Inflation, steigende Mietpreise, Islamisierung: Für viele Christen bleibt nur noch die Emigration als Lösung. Eine deutsche Journalistin berichtet von den Foltergefängnissen des neuen Regimes. Die USA schweigen aus geopolitischen Interessen. Gerade deswegen bleibt CSI vor Ort, um dringend benötigte Hilfe zu leisten.
Die Leidensgeschichte Syriens geht weiter. Die wirtschaftliche Situation des Landes bleibt desaströs. Die Mieten haben sich in den letzten 18 Monaten verdreifacht. Obwohl die Gehälter steigen, frisst die galoppierende Inflation das Einkommen wieder auf und verschärft die Situation für viele Familien. Das Regime sah sich deswegen dazu gezwungen, die Währung zu reformieren – indem es zwei Nullen auf den neuen Banknoten gestrichen hat. Zuvor mussten die Syrer mit Plastiktüten voller Geldscheine zum Einkaufen gehen. Der Iran-Krieg führt zum Anstieg der Treibstoffpreise.

Währenddessen schreitet die Islamisierung voran. Direkte Anweisungen gibt Damaskus nicht, um die westlichen Partner bei Laune zu halten. Der christliche Arzt und CSI-Projektpartner Nabil Antaki berichtet jedoch von den Entscheidungen auf lokaler Ebene. „Unabhängige und christliche Richter werden entlassen, an vielen Orten ist das Kopftuch jetzt Pflicht“, erklärt er. Zusätzlich herrsche an zahlreichen Orten ein striktes Alkoholverbot, auf dem Gelände der Universitäten würden Moscheen gebaut.
Islamisierung, Homogenisierung und Schauprozesse
Nur zum Anschein setzt al-Scharaa eine Minderheitenpolitik durch, um Forderungen aus dem Westen nachzukommen. Im syrischen Parlament sitzen nur sechs Christen. Vier davon hat al-Scharaa handverlesen ausgewählt, damit die christliche Minderheit ansatzweise repräsentiert wird. Insgesamt 70 der 210 Abgeordneten hat der „Übergangspräsident“ direkt bestimmt.
Ein Drittel der Abgeordneten seien Vertreter der salafistischen Rebellen, die gegen das alte Regime gekämpft hatten, so Antaki. „Es gibt kein Mitglied der demokratischen und säkularen Opposition gegen das Assad-Regime, obwohl diese aus kompetenten, ehrlichen und demokratisch gesinnten Menschen besteht.“
Jeden Tag – so berichtet Antaki weiter – würden Personen, die irgendwie im Zusammenhang mit dem alten Regime stehen, inhaftiert und in öffentlichen Schauprozessen angeklagt. Obwohl an der Schuld vieler Kollaborateure kein Zweifel besteht, ist auffällig, dass nur „eine Seite“ angeklagt wird – die Dschihadisten, die ebenfalls Kriegsverbrechen begangen haben, kommen ungeschoren davon.
Bleibt Christen nur die Emigration?

Die dschihadistische Regierung Syriens rechnet unbarmherzig mit ihren Gegnern ab. Das hat sich in der christlichen Stadt Sednaya erst kürzlich wieder gezeigt. CSI liegen Berichte vor, wonach die dschihadistischen Sicherheitskräfte anhand einer konkreten Namensliste derzeit mehr als 90 Einwohner Sednayas suchen, um sie festzunehmen. Vier Christen wurden im Juni inhaftiert. Ihnen wird vorgeworfen, im Syrienkrieg IS-Kämpfer getötet und in einem Massengrab verscharrt zu haben. Sednaya mit seinem uralten Kloster, unzähligen Kirchen und dem weithin sichtbaren Cherubim-Berg gilt als geistliches Zentrum des Christentums in Syrien.
Der Wunsch vieler Christen bleibt deswegen die Emigration. Sie fühlen sich in Syrien nicht mehr zuhause. Die Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens haben im Juli nach 112 Jahren Aleppo verlassen. Die Leitung betonte, dass es sich nicht um eine „politische“ Entscheidung handle. Die Zahl der Schwestern sei in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Dennoch ist es ein Symbol für den Rückzug des Christentums. Die Schwestern waren besonders im Bildungswesen tätig und kümmerten sich um Waisen, Arme und Vertriebene. Befürchtungen bestehen, dass auch andere Orden sich auf ähnliche Weise zurückziehen könnten.
Nicht nur Christen leiden unter der dschihadistischen Regierung. Zahlreiche alawitische Frauen gelten seit den Massakern vom März 2025 immer noch als vermisst. Allein zwischen Februar und Juni 2025 kam es zu 38 Entführungen. Das jüngste Opfer war nur 3 Jahre alt, es gab Fälle von Kinderehen. CSI betreut den Fall von Batoul Alloush, die am 29. April 2026 aus dem Studentenwohnheim der Universität Latakia entführt und anschließend zwangsislamisiert wurde.
„Folter mit Schlägen und Elektrizität sind ganz normale Standardverhörmethoden“
Von den Erfahrungen, die Frauen in Syrien machen müssen, berichtet die deutsche Journalistin Eva-Maria Michelmann. Rund sechs Monate hatte das al-Scharaa-Regime sie inhaftiert. Monatelang wurde sie in einem fensterlosen Raum isoliert und psychologisch zermürbt. Sie sei „von Gefängnis zu Gefängnis und von Verhör zu Verhör“ gebracht und gefoltert worden. Viele Frauen, die sie traf, seien schon vor der Machtergreifung der Dschihadisten von diesen dort eingekerkert worden. Unter den Opfern waren zahlreiche Alawitinnen.
Häufig waren die Räume extrem beengt und mit Schimmel besetzt; dutzende Frauen mussten sich wenige Matratzen teilen. Zuletzt sei sie in einem Gefängnis mit Müttern, Kindern und sogar Babys eingesperrt worden. Die jüngsten „Häftlinge“ konnten nicht einmal laufen.
„Bitte glauben Sie nicht, dass das HTS-Regime in Syrien in irgendeiner Weise demokratisch wäre. Seine Methoden sind nicht einmal menschlich“, führt Michelmann aus. „Folter mit Schlägen und Elektrizität sind in den Gefängnissen dieses Regimes ganz normale Standardverhörmethoden. Zivilisten werden auf der Flucht erschossen und auf offener Straße hingerichtet.“ Niemand dürfte deswegen in den „Folterknästen“ des neuen Regimes zurückgelassen werden.
Syrien als geopolitisches Kalkül der USA
Trotz dieser Horrorberichte schweigt der Westen. Dabei spielen wirtschaftliche Interessen eine Schlüsselrolle. Der US-Energiekonzern Chevron sucht vor der syrischen Küste nach Öl- und Gasvorkommen. Ebenso ist Chevron an einer Wiederinbetriebnahme der Pipeline zwischen dem irakischen Erdölstandort Kirkuk und der syrischen Küstenstadt Baniyas beteiligt. Seit dem Irak-Krieg 2003 ist die Verbindung zwischen beiden Ländern unterbrochen. Zum internationalen Konsortium gehört bei der Ressourcensuche und beim Pipelinebau auch die UCC Holding aus Katar.

Chevorn ist traditionell mit den Republikanern als Großspendern verbunden und hat auch US-Präsident Donald Trump in der Vergangenheit finanziell unterstützt. Die Kirkuk-Baniyas-Pipeline würde es dem Irak ermöglichen, sein Öl direkt zum Mittelmeer zu leiten, um es von dort in die Welt zu exportieren. Das Nadelöhr am iranisch kontrollierten Hormus verlöre an Bedeutung.
Von diesen großen Verschiebungen werden zuletzt die Kleinen kaum profitieren. Christen, Alawiten und andere Minderheiten sind bloße Nummern in diesem Zahlenspiel der Mächte. Umso wichtiger ist es, direkte Hilfe vor Ort zu leisten, damit es für die leidenden Syrer eine Perspektive in ihrer Heimat gibt, die nicht vom Wohlwollen der Islamisten abhängt – denn auf eine Intervention des Westens kann man angesichts geostrategischer Überlegungen nicht hoffen.
CSI leistet Hilfe für die Christen Syriens
CSI setzt sich deswegen in Syrien ungebrochen für verfolgte, hungernde, kranke und verzweifelte Kinder, Familien und alte Menschen ein. In Aleppo bewahren wir christliche Familien vor der Obdachlosigkeit, indem wir ihre Mietkosten bezahlen. Gleichzeitig stemmen wir in der von Krieg und Erdbeben gezeichneten Millionenstadt die Behandlungskosten von Schwerstkranken und fördern Programme zur Existenzgründung für junge Christen.
Im Tal der Christen bei Homs garantiert CSI mit lokalen Ordensschwestern die Versorgung einsamer alter Menschen mit Essen auf Rädern und schenkt ihnen menschliche Zuneigung durch regelmäßige Besuche junger Ehrenamtlicher. Und in Damaskus versorgt unser Projekt Elias arme christliche Familien mit Nahrungsmitteln. Gleichzeitig unterstützt CSI eine christliche Schule in Damaskus mit rund 1.000 Kindern und das Emmaus-Haus in Homs, ein von Ordensschwestern geleitetes Heim für Behinderte.
Syriens Christen sind am Ende ihrer Kräfte angelangt. Unsere Aufmerksamkeit und Hilfe schenken ihnen neuen Mut, ihre Zukunft zu gestalten und Zeugen des Evangeliums in einer muslimischen Umwelt zu sein.
Syriens Christen brauchen unsere Solidarität - Ihre Spende ist wichtig!


