Al-Scharaa in Berlin: CSI warnt Bundeskanzler Merz vor einem Staatsbesuch auf Kosten der Minderheiten Syriens. Christen, Alawiten, Drusen und Kurden sind bedroht. Wir dokumentieren den Offenen Brief.
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
Christian Solidarity International (CSI) setzt sich als christliche Menschenrechtsorganisation seit fast 50 Jahren weltweit für Religionsfreiheit ein. Ich schreibe Ihnen im Namen der Christen, Kurden, Drusen und Alawiten Syriens – Minderheiten, die unter einem Regime leiden, dessen Anführer Ahmed al-Scharaa Sie am Montag empfangen.
Al-Scharaas Besuch steht bereits jetzt im Schatten der pogromartigen Überfälle auf Christen in Suqailabiyya am 27. März. Bewaffnete Gruppen plünderten Geschäfte und Häuser, darunter Cafés, Restaurants, Getränkemärkte und Bekleidungsgeschäfte. Zivilisten wurden mit Gewalt bedroht, Frauen belästigt. Anwohner berichten, dass die Sicherheitskräfte des Regimes entweder nicht eingegriffen haben oder teilweise daran beteiligt waren.
Über Jahre hatten dschihadistische Kämpfer von Idlib eine Rechnung mit den Christen von Suqailabiyya offen, weil diese sich erfolgreich im Syrienkrieg verteidigten. Diese Dschihadisten waren Anhänger der Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) – jene islamistische Gruppe, die al-Scharaa gründete und anführte.
Seit dem 8. Februar 2025 sitzt der ehemalige Bürgermeister Suleiman Khalil im Militärgefängnis von Homs – ohne Anklage, ohne Vertretung durch einen Anwalt. Khalil hat seine Heimat, die christliche Stadt Sadad, gegen Dschihadisten und den IS verteidigt. Beobachter ordnen seine Inhaftierung daher als Rache ein.
Erst im Januar haben Regierungskräfte in einer Offensive den bis dahin kurdisch kontrollierten Nordosten eingenommen. Videos, die bis in den US-Kongress drangen, zeigten das brutale Vorgehen der al-Scharaa-Kräfte. Dieselben kurdischen Soldatinnen, die der Westen bei der Belagerung von Kobane durch den IS feierte, wurden brutal von den Dschihadisten niedergemacht.
Im vergangenen Sommer griffen sunnitische Kämpfer, unterstützt von Damaskus, drusische Ortschaften im Süden des Landes an. Die drusischen Milizen sind die einzige Verteidigung für die Einheimischen. Das hat die Bundesregierung nicht daran gehindert, die Entwaffnung dieser Milizen, die für viele Minderheiten reiner Selbstschutz sind, zu einem wichtigen Ziel zu erklären.
Den Auftakt zu dieser skrupellosen Minderheitenpolitik bildeten die Alawiten-Massaker im März 2025. Bis heute sind Dutzende alawitische Frauen entführt worden. Die Ereignisse wurden bis heute nicht aufgearbeitet.
Trotz all dieser massiven Angriffe hat das Auswärtige Amt im Dezember behauptet, die menschenrechtliche Situation habe sich seit dem Sturz von Diktator Assad verbessert. Das Gegenteil ist der Fall. Die Minderheiten, die als einzige ein Interesse an einem pluralistischen Staat haben, sollen im neuen Syrien keinen Platz haben. Bei den Parlamentswahlen waren sie unterrepräsentiert. Al-Scharaa hat ein Drittel der Abgeordneten selbst ernannt. Nach über einem Jahr ist immer noch nicht klar, wann al-Scharaa seine „Übergangsposition“ abgibt oder legitimiert. Derzeit beobachten wir, wie Christen nicht nur physisch angegriffen werden, sondern von al-Scharaas Leuten auch systematisch aus dem öffentlichen Dienst gedrängt werden und ihre Stellungen als Beamte, Anwälte und Richter verlieren.
Der Nahostexperte Fabrice Balanche hat deswegen davor gewarnt, dass sich Syrien auf dem direkten Weg in eine islamische Republik befindet. Er hat darüber hinaus Sie direkt gewarnt, Herr Bundeskanzler. Al-Scharaa wird sich die Rückkehr der Syrer „vergolden“ lassen, aber vermutlich nicht Wort halten. Im Gegenteil sind neue Fluchtbewegungen zu befürchten, wenn der Westen al-Scharaas Position zementiert und seine Dschihadisten die ethnisch-religiöse Säuberung Syriens fortsetzen.
Ich fordere Sie daher auf, Ahmed al-Scharaa deutlich zu machen, dass die Bundesrepublik Deutschland ihn persönlich verantwortlich macht für die aktuellen Menschenrechtsverletzungen gegen Minderheiten in den von ihm kontrollierten Gebieten Syriens. Zugleich bitte ich Sie, jede finanzielle Unterstützung Syriens seitens der Bundesrepublik von der Beachtung der Menschenrechte, insbesondere der Religionsfreiheit, abhängig zu machen. Christen, Kurden, Drusen, Alawiten und andere Minderheiten dürfen in Syrien unter Ahmed al-Scharaa nicht zu Bürgern zweiter Klasse reduziert werden!
Mit freundlichen Grüßen
Peter Fuchs, Pfr.
Geschäftsführer CSI-Deutschland


