreter anwesend und nur wenige Menschen aus der deutschen Mainstream-Gesellschaft. Ein engagierter deutscher Christ sagte bei einer Demonstration etwas, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist: „Schweigen ist Mord.“ Dann grinste er und fügte hinzu: „Normalerweise lautet das deutsche Sprichwort etwas anders – aber in diesem Zusammenhang kann Schweigen nicht golden sein.“
Als Teenager rannte ich zu Demonstrationen, um gegen das Abschlachten von Christen zu protestieren – ja, so muss man es nennen, denn genau das war es. Und ich schämte mich vor meinen Klassenkameraden. Viele verstanden mein Engagement nicht. In der Freizeit Plakate zu basteln und bei Demonstrationen mitzulaufen, schien uncool zu sein.
Und wieder hüllten sich weite Teile der Kirchen und der internationalen Gemeinschaft in seltsames Schweigen.
Heute, mit 27, weiß ich Folgendes: Im Gegensatz zu vielen meiner Klassenkameraden hatte ich nicht das Privileg, unpolitisch zu sein. Ich konnte nicht schweigen und zusehen – vor allem nicht, wenn andere wegschauten.
Das ohrenbetäubende Schweigen muslimischer Gemeinschaften
Was mich jedoch am meisten enttäuschte, war das ohrenbetäubende Schweigen vieler muslimischer Gemeinschaften in Deutschland. Hätten sie nicht auf die Straße gehen und ihre Solidarität mit den Betroffenen bekunden sollen?
In Köln kündigten muslimische Verbände 2017 eine Großdemonstration gegen Terrorismus und Extremismus an. Von den versprochenen 10.000 Menschen erschienen am Ende nur wenige Hundert. Ein vernichtendes Urteil.
Nach den brutalen Enthauptungsvideos und Massenerschießungen, die der IS der Welt präsentierte, gab es eine kurze Welle der Empörung – doch dann setzte das bekannte, anhaltende Schweigen ein. Vielleicht war es aus zynischer Sicht sogar ein „Triumph“ für diese Mörderbanden, dass das Leid ethnischer und religiöser Minderheiten kurzzeitig ins öffentliche Rampenlicht rückte. Aber nachhaltige Konsequenzen blieben aus. Internationale Schutzmaßnahmen, wie zum Beispiel Sicherheitszonen für Christen im Irak, wurden nie ernsthaft umgesetzt.
Meistens werden Diskriminierung und die gewalttätigen Handlungen islamistischer Akteure in der Region einfach toleriert. Angriffe schaffen es selten in die Schlagzeilen oder in politische Debatten.
Eine mit Blut geschriebene Geschichte
Die Gewalt gegen Christen im Irak und in Syrien ist umfassend dokumentiert – und keineswegs neu. Bereits 2004 erschütterte eine Reihe von Anschlägen auf Kirchen das Land. Immer wieder kam es zu gezielten Angriffen auf christliche Einrichtungen, darunter der Anschlag auf die syrisch-katholische Kirche „Unsere Liebe Frau vom Heil“ in Bagdad im Oktober 2010, bei dem mehr als 40 Menschen ums Leben kamen.
Auch in Syrien wurden assyrische Christen gezielt ins Visier genommen.
Vor dem Irakkrieg im Jahr 2003 lebten etwa 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute gehen Schätzungen davon aus, dass nur noch etwa 150.000 davon übrig sind. Nach der US-Invasion nahm die Gewalt gegen die Minderheit massiv zu, unter anderem weil Christen zunehmend als „Freunde“ der verhassten Amerikaner und des Westens wahrgenommen wurden. Während sich die Gesamtbevölkerung des Landes seitdem fast verdoppelt hat – von etwa 20 Millionen auf über 40 Millionen –, ist der Anteil der Christen auf deutlich unter ein Prozent geschrumpft.
Auch in Syrien wurden assyrische Christen gezielt ins Visier genommen. Im Jahr 2015 entführte der IS bei Überfällen auf Dörfer entlang des Khabur zahlreiche Zivilisten und vertrieb ganze Gemeinden.
Die Betroffenen erzählen mir immer wieder, dass man als Christ im Irak und in Syrien jederzeit damit rechnen musste, dass Islamisten Kirchen stürmen, sich in die Luft sprengen oder wahllos auf Gottesdienstbesucher schießen. Dass sie Busse anhielten, nach Kreuzketten suchten – und diejenigen hinrichteten, die solche trugen.
Glaube stärker als der Tod
Was mich immer wieder beeindruckt – und in gewisser Weise auch erschreckt –, ist die Haltung vieler Assyrer, die mir als ehemalige IS-Geiseln erklärten: Sie hätten jederzeit zum Islam konvertieren können. Aber sie hätten lieber den Tod gewählt, als ihren Glauben zu verraten.
Sie begegnen Gewalt mit Gewaltlosigkeit, ertragen das Unvorstellbare und fragen sich ständig: Was hätte Jesus getan? Er hätte den Hass, die Gewalt, den Schmerz ertragen.
Ich weiß nicht, ob ich das Gleiche tun könnte. Mein Leben bedeutet mir zu viel, und ich würde fast alles riskieren, um es zu bewahren.
Wir stehen vor einer Entwicklung, die alarmiert: Es droht der Moment, in dem auch die letzten Christen im Irak und in Syrien ihre Koffer packen. Im Irak werden Gläubige zunehmend von schiitischen Milizen terrorisiert, die vom Iran unterstützt werden. In Syrien wiederum hat sich die Lage unter dem neuen Interimspräsidenten Ahmed al-Scharaa weiter zugespitzt – einem Mann, der zuvor als Dschihadist agierte und als ehemaliger Anführer der al-Nusra-Front zeitweise zu den meistgesuchten Männern der Welt zählte. Für viele Christen bedeutet diese Realität: keine Sicherheit, keine Perspektive – nur die Flucht. Und damit droht das Ende einer jahrtausendealten christlichen Präsenz im Nahen Osten.
Ninve Ermagan ist Kulturjournalistin und Autorin mit syrisch-orthodoxem Hintergrund, die sich in ihrer Arbeit intensiv mit sozial ausgegrenzten Gruppen und religiösen Konflikten auseinandersetzt. Ein zentraler Schwerpunkt ihrer journalistischen Tätigkeit ist die fundierte Berichterstattung über die Christenverfolgung im Nahen Osten und die Situation religiöser Minderheiten, über die sie unter anderem im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit produziert sie Reportagen und Dokumentarfilme für das Fernsehen. Im Jahr 2025 wurde sie in die Liste „Top 30 under 30“ des Magazins Medium aufgenommen, das talentierte junge Journalisten auszeichnet. Foto: fb


