Ob Alawiten, Drusen oder Christen: Syrien bleibt unter dem Regime von Ahmad al-Scharaa kein sicheres Pflaster für Minderheiten. Inhaftierungen, Entführungen und Morde prägen den Alltag. Die dschihadistische Regierung hat im Juni den Import von Alkohol und Musikinstrumenten verboten.
Am 8. Dezember 2024 brach die 54 Jahre andauernde Assad-Diktatur zusammen und beendete damit eine Ära weitverbreiteten Staatsterrors und massiver Gewalt.
An ihre Stelle ist eine Regierung unter der Führung von Ahmad al-Scharaa getreten, einem ehemaligen Mitglied von al-Qaida, dessen Kräfte während des Aufstands gegen das Assad-Regime zahlreiche Gräueltaten gegen religiöse Minderheiten in Syrien begangen haben.
Die syrische Übergangsregierung hat sich öffentlich dazu verpflichtet, die Rechte aller Syrer unabhängig von ethnischer oder religiöser Herkunft zu schützen. Doch die neuen syrischen Sicherheitskräfte setzen sich größtenteils aus ehemaligen dschihadistischen Gruppen oder islamistischen Rebellen zusammen, die aus der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung Syriens stammen.
Regierungs- und regierungsnahe Kräfte verübten im März 2025 großangelegte Massaker an alawitischen Zivilisten und im Juli 2025 an drusischen Zivilisten. Nach den Massakern vom März 2025 gab Christian Solidarity International eine Genozid-Warnung für Syrien heraus.
Dieser monatliche Bericht beleuchtet bekannte oder mutmaßliche Angriffe auf religiöse Minderheiten in Syrien. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dient als Indikator für die anhaltenden Bedrohungen religiöser Minderheiten im Land. Angriffe oder Racheakte gegen mutmaßliche Täter von Menschenrechtsverletzungen aus der Zeit des früheren Regimes sind nicht enthalten.
Minderheiten als Mordopfer
Am 7. Juni ermordeten unbekannte Bewaffnete auf Motorrädern vier alawitische Zivilisten und verletzten sechs weitere bei Schussangriffen in zwei verschiedenen Dörfern im Gouvernement Hama.
Am 14. Juni wurde ein schiitischer Mann namens Diaa Faraj Hamoud im Dorf al-Tamour im Gouvernement Aleppo erschossen.
Am 28. Juni wurde ein schiitischer Mann namens Ali Hassan al-Zaher in Damaskus von unbekannten Bewaffneten erschossen.
Das Syrian Justice Archive dokumentierte im Juni zusätzlich die außergerichtliche Tötung von 12 Alawiten und einem schiitischen Mann. Diese Fälle bedürfen weiterer unabhängiger Untersuchung.
Entführungen
Frauen religiöser Minderheiten, insbesondere alawitische Frauen, werden weiterhin regelmäßig entführt, offenbar teils mit Duldung der Behörden.
Batoul Alloush, eine alawitische Frau, die am 29. April aus ihrem Universitätswohnheim verschwand und später öffentlich als zum Islam konvertiert präsentiert wurde, bleibt von ihrer Familie getrennt.
Das Institute for the Documentation of Human Rights Violations Against Religious Minorities in the Levant hat seit Dezember 2024 mindestens 131 Entführungen von Frauen religiöser Minderheiten dokumentiert, überwiegend Alawitinnen.
Willkürliche Inhaftierung
Quellen innerhalb Syriens berichten, dass Christen, die als wohlhabend gelten, regelmäßig unter fadenscheinigen Vorwänden verhaftet und erst dann freigelassen werden, wenn ihre Familien lokalen Amtsträgern ein hohes Lösegeld zahlen. Eine Quelle beschreibt, dass christliche Geschäftsinhaber gezielt ins Visier genommen würden: Die Regierung behaupte, es gebe eine Beschwerde oder Beweise für verbotene bzw. „haram“-Handlungen, woraufhin die Betroffenen inhaftiert würden, bis ihre Familien Geld für ihre Freilassung zahlten. Diese Praxis ist besonders häufig in den Gebieten Sednaya, einer christlichen Wallfahrtsstadt nördlich von Damaskus, Jaramana, einem Vorort von Damaskus, und Wadi al-Nasara (dem Tal der Christen) im Gouvernement Homs.
Mehrere lokale Quellen haben gegenüber CSI bestätigt, dass in der mehrheitlich christlichen Stadt Sednaya am 13. Juni 2026 vier Männer verhaftet wurden: George Mansour, Rabee Moussa, Boutrous al-Sheikh und Shihab Yacoub. Berichten zufolge wurden sie im Zusammenhang mit ihrer Beteiligung an der Verteidigung Sednayas verhaftet, als die Stadt im Januar 2014 von Rebellen angegriffen wurde. Stand 8. Juli 2026 wurden sie zur Vernehmung im Gefängnis des Innenministeriums in al-Nabek festgehalten.
Suleiman Khalil, der frühere Bürgermeister der syrisch-orthodoxen Stadt Sadad, der im November 2015 deren Verteidigung gegen den Islamischen Staat organisierte, wird seit 17 Monaten ohne Anklage und ohne Zugang zu einem Anwalt festgehalten.
Weitere Vorfälle
Die gesamte Bevölkerung des schiitischen Dorfes Mazar’a bei Homs wurde vertrieben, nachdem lokale Behörden den Ort Ende Juni dem Erdboden gleichgemacht hatten.
Zwischen dem 14. bis 16. Juni griffen Mobs alawitische Wohnviertel in Damaskus an, nachdem es zu großen Protesten wegen des Versagens der Regierung gekommen war, Täter von Gräueltaten aus der Assad-Ära zu verhaften.
Am 29. Juni wurde der Schrein von Shaykh Nasser al-Hakim, eine alawitische Kultstätte im Dorf al-Arida im Gouvernement Homs, in Brand gesteckt.
Im Juni untersagten neue Zollbestimmungen die Einfuhr von Alkohol und Musikinstrumenten und setzten damit salafistische Normen für die gesamte Bevölkerung Syriens durch.


