„Religionsfreiheit ist ein Lackmustest für alle Menschenrechte“

Bei der Jahreskonferenz von Christian Solidarity International hielt der ehemalige EU-Sonderbeauftragte Ján Figel‘ eine Grundsatzrede. Der überzeugte Christ betonte den Zusammenhang von Glaubensfreiheit und Menschenwürde. Dass das Böse in der Welt so stark sei, führte er auf Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Angst zurück. CSI dokumentiert die ganze Rede.

Die folgende Rede hielt Ján Figel‘, ehemaliger EU-Sonderbeauftragter für die Förderung von Religions- und Weltanschauungsfreiheit außerhalb der Europäischen Union, am 15. April anlässlich der Jahreskonferenz von Christian Solidarity International. Der Originaltext der Rede ist hier auf Englisch abrufbar.

Ich bin wirklich geehrt und froh, hier zu sein. Die Einladung von CSI-Präsident John Eibner kam ziemlich schnell, nachdem wir uns gemeinsam auf dem Capitol Hill in Washington D.C. getroffen und gemeinsam für Religionsfreiheit, Respekt und Autonomie in Armenien eingesetzt hatten.

Zu meiner Vorstellung möchte ich hinzufügen: Ich bin Ehemann und Vater von vier Kindern. Und mein Name, Ján Figeľ, gehörte vor mir meinem Onkel Ján, der unter dem stalinistischen Regime in der Tschechoslowakei, unter Präsident Gottwald, verschwand. Seitdem wissen wir nicht, wo er geblieben ist, wo er begraben wurde – ob in der Region, wie manche sagten in einem Prager Gefängnis, oder in Sibirien im Gulag.

Wann immer ich vorgestellt werde, versuche ich daher immer, die Verbindung zu meinem Vater, seinem Bruder und den Generationen herzustellen, die den höchsten Preis für unsere Freiheit bezahlt haben. Freiheit ist niemals umsonst. Sie entsteht nicht aus dem Nichts. Freiheit ist ein großer Wert, der auf Opfer gründet. Die Zukunft wird durch Opfer geboren. Wenn wir das Verständnis für Opfer, Sinn und Hingabe verlieren, verlieren wir die Zukunft.

Und der Unterschied zwischen denen, die Glauben haben, und denen, die keinen haben, ist folgender: Menschen des Glaubens erwarten das Wichtigste, das Entscheidendste, das Schönste in der Zukunft. Nicht in der Erinnerung, nicht im Fotoalbum der Hochzeit, der Kindheit oder Jugend. Das ist etwas für die Zukunft, für die Ewigkeit, die immer jetzt beginnt, nicht morgen.

Und weise Menschen wissen, dass sie bereits in der Vergangenheit begann, denn wir bauen nicht auf einer grünen Wiese oder fangen bei null an. Wir haben ein Erbe, ein sehr wichtiges Erbe – mit seinen Vorzügen und Nachteilen, mit Lektionen, die wir behalten und aus denen wir lernen sollten.

[Er zeigt auf ein CSI-Banner mit der Aufschrift „Für Religionsfreiheit und Menschenwürde.“] Ich wusste nicht, dass es hier ein solches Plakat geben würde, das von Religionsfreiheit und Menschenwürde spricht. Denn zwischen diesen beiden gibt es eine sehr tiefe und starke Verbindung. Daher kann man sagen, dass Religionsfreiheit ein Lackmustest für alle Menschenrechte ist.

Ein wesentliches Problem unserer Zeit und unserer Generation ist, dass Worte ihre Bedeutung verlieren oder dass wir die Bedeutung von Wörtern, Sätzen und Botschaften nicht mehr suchen. Wie John [Eibner] vorhin sagte, sind wir uns einig, dass Religion Kultur schafft und Kultur Zivilisation. Und nun steckt unsere Zivilisation in einer sehr tiefen Krise. Schauen wir also zurück zu den Wurzeln. Warum? Was ist das eigentliche Problem? Ein Teil des Problems rund um die sogenannte Religionsfreiheit – FoRB, Freedom of Religion or Belief – besteht darin, dass wir ihre Bedeutung nicht richtig verstehen.

Das internationale und selbst das nationale Verfassungsrecht erkennt Religionsfreiheit als Freiheit des Denkens, des Gewissens und der Religion an – diese drei. Jeder Mensch, Sie und ich, ist dreifaltig. Unser Sein verbindet menschliche Rationalität, Moralität und Spiritualität. Es geht nicht um ein Entweder-oder. Diese drei Dimensionen sind wesensimmanent, integral. Wir besitzen unsere Rationalität, unsere Moralität und unsere Spiritualität oder Religiosität. Nur in diesen drei Dimensionen ist die „innere FoRB“ vollständig ausgefüllt.

Und wenn diese innere FoRB, die innerste Freiheit des Menschen, nicht respektiert wird – sei es durch ein totalitäres Regime, eine Autokratie oder einen Fundamentalismus –, dann werden die daraus folgenden Freiheiten zu einhundert Prozent und mehr ebenfalls nicht respektiert: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Vereinigungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Eigentumsfreiheit.

Das ist eine Lektion des Kommunismus. Das ist eine Lektion des Nationalsozialismus, des Faschismus und jeder Ideologie. Denn Ideologie ist die Aufgabe oder Ablehnung der Wirklichkeit, der Wahrheit, zugunsten einer Vision, einer Illusion – des „neuen Menschen“, der „neuen Menschheit“, der „neuen Gesellschaft“, die meistens eine Hölle auf Erden ist, nichts wirklich „Neues“.

Daher ist es sehr wichtig, den Inhalt der Religionsfreiheit zu verstehen. Das bedeutet: FoRB ist wichtig für alle Menschen, ob sie sich als Gläubige oder Nichtgläubige bezeichnen. Jeder glaubt an etwas oder jemanden. Religionsfreiheit ist also wichtig für Menschen von A bis Z, von Atheisten bis Zoroastriern. Nicht nur für Gemeinschaften und religiöse Minderheiten, sondern für alle. Mit diesem Verständnis wären wir erfolgreicher darin, die Freiheit für alle zu verteidigen – auch für Gemeinschaften, denn Religion bringt jene zusammen, die spirituell gleichgesinnt sind, und schafft eine Gemeinschaft, ob für zwei oder drei, für Millionen oder sogar Milliarden.

Bitte behalten Sie das im Gedächtnis, denn ohne dieses Verständnis verlieren wir alle Menschenrechte. Und wenn grundlegende Menschenrechte nicht verteidigt werden, verlieren oder beschädigen wir die Würde des Menschen. Religions- und Glaubensfreiheit ist wichtig, weil sie das private und öffentliche Leben aller Menschen umfasst. Sie ist wichtig, weil sie Ausdruck individueller und kollektiver Freiheit ist. Keine andere Freiheit besitzt einen derart vielschichtigen Ausdruck, ein solches Verständnis und einen solchen Inhalt.

Daher ist FoRB, oder Religionsfreiheit, ein Lackmustest für alle grundlegenden Menschenrechte. Wird sie nicht respektiert, werden es die anderen auch nicht. Wird sie respektiert, haben wir eine Chance bei den anderen.

Der säkulare Staat ist ein Segen für die Religionsfreiheit, kein Problem. Das Problem ist der Säkularismus, der den auf Pluralismus basierenden säkularen Staat durch eine Ideologie ersetzt – Atheismus, Marxismus, irgendeinen -ismus – anstelle von Pluralismus und wahrer Freiheit für alle. Das ist ebenfalls ein Problem unserer Zeit, wenn wir sehen, wie demokratische Länder Entscheidungen treffen, denen es entweder an Rechtmäßigkeit, Legitimität oder Verhältnismäßigkeit mangelt. Diese drei Merkmale sind es, die von Staaten gefordert werden, die Religionsfreiheit im Namen der öffentlichen Ordnung, der öffentlichen Gesundheit oder der Sicherheit regeln wollen.

Ich war an einem Gerichtsfall in meinem Land, der Slowakei, beteiligt – der Slowakei, die ich liebe. Während der COVID-Pandemie beschloss der Staat wiederholt, Kirchen zu schließen und Gottesdienste zu verbieten, während Straßenbahnen und Busse voller Menschen waren. Auch Geschäfte waren voller Menschen, aber die kirchlichen Gottesdienste waren leer. Maximal sechs Personen waren erlaubt, egal ob in einer Kathedrale oder einer kleinen Kapelle. Das war absurd. Also musste ich beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eine Eingabe einreichen. Diese wurde angenommen und registriert.

Drei unabhängige Drittparteien wurden vom Gericht zugelassen, und alle drei argumentierten auf meiner Seite. Nach vier Jahren der Beratungen – kostspielig, anspruchsvoll, fachlich und mit sehr viel Arbeit verbunden – entschied das Gericht, dass der Fall „unzulässig“ sei. Vier Jahre lang haben wir alles für die Richter bezahlt, nur damit diese sagen: „Vor vier Jahren wurde ein Fehler gemacht.“

Es war kein Fehler. Das war entweder eine Ausrede oder Aktivismus – keine Entscheidung in der Sache. Sie können wählen, was Sie für zutreffender halten. Aber Gerechtigkeit fehlt immer mehr, und Religionsfreiheit leidet in demokratischen Ländern – ob wir von Finnland, der Slowakei, Japan oder anderen Ländern sprechen. Es ist bedauerlich, denn die westliche Zivilisation gründete nach den sogenannten Religionskriegen auf Religionsfreiheit. Wenn wir diese Wurzeln verlieren, werden wir noch viel mehr verlieren.

Wer Religion nicht versteht – und insbesondere den Missbrauch von Religion – kann nicht verstehen, was in der Welt heute vor sich geht. Und wenn wir nicht verstehen, was vor sich geht, wie können wir dann helfen? Wie können wir einen Patienten heilen?

Zunächst müssen wir Religionsfreiheit verstehen und sie dann verteidigen. Wie gesagt, FoRB ist ein sehr komplexer Lackmustest für alle Menschenrechte. Ihre Dimensionen umfassen unser Leben im privaten und öffentlichen Bereich. Sie bezieht sich auf Lehre, Gottesdienst, Praxis und Observanz. Etwaige Einschränkungen müssen gesetzlich zulässig, legitim und verhältnismäßig sein.

Was in der Welt heute ebenfalls fehlt, ist religiöse Bildung. Die Welt wird immer vielfältiger, und um zusammenzuleben – nicht nur nebeneinander zu existieren –, müssen wir die anderen kennen. Wir müssen verstehen, was uns unterscheidet. Das ist kein Aufruf zu einem künstlichen Verhalten oder Synkretismus. Das Idealbekenntnis der Menschheit ist „Einheit in Vielfalt“.

Das ist sogar für den religiösen Ausdruck von tiefer Bedeutung, denn jeder ist anders. Niemand ist eine Kopie von jemand anderem – es sei denn, wir beginnen zu klonen. Aber wir sind eines, eine Menschheit. Gleich in der Würde, verschieden in der Identität. Beides ist wichtig. Meine Identität ist einzigartig, unersetzlich, unwiederholbar. Ob wir auf die acht Milliarden Menschen von heute blicken, auf die Milliarden, die vor uns kamen, oder auf die Milliarden, die im 21. Jahrhundert kommen werden – ich bin einzigartig, original, authentisch. Und das zählt. Mein Sohn ist anders als ich. Das ist in Ordnung.

Aber wir sind alle gleich in der Würde. Dieses Verständnis ist der besondere Beitrag des Christentums. Wenn irgendetwas zählt, dann ist es die Würde. Wir glauben, dass sie das Abbild Gottes ist – Imago Dei. Als das letzte Katholische Konzil, das Zweite Vatikanische Konzil, ein besonderes Dokument zur Religionsfreiheit verabschiedete – ein Dokument, das besonders von amerikanischen Bischöfen inspiriert wurde –, trug es den Titel Dignitatis Humanae. Es gibt also – und nicht nur deshalb – eine sehr tiefe und starke Verbindung zwischen Religionsfreiheit und der Würde der menschlichen Person.

Gleiche Würde ist ein moralisches und ethisches Prinzip, das sich aber in Handlung oder rechtlichen Status übersetzen sollte, was gleiche Staatsbürgerschaft bedeutet. Und das ist das Problem in vielen, vielen Ländern heute. Auf Konferenzen hören wir von gleicher Würde, aber in der Realität gibt es Menschen zweiter und dritter Klasse in vielen Ländern – in bevölkerungsreichsten Ländern, in der Supermacht China usw. Dieses mangelnde Anerkennen der Würde aller und Würde für alle ist ein Problem unserer Zeit. Wir sollten viel mehr tun, um dieses Verständnis zu fördern, denn durch Würde werden wir zum Verständnis menschlicher Geschwisterlichkeit zurückfinden.

Das ist nicht nur religiöse Sprache. Menschenwürde wird in mehr als 160 Verfassungen weltweit erwähnt und darauf Bezug genommen. Können Sie sich das vorstellen? Das ist ein globaler Konsens. Einhundertsechzig, einschließlich Indien seit 1947, in der Präambel der indischen Verfassung. Aber die Realität ist, dass laut dem Bericht des Bischofs von Truro von 2019 für das britische Außenministerium (FCO) heute 250 Millionen Christen verfolgt werden. Und das zählt nur die Christen – viele andere Gemeinschaften werden ebenfalls verfolgt. Das ist die skandalöseste Verletzung der Menschenrechte. Das ist die Sprache eines Berichts des Außenministeriums aus London. Open Doors sprach letztes Jahr von 350 Millionen verfolgten Christen. Mehr Menschen sind von Verfolgung betroffen oder in ihrer Gewissensfreiheit eingeschränkt, als vom Klimawandel betroffen sind. Die Vereinten Nationen kümmern sich sehr um den Klimawandel, aber sehr wenig um religiöse Verfolgung. Neun von zehn Völkermorden in der Geschichte basierten auf religiöser Zugehörigkeit und religiöser Identität. Wenn wir uns also um Religionsfreiheit kümmern oder diese Dimension des Verbrechens der Verbrechen – Völkermord – beseitigen würden, würden wir das 21. Jahrhundert wirklich menschlicher gestalten. Denn Völkermorde sind immer noch gegenwärtig.

Die Stufen religiöser Verfolgung sind: 1) Intoleranz oder soziale Gewalt, 2) rechtliche Diskriminierung, 3) Verfolgung, und das Unmenschlichste ist 4) Völkermord. Es stimmt nicht, dass wir unseren Verpflichtungen nachkommen. 1948 verabschiedete die internationale Gemeinschaft die Völkermord-Verhütungskonvention und sagte: „Nie wieder.“ Die Realität ist: wieder, und wieder, und wieder. Wir als Menschheit versagen.

Ich erwähne das, weil wir eine Kultur der Menschenwürde, aller und für alle, pflegen müssen. Als ich Sonderbeauftragter für Religionsfreiheit außerhalb der Europäischen Union war, verabschiedeten wir gemeinsam mit gleichgesinnten Wissenschaftlern eine solche Erklärung, die Erklärung von Punta del Este über Menschenwürde für alle überall. Sie erklärt in zehn Punkten, warum Würde wichtig ist. Sie finden sie unter http://www.dignityforeveryone.org/ und können dort sogar Ihre Unterschrift hinzufügen. Es gibt Hunderte von Unterzeichnern – Führungspersönlichkeiten aus Wissenschaft, Medien, Politik und Religion.

Das gesamte Konzept der Menschenrechte beginnt mit der AEMR, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 in Paris verabschiedet wurde. Würde findet sich nicht nur in der Präambel, sondern wird fünfmal in diesem Gründungsdokument der Vereinten Nationen erwähnt.

Dasselbe gilt für die Charta der Vereinten Nationen und den IPBPR, den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte. Es sollte also in unserem Blut sein, in unserem internationalen und nationalen Recht. Aber wir neigen dazu, die Würde des Ungeborenen, die Würde der Älteren, die Würde von Minderheiten zu untergraben. Und dann sehen wir das Böse. Das Böse wächst überall, einschließlich Kriege.

Ich möchte nicht zu lange sprechen, daher werde ich mit der Rückkehr des Krieges nach Europa schließen – und nicht nur nach Europa. Das Böse ist erfolgreich, weil es sehr billige und allgegenwärtige, weitverbreitete Verbündete hat, einschließlich der Schweiz, der Slowakei, der Vereinigten Staaten. Ich sage das nicht, um zu beschuldigen oder zu beschämen.

Die drei Geschwister des Bösen, oder Verbündeten des Bösen, sind sehr effizient. Das erste ist Gleichgültigkeit. Wir kümmern uns nicht, weil es weit weg ist, weil es nicht wir sind, nicht ich, weil ich sowieso nichts ausrichten kann. Gleichgültigkeit ist wahrscheinlich das auffälligste Problem unserer Zeit.

Das zweite ist Unwissenheit. Wir lernen nicht, wir wissen nicht, wir verstehen nicht, weil es kompliziert und komplex ist und wir nicht einmal die Mühe aufbringen, es zu verstehen.

Und das dritte Geschwister des Bösen ist die Angst, die menschliche Angst. Die Angst, etwas zu tun, etwas zu sagen, für die Stimmlosen oder Schutzlosen einzutreten, weil es uns Probleme bereiten könnte.

Zu unserem eigenen Wohl müssen wir etwas Konstruktives tun, was zunächst bedeutet, aktiv und engagiert zu sein. Das führt mich zu einer Würdigung dieser Organisation von Gleichgesinnten, die sich kümmern, anstatt zu Hause zu sitzen und Hobbys nachzugehen oder darüber zu kommentieren und zu klagen, was in der Welt heute vor sich geht. Das zweite ist Bildung. Bildung ist eine lebenslange Anstrengung. Bildung ist keine Vorbereitung auf das Leben. Nein, Bildung ist das Leben selbst. Wir müssen bis zum letzten Ende lernen, das kein Ende ist, sondern eine Reifung für die Ewigkeit. Und das dritte ist sehr einfach, aber unabdingbar: Mut. N’a pas peur! Habt keine Angst! Ihr seid nicht allein. Wir sind nicht allein.

Der Krieg in Europa ist eine Folge all dieser Defizite, einschließlich oder besonders des Verlustes des Zusammenhalts. Und wir existieren gemeinsam. Die westliche Zivilisation spricht über sich selbst. Aber damit es ein Westliches gibt, muss es ein Östliches geben. „Kain, wo ist dein Bruder?“ Der Geist der Brüderlichkeit wurde in der Französischen Revolution verkündet: Liberté, égalité, fraternité.

Aber meistens fehlt das letzte. Wir lieben Freiheit. Wir lieben Gleichheit. Aber wer kümmert sich um Brüderlichkeit? Wir wollen Rechte. Wer spricht von Pflichten? Oft handelt es sich um eine einseitige Münze.

Gott macht keinen Urlaub. Er kümmert sich. Er hat gearbeitet. Er arbeitet. Und wir sind im Abbild unseres Vaters. Also sollten wir uns kümmern. Wir haben Pflichten. Ich habe Pflichten als Ehemann, als Vater, als Bürger – nicht nur Rechte. Aber in Schule, Medien und Vereinten Nationen hören wir: Rechte, Rechte, Rechte: Neue Rechte, mehr Rechte, alle Rechte, sekundäre Rechte. Das hat Folgen. Denn wenn das Gleichgewicht nicht gewahrt wird, geraten wir in Krise und Niedergang.

Der Krieg in Europa ist eine Tragödie. Aber er kann sogar zu einer Katastrophe werden. Die meisten von Ihnen sind Europäer oder mit Europa verbunden. Europa hat in der Geschichte viel erhalten. Es hat viel besessen. Aber es hat auch Weltkriege hervorgebracht. Zwei Weltkriege kamen aus Europa.

Es gibt im Wesentlichen drei Szenarien für die unmittelbare Zukunft Europas in Bezug auf den Krieg im Osten. Unsere Wahl jetzt ist nicht zwischen Gut und Schlecht, sondern zwischen Schlecht und Schlechter. Das schlechte Szenario bedeutet, dass das Töten bis zum bitteren Ende weitergehen wird. Denn jeder Krieg wird irgendwann enden. Eine Seite wird zusammenbrechen; etwas wird geschehen. Und Tag und Nacht, oder Nacht und Tag, geht das Töten weiter. Jede Nacht, jeden Tag.

Es gab eine Pause jetzt wegen Ostern. Und es geht nun schon seit über vier Jahren so weiter. Präsident Trump versprach, diesen Krieg in 24 Stunden zu beenden, aber bereits ein Jahr reichte nicht aus. Denn Immobilienmakler können keinen Frieden schließen. All diese Treffen in Abu Dhabi, in Islamabad, in Istanbul, Genf oder Florida brachten keinen erfolgreichen Friedensvorschlag. Niemand glaubt mehr daran. Es ist ein europäischer Krieg. Europa sollte zahlen – die Amerikaner werden Waffen verkaufen –, wenn sie nach dem Beginn eines weiteren Krieges noch welche haben. Es ist ein Alptraum.

Aber das schlimmste Szenario ist, dass es eine Provokation geben wird. Es gibt genug Verrückte da draußen und genug Waffen, einschließlich nuklearer. Wir könnten den Dritten Weltkrieg haben. Niemand kann das ausschließen. Das Unvorstellbare könnte Wirklichkeit werden.

Aber ich bin nicht hierher gekommen, um Angst zu verbreiten. Ich bin hier, um Engagement und Hoffnung zu verbreiten. Es gibt eine Hoffnung auf Frieden im Osten, in Europa, was auch Hoffnung für den Nahen Osten oder die globale Situation bedeutet, weil alles miteinander verbunden ist – wenn wir die einzigartige christliche Erfahrung aus der Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg anwenden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug der französische Staatsmann Robert Schuman – von Papst Franziskus 2021 zum ehrwürdigen Diener Gottes erklärt – einen Plan vor, der von Frankreichs Hauptfeind Deutschland und dann von einigen anderen angenommen wurde, die Produktion von Kohle und Stahl zu vereinen – materielle Güter, die für die Kriegsführung unverzichtbar sind. Aber das Ziel war nicht Kohle, Stahl und Wirtschaft, sondern Frieden in Europa. Und für 75 Jahre hat das für die teilnehmenden Länder gehalten. Es ist ein einzigartiges, beispielloses, sehr attraktives Modell, das Frieden, Stabilität und Wohlstand bringt. Aber wir haben es versäumt, oder aufgegeben, den Westbalkan und dann Osteuropa in dieses eine Haus zu holen.

Die zweite große Lektion kam von General George Marshall aus den Vereinigten Staaten, ebenfalls ein Christ. Er schlug einen Plan für wirtschaftliche Erholung vor, der nicht nur Verbündete oder Sieger einlud, sondern auch den früheren Aggressor Deutschland. Wegen des Marshallplans sagten viele Menschen, dass Deutschland am Ende ein Gewinner war. Westdeutschland war besser gestellt als Ostdeutschland. Und das stimmte. Aber der Punkt war: keine Rache. Es ging darum, eine Nation, die ein Feind war, zu einem Partner, sogar einem Freund, sogar einem Verbündeten zu machen. Wieder ein Bruder.

Das ist eine wahrhaft christliche Haltung – zu vergeben, zur Gleichheit an einem Tisch zurückzukehren. Wenn diese Lektionen und Prinzipien jetzt in Osteuropa angewandt werden, möchte ich sagen, dass wir in diesem Jahr Frieden in Europa haben können, sogar dauerhaften Frieden in Europa. Ich arbeite daran. Ich schreibe viel darüber und reise ebenfalls.

Wir müssen die zwei wichtigen Prinzipien verbinden – ora et labora: beten und tun, was wir können. Ein bisschen, nicht viel – bringe fünf Brotlaibe und zwei Fische, und Tausende und Abertausende werden gespeist. Aber gib, was du hast. Fordere Gott nicht auf, das zu tun, was unsere Aufgabe ist. Wir sind hier mit unseren Talenten, mit unserer Zeit, mit unseren Freunden. Und wir sind eingeladen, in Harmonie mit Ihm zu wirken.

So möchte ich vielleicht mit meiner eigenen Empfehlung schließen, die ich für sehr nützlich und pragmatisch für Ihre Mission und unsere persönlichen Verantwortlichkeiten halte. Neben ora et labora müssen wir fleißige Arbeit, Teamarbeit und Vernetzung verbinden.

Wenn ich tue, was ich könnte und sollte, dann habe ich zumindest meinen Teil getan. Die Heuchler wissen normalerweise, was andere tun sollten. Aber sie tun es nicht. Also beginnt es mit fleißiger Arbeit.

Teamarbeit bedeutet, dass elf gut ausgebildete, fokussierte und kooperative Spieler besser sind als ein Maradona. Wenn man ein Team ist, bedeutet das Synergie, zusätzliche Kraft und Mehrwert. Manche Menschen sagen: „Ich mag Teamarbeit. Ich bin das Team, und ihr arbeitet.“ (Gelächter) Also: fleißige Arbeit, Teamarbeit und Vernetzung. Heute sind wir wirklich eine Welt. Wir können Medien einschalten und sofort mit Menschen in Japan oder Australien kommunizieren – hic et nunc, hier und jetzt. Die Vernetzung mit Gleichgesinnten kann einen Unterschied machen.

Und ich bin überzeugt, dass das 21. Jahrhundert menschlicher und friedlicher sein kann und soll. Es ist möglich. Es ist unsere persönliche und generationelle Verantwortung. Mein Onkel hat den höchsten Preis bezahlt. Es ist an der Zeit für mich, meinen Frieden und meine Freiheit zurückzuzahlen, meinen Teil beizutragen. Aber ein Preis, der lohnend ist. Er macht Sinn. Und gemeinsam können wir wirklich eine Verbesserung der Religionsfreiheit für alle, der Würde aller und des Friedens für alle erreichen.

Vielen herzlichen Dank. Gott segne Sie.

Ján Figeľ, 66, ist ein slowakischer Politiker. Von 2016 bis 2019 war Figeľ Sonderbeauftragter der Europäischen Kommission für die Förderung der Religionsfreiheit außerhalb der Europäischen Union. Von 2004 bis 2009 war er EU-Kommissar für Bildung und Kultur.