Beschuss, blockierte Straßen, zerstörte Häuser: Die christlichen Dörfer im Südlibanon kämpfen ums Überleben – und um ihre jahrtausendealte Präsenz auf dem Land ihrer Vorfahren.
Die Lage im Südlibanon hat sich in den letzten Wochen verschärft. Das betrifft insbesondere den Grenzstreifen, in dem die Dörfer Ain Ebel, Rmeich, Debel und Alma al-Chaab liegen. Die dort verbliebenen christlichen Gemeinschaften kämpfen nicht nur gegen ununterbrochenen Beschuss, sondern auch gegen eine systematische Isolation. Beides bedroht ihre jahrtausendealte Präsenz auf diesem Land. Humanitäre Hilfsversuche sind in der Vergangenheit gescheitert.
Ein erschütterndes Beispiel bietet der Vorfall vom 7. April. Der Apostolische Nuntius im Libanon, Erzbischof Paolo Borgia, versuchte, mit einem Hilfskonvoi Debel zu erreichen. Ursprünglich waren elf Lastwagen vorgesehen, um eine Bevölkerung von 430 Familien – rund 1.700 Menschen – zu versorgen. Die israelischen Behörden erteilten jedoch nur für drei Fahrzeuge eine Einreisegenehmigung.
Dieser kleine, von UNIFIL begleitete Konvoi führte lebenswichtige Güter wie Medikamente, Trinkwasser, Fleisch, Gemüse und Treibstoff mit sich. Zwei Stunden harrten der Nuntius und die Hilfsorganisationen in der Nähe von Debel aus – um dann unverrichteter Dinge nach Beirut zurückzukehren. Der Beschuss hatte sich derart verstärkt, dass eine Verteilung der Hilfsgüter unmöglich wurde.
Solidarität im Angesicht der Not
Die Dorfgemeinschaft von Debel, die sich in der Kirche versammelt hatte, um mit dem Nuntius die Messe zu feiern und Hilfsgüter in Empfang zu nehmen, blieb allein und ohne Versorgung zurück. Am Tag darauf, dem 8. April, konnte der Nuntius für eine bedingte Verbesserung sorgen. Zusammen mit dem maronitischen Patriarchen Al-Rahi lieferte er lebenswichtige Güter in die Ortschaften Marjeioun, Kawkaba und Qlaiaa.
Das Scheitern solcher Hilfsaktionen hat die Hoffnungen der Anwohner nicht zerstört – im Gegenteil. Die Solidarität unter den christlichen Dorfbewohnern wuchs angesichts der Not. Als die Bewohner von Ain Ebel erfuhren, dass ihre Nachbarn in Debel ohne jegliche Versorgung geblieben waren, bildeten sie eine spontane „Gütergemeinschaft“. Obwohl ihre eigenen Vorräte an Obst, Gemüse und Treibstoff bereits erschöpft waren, gaben sie das Letzte ihrer vorherigen Hilfspakete weiter – Konserven, Milch und Windeln für die Kinder. Aktionen wie diese sind es, die den unbeugsamen Gemeinschaftsgeist der Christen im Südlibanon bezeugen.
Der Druck auf die christlichen Gemeinden lässt nicht nach. Bereits am 4. April, dem Karsamstag, ordneten israelische Streitkräfte die Evakuierung der Dörfer an. Um zu verhindern, dass die Häuser der christlichen Flüchtlinge von der Hisbollah besetzt – und dadurch zu militärischen Zielen werden – haben die Verbliebenen eine Schutzstrategie entwickelt. In Absprache mit den geflüchteten Eigentümern wechseln sich die Familien ab und wohnen in den leerstehenden Häusern, um sie „lebendig“ zu halten. Das örtliche Hotel haben die Familien aufgeteilt, um dort ständig präsent zu sein.
Systematische Zerstörung ganzer Ortschaften
Diesen kleinen Erfolgen steht ein systematisches Vorgehen zur „Säuberung“ der Grenzdörfer gegenüber. Ganze Ortsteile werden durch Sprengladungen und mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht. Die israelische Armee rechtfertigt diese Strategie damit, unterirdische Infrastrukturen zu zerstören. Satellitenaufnahmen und Drohnenbilder bestätigen, dass im Dorf Qaouzah ganze Wohnviertel kontrolliert zerstört wurden.
Qaouzah ist kein Einzelfall. Alma al-Chaab gehörte zu den ersten Orten, die von Weißphosphor-Munition und Luftangriffen verwüstet wurden. Jahrhundertealte Obstgärten und Wohnhäuser fielen den Angriffen zum Opfer. Auch in Ain Ebel sind bereits mehrere Häuser getroffen worden – doch ihre Eigentümer können das Ausmaß der Schäden derzeit nicht einschätzen, da die israelische Armee bereits in den Ortskern vorgedrungen ist.
Für die einheimische christliche Bevölkerung gleicht dieses Vorgehen einer Politik der verbrannten Erde. Sie soll eine zukünftige Rückkehr unmöglich machen. In einigen Ortschaften wurden bis zu 70 Prozent aller Gebäude zerstört – selbst wenn der Konflikt enden sollte, gibt es keine Häuser mehr, in die man zurückkehren könnte. Die langfristige Existenz dieser christlichen Gemeinschaften ist damit ernsthaft bedroht.
Abgeschnitten – auch von medizinischer Versorgung
Über die unmittelbare physische Bedrohung hinaus lastet auf diesen Dörfern eine tiefe Angst: Sie könnten eines Tages vom libanesischen Staatsgebiet von 10.452 Quadratkilometern abgeschnitten werden. Die Straßen nach Tyros und Tebnine sind durch Trümmer und heftige Kämpfe bei Bint Jbeil blockiert – die Region ist zu einer Insel ohne Ausweg geworden. Im Falle eines medizinischen Notfalls ist das nächste Krankenhaus unerreichbar. Selbst das Rote Kreuz in Rmeich kann sich aufgrund von Straßensperren und ständiger Gefahr nicht bewegen. Die Familien treibt die ständige Sorge um, dass jemand erkrankt, verletzt wird oder dringend operiert werden muss.
Die einzige Hoffnung der Gemeinschaft ist das Gebet, dass niemand auf Krankenhausversorgung angewiesen sein möge – denn das Recht auf Gesundheit ist durch die Zerstörung der Verkehrsverbindungen vollständig außer Kraft gesetzt.
Trotz dieser erdrückenden Last verleiht der Glaube den Christen eine unerschütterliche Standhaftigkeit. Ein Einwohner von Ain Ebel sagte am Ende eines Telefongesprächs: „Wir danken euch, dass ihr nach uns schaut. Trotz des Leides sagen wir es mit Überzeugung: Jesus ist auferstanden – er ist wahrhaft auferstanden. Und wir sind Zeugen davon, und wir bleiben hier mit der Hilfe Gottes. Wir hoffen, von nun an nur Gutes zu sehen.“
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