Als die Türken die italienische Hafenstadt Otranto erobern, stellen sie die Einwohner vor die Wahl: Islam oder Tod. Doch mit dem Widerstand der Gläubigen haben sie nicht gerechnet: „Bereit, tausendfach für Christus zu sterben!“ So führt ein alter Schneider das Martyrium von 800 Christen an.
Bildnachweis: Die Kathedrale von Otranto, Foto von Holger Uwe Schmidt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
Am Anfang steht ein beschämender Frieden. Sechzehn Jahre lang hatte Venedig mit seinen christlichen Verbündeten einen verlustreichen Krieg gegen das Osmanische Reich geführt. Der Aufstand der Albaner unter ihrem charismatischen Anführer Skanderbeg; der Angriff des ungarischen Königs Matthias Corvinus in Ungarn; die verzweifelte venezianische Kampagne auf der Peloponnes; alles vergebens. Zuletzt landen die Türken gar in Italien selbst an. 1472 verwüsten muslimische Reiter das Friaul und stehen vor den Toren Udines. 1477 plündern sie erneut die Region und stoßen bis Pordenone vor – nur 80 Kilometer von Venedig selbst entfernt. Ein venezianischer Versuch, die Angreifer zu vertreiben, wird am Fluss Isonzo im selben Jahr durchkreuzt – die osmanische Kavallerie reibt dort ein christliches Heer auf.
Die Republik sieht sich daher im Jahr 1479 zum Frieden mit der Hohen Pforte gezwungen. Zahlreiche Verbündete hatten sich bereits zuvor abgewandt und Venedig im Stich gelassen. Die Seemacht verliert wichtige Territorien in Albanien und Griechenland, darunter auch die Insel Euböa, die die Venezianer Negroponte nennen. Zudem wird die reiche Handelsrepublik dazu gezwungen, jährlichen Tribut an den Sultan zu entrichten. Der Frieden von Konstantinopel demütigt die mächtigste christliche Seemacht im östlichen Mittelmeer. Doch Venedigs Rückzug ist nur der Auftakt. Denn ohne die Serenissima fehlt der hölzerne Schutzwall zur See, der die Christenheit bisher vor dem Übersetzen der Türken geschützt hat.
Am 28. Juli 1480 verdeckt ein Wald aus Schiffsmasten das Adriatische Meer. Vor der Küste Apuliens wabern die Segel von 140 Schiffen. Sultan Mehmed II. wagt den Sprung über die Straße von Otranto. Die großangelegte Invasion soll sich zuerst gegen Brindisi wenden. Die Winde sind allerdings ungünstig. Stattdessen segelt die osmanische Flotte gegen die namensgebende Hafenstadt Otranto. Dort steht den 18.000 Osmanen nur eine Garnison aus 400 Männern gegenüber.

Otranto ist kaum vorbereitet. Schnell haben die Türken ihr Lager errichtet und bringen jene Kanonen in Stellung, die schon die unüberwindlichen Mauern Konstantinopels vor 30 Jahren in Trümmer geschossen haben. Für das Königreich Neapel, zu dem Otranto gehört, wird der Stiefelabsatz zur Achillesferse: Nach jahrelangen Scharmützeln mit aufsässigen Feudalherren und anderen italienischen Kleinstaaten ist es kaum fähig, eine Armee zu mustern und in den Kampf zu schicken. Die Bewohner Otrantos sind auf sich allein gestellt.
Der türkische Oberbefehlshaber Gedik Ahmed Pascha bietet deswegen großzügige Konditionen an: Wenn die Bürger die Tore freiwillig öffnen, dann wird die Stadt geschont. Die christlichen Einwohner sind sich gewiss, was blüht, wenn sie im Kampf fallen: Das Massaker von Konstantinopel ist in Europa tief ins Gedächtnis eingedrungen. Allein die Erinnerung daran hat Städte kapitulieren lassen. Wer nicht zum Islam konvertiert, dem bleibt nur Tod oder Sklaverei.
Das zweite Rom ist gefallen; und die Italiener ahnen bereits, dass diese türkische Invasion das erste Rom zum Ziel hat. Denn Mehmed nennt sich seit der Eroberung Konstantinopels selbst Kayser-i Rum – Kaiser von Rom. Das Osmanische Reich regiert mehr Land in Europa als in Asien. Der Sultan will als muslimischer Herrscher die „verlorenen Teile“ des Imperiums zurückerobern und so seine Herrschaft legitimieren. Die Eroberung Roms, die Eroberung Italiens – das bedeutete nicht nur den Triumph des Islams über das Christentum, sondern auch die Wiedererrichtung eines neuen Roms unter einer türkischen Dynastie. Auf Medaillons lässt Mehmed sein Porträt mit Helm und Ornamenten Alexanders des Großen prägen. Der neue Alexanderzug geht aber nicht nach Osten, sondern nach Westen.
Die Christen von Otranto können diese weltpolitischen Ambitionen nur erahnen. Doch ihre Antwort auf das Kapitulationsangebot fällt eindeutig aus. Trotz der gewaltigen Übermacht weigern sie sich, die Tore zu öffnen. Als ein zweiter türkischer Bote ein Kapitulationsangebot übermittelt, wird er mit einem Schwarm Pfeile empfangen. Um zu zeigen, dass jede Verhandlung nutzlos ist, werfen die Einwohner die Stadtschlüssel vom Hafenturm demonstrativ ins Meer. Die Christen wollen und werden sich nicht unterwerfen.
Die Verteidigung der Stadt obliegt anschließend vor allem den einfachen Einwohnern. Mit Öl und Wasser versuchen sie die Aggressoren an den Mauern abzuwenden. Doch die osmanischen Kanonen verwandeln die Wälle bald in ein Trümmerfeld. Zwei Wochen leisten die Christen verzweifelten Widerstand gegen das übermächtige Heer von Gedik Ahmed. Am 12. August hat die Artillerie die Stadt sturmreif geschossen. Nachdem die letzte Verteidigung gebrochen ist, beginnt das Gemetzel. Die Männer werden abgeschlachtet; Frauen und Kinder versklavt.

Zuletzt erreichen die marodierenden und plündernden Truppen die Kathedrale. Dort haben sich wenige Überlebende verschanzt. Sie beten mit den Priestern und dem Erzbischof Stefano Agricola. Gedik Ahmed fordert den Geistlichen dazu auf, zum Islam zu konvertieren – und so sein Leben zu retten. Der betagte Bischof bäumt sich ein letztes Mal auf und weigert sich. Der türkische Oberbefehlshaber lässt ihn noch in der Kirche köpfen. Danach stellt er die restlichen Geistlichen vor die Wahl. Aber auch sie entscheiden sich lieber für das Martyrium. Berichten zufolge habe man sie entzweigesägt. Die Kathedrale wurde anschließend aller christlichen Symbole beraubt und zu einem Stall herabgewürdigt.
Die letzten Überlebenden von Otranto werden am 14. August auf einen Hügel außerhalb der Stadt geführt. Die Ansage von Gedik Ahmed ist klar: Sie haben eine Chance, eine einzige Chance, zum Islam überzutreten – oder zu sterben. Wenn sie konvertieren, werden sie reich belohnt werden. Dass Gedik Ahmed so sehr auf die Islamisierung pocht, hat auch strategische und politische Gründe. Die Konversion von Otranto wäre ein Präzedenzfall: Zum ersten Mal würde eine italienische Stadt im neu eroberten osmanischen Territorium konvertieren. Die umliegenden Städte würden versucht sein, sich bereitwillig zu ergeben oder durch Konversion ihr Heil zu suchen.
Um den Otrantinern den Übertritt noch schmackhafter zu machen, engagiert der Pascha einen abgefallenen Prediger, der den Überlebenden den Islam in schillernden Worten darstellt. Sie sollen das Christentum aufgeben zugunsten des neuen Glaubens.
Doch einer der Überlebenden tritt vor. Es handelt sich um einen alten Schneider namens Antonio Primaldi. Er erhebt die Stimme und sagt, dass er bereit sei, tausendfach für Christus zu sterben. An seine Mitbürger gewandt erklärt er:
„Meine Brüder, bis heute haben wir zur Verteidigung unseres Landes, zur Rettung unseres Lebens und für unsere Herren gekämpft; nun ist es an der Zeit, dass wir kämpfen, um unsere Seelen für unseren Herrn zu retten, damit wir – nachdem er für uns am Kreuz gestorben ist – auch für ihn sterben, standhaft und unerschütterlich im Glauben, und durch diesen irdischen Tod das ewige Leben und die Herrlichkeit der Märtyrer erlangen!“
Im Chor sprechen die Otrantiner mit einer Stimme: Auch sie sind bereit, tausendfach für Christus zu sterben.

Damit haben die Überlebenden ihr Schicksal gewählt. Der Scharfrichter tritt vor – das erste Opfer soll der Rädelsführer Primaldi selbst sein. Der Schneider kniet nieder und wird mit einem Schlag enthauptet. Die Legende besagt, dass der Körper Primaldis nicht zusammensackte. Während der Hinrichtung seiner Landsleute blieb er felsenfest stehen. Niemand vermochte die Leiche zu bewegen. Das offenkundige Wunder soll einen der Türken dazu gebracht haben, sich auf der Stelle zum Christentum zu bekennen – auch er wurde hingerichtet. Insgesamt finden 800 Menschen an diesem Tag den Tod – an einem Ort, der ab dieser Zeit als Hügel der Märtyrer bekannt ist.
Das Massaker von Otranto und das Schicksal der 800 Märtyrer erschüttern Italien. Der Papst ruft die italienischen Staaten und Ungarn zu Hilfe. Gedik Ahmed verwüstet Apulien, belagert die Städte an der Küste, zerstört Klöster und Dörfer. Aber den Nachschub kann er für sein riesiges Heer kaum sicherstellen. Die lokale Bevölkerung kooperiert nicht. Ein Jahr später, im Mai 1481, stirbt Mehmed II. „der Eroberer“. Ein Thronfolgestreit zwischen seinen beiden Söhnen Bayezid und Cem droht. Gleichzeitig erreichen neapolitanische Truppen mit starker ungarischer Unterstützung Süditalien. Die Muslime ziehen ab; die Christen erobern Otranto zurück.
Als die christlichen Heerführer die Gebeine der Märtyrer finden, sind diese nicht verwest. Sie liegen heute in der Kathedrale der Stadt. Der Widerstand bleibt nicht nur den Italienern im Gedächtnis; dass ein winziger Flecken Land am Rande Apuliens so schwierig zu erobern ist, war auch für die muslimischen Angreifer ein Zeichen. Die Strategie, mit Drohungen und Massakern die Bevölkerung zur Kapitulation und Konversion zu zwingen, erwies sich in Süditalien als fruchtlos. Otranto sollte die umliegenden Länder und Menschen einschüchtern. Doch das unbeugsame Bekenntnis zu Jesus Christus sorgte dafür, dass 800 Märtyrer ein Weltreich aufhielten. Dass die Christen von Otranto bereit waren, für ihren Glauben zu sterben, passte nicht in die Rechnung derjenigen, die nur in den Kategorien von Macht und Ruhm dachten – und denken.


