Religiöse Minderheiten unter Druck, radikalisierte Moscheen, vertriebene Muftis: Einblicke in das Alltagsleben zeigen, dass der Umbau Syriens unter dem einstigen Dschihadistenführer al-Scharaa in vollem Gange ist. Islamistischen Einpeitscher in den Moscheen kommen auch aus Deutschland.
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Einen Monat nach dem Besuch des syrischen „Übergangspräsidenten“ Ahmed al-Scharaa ist Syrien wieder aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Wenn von der ehemaligen Rolle des Dschihadistenführers der Al-Nusra-Front und der Hayat Tahrir al-Sham (HTS) gesprochen wird, dann häufig in der Vergangenheitsform. Der Westen hofiert den neuen Staatschef im Anzug, obwohl ihn bis heute weder Wahlen noch Referenden legitimieren. Im Gegenteil: Bei den Parlamentswahlen im September 2025 bestimmte al-Scharaa ein Drittel der Abgeordneten selbst.
Als al-Scharaa noch Abu Muhammad al-Dscholani hieß, beherrschte er mit seinen Islamisten vor allem die Provinz Idlib. Dass sich die HTS dort so lange halten konnte, war nicht zuletzt der Unterstützung durch die Türkei geschuldet, die mit ihrer neo-osmanischen Politik einen Vasallen von Erdogans Gnaden schuf. Die „neue“ Türkei, die sich seit dem Regierungsantritt der AKP ihres atatürkischen Erbes entledigt hat, wollte freilich einen möglichst muslimischen Prätendenten installieren. Er sollte möglichst im Gegensatz zum säkularen Regime von Baschar al-Assad stehen.
Sittenwächter und Islamistenflaggen im Straßenbild
Dass die islamistische Vergangenheit des seit Ende 2024 regierenden al-Scharaa für die Zukunft Syriens ausschlaggebend ist, hat nicht nur das Massaker an den Alawiten im März 2025, der Angriff auf die Drusen im Sommer 2025, sowie das brutale Vorgehen gegen die Kurden im Januar 2026 gezeigt; auch die pogromartigen Ausschreitungen gegen Christen gehören in diesen Kontext. Auch, wenn die Regierung nicht in allen Fällen direkt involviert ist, so lässt sie die Gewalt im neuen islamistischen Klima geschehen. Früher war der Islamismus auf Idlib beschränkt. Heute ist Idlib überall.
Auch die Hauptstadtregion Damaskus, traditionell eher säkular geprägt, transformiert sich unter der Dschihadistenherrschaft. Ähnlich wie die Taliban Afghanistan umgebaut haben, geht nun der Umbau Syriens voran. Sittenwächter kontrollieren abends die Straßen. Der Ton in den Moscheen verschärft sich. In den Moscheen wehen die schwarzen Flaggen der Gotteskrieger, so etwa an der Al-Zanki-Moschee in der Hijaz-Straße.
Islamistische Einpeitscher aus Deutschland für syrische Moscheen
In einem Interview mit Podium Siria beschreibt der politische Aktivist T. N. die gesellschaftliche Lage in seinem Heimatland. Bemerkenswert: Er berichtet von Menschen, die aus Deutschland kommen, um „in Moscheen an sektiererischen, dschihadistischen Lehrveranstaltungen teilzunehmen und die Bevölkerung aufzuhetzen“. Anschließend gingen sie von Haus zu Haus und behaupten, der „Kommission zur Förderung der Tugend“ anzugehören. Danach kehrten sie nach Europa zurück, um „den Ruf der Syrerinnen und Syrer innerhalb der Europäischen Union zu beschädigen“.
Die alteingesessenen Muftis von Damaskus galten als gemäßigt. Sie bemühten sich um eine ausgewogene, moderate Sprache. 80 Prozent von ihnen wurden abgesetzt und durch sehr junge Nachfolger ersetzt. Viele von ihnen haben ihren Abschluss in Idlib gemacht. Früher erwartete man, dass ein Mufti seinen Abschluss an der ägyptischen Al-Azhar-Universität machen musste. Heute reicht die Dschihadisten-Kaderschmiede von al-Scharaa.
Während Syrien unter Treibstoffknappheit und explodierenden Energiepreisen leidet, zeigt das Regime deutlich seine Prioritäten. Es geht nicht um den Wiederaufbau des Landes, für den der „Übergangspräsident“ auf Werbetour durch Europa geht. Es geht auch nicht darum, die Verhältnisse so zu verbessern, dass die Syrer zurückkehren wollen – eine Illusion, der einzig die aktuelle Bundesregierung erliegt. Es geht darum, Syrien zu einer Islamischen Republik umzubauen.
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