„Syrien wurde zu einem zweiten Afghanistan“

Christen in Syrien fliehen vor Repression, Übergriffen und Anschlägen unter der neuen Führung. Alle wollen weg, sobald es die wirtschaftliche Lage erlaubt.

Am Ende bleibt nur die Auswanderung als Ausweg. „Es wurde viel Druck auf die Christen ausgeübt, weil man uns mit dem früheren Regime in Verbindung bringt“, erzählt ein 28-Jähriger aus der christlichen Stadt Kafr Bahoum in der Provinz Hama, der Syrien verlassen hat und CSI regelmäßig informiert.

„Es gab viele Entführungen, Lösegeldforderungen, und Restaurants wurden unter dem Vorwand geschlossen, Alkohol auszuschenken“, sagt er gegenüber CSI. „Ehrlich gesagt, Syrien wurde zu einem zweiten Afghanistan, und das ist der Grund, warum ich geflohen bin.“

Die Lage sei für seinen jüngeren Bruder als Christ an der Universität so unangenehm gewesen, dass dieser sein Ingenieursstudium abgebrochen habe – im letzten Semester vor dem Abschluss.

Der lange Schatten der Ausschreitungen vom März 2026

In der Provinz Hama liegt auch die christliche Stadt Suqailabiyya. Sie geriet im Frühling in die Schlagzeilen. Während Machthaber Ahmed al-Scharaa zu seinem Staatsbesuch nach Deutschland aufbrach, kam es dort zu pogromartigen Ausschreitungen. Fahrzeuge wurden in Brand gesteckt, Geschäfte geplündert und verwüstet – ein Schlag gegen die Existenzgrundlagen in einer durch Krieg und westlichen Sanktionen ausgehöhlten Wirtschaft.

Aufnahmen aus Suqailabiyya zeigten Fahrzeuge der neuen Sicherheitskräfte der Regierung im Konvoi der Motorräder – sie griffen nicht ein, um deren Vorrücken zu stoppen, sondern schienen sie eher zu eskortieren. Statt die Unruhestifter zu verhaften, steckten sie sogar 6 Männer aus Suqailabiyya ins Gefängnis. Sie kamen erst nach öffentlichen Protesten frei.

Den Tumult ausgelöst hatten zwei Männer aus Qalaat al-Mudiq. Sie belästigten örtliche Mädchen und wurden von den Christen vertrieben. Sie kehrten mit Konvois aus Motorrädern zurück.

Qalaat al-Mudiq ist eine muslimische Nachbarstadt. Zwischen ihr und Suqailabiyya verlief die Frontlinie im Syrienkrieg. Damals war Qalaat al-Mudiq bereits eine Islamistenhochburg.

Anschläge auf die „kleine“ Hagia Sophia

Als die Christen 2022 in ihrer Stadt eine Kirche weihten, die bewusst an die Hagia Sophia in Istanbul angelehnt war – der türkische Präsident Erdogan hatte diese wieder zu einer Moschee umgewandelt – folgte die Reaktion einen Tag später: Kämpfer aus Qalaat al-Mudiq feuerten Mörsergranaten auf die Gemeinde. Bei dem Angriff kam der 27-jährige Einwohner Hisham Elias ums Leben, mehr als ein Dutzend weitere Menschen wurden verletzt. Die Kirche wurde beschädigt.

„Unsere Kinder in Suqaylabiyah bezahlen ihren Glauben mit Blut. Was heute Morgen in Suqaylabiyah geschehen ist, ist ein billiger und verabscheuungswürdiger Terrorakt“, erklärte damals der in Damaskus ansässige griechisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien, Johannes X.

Kurz nach dem Sturz des Assad-Regimes feierten die Islamisten die Machtergreifung auf ihre Weise. Am 11. Dezember 2024 – nur drei Tage nach der Eroberung von Damaskus – griffen sie die „kleine“ Hagia Sophia wieder an. „Sie zerbrachen Kreuze, das Bild der Jungfrau Maria, und alles andere wurde gestohlen, die Ikonen, alles“, erzählt eine Frau, die anonym bleiben will.

Die Bewohner der Stadt beschlossen daraufhin, die Kirchentüren mit Steinen zu versiegeln.

Zur Anpassung – oder Auswanderung gezwungen

„Es war nicht mehr sicher, dorthin zu gehen. Die Kirche liegt am Ortseingang“, sagt die ungenannte Christin.

„Vom Moment des Sturzes des Regimes an war die Lage angespannt. Wenn man etwas zu erledigen hatte oder einen Termin wahrnehmen musste, kehrte man früh nach Hause zurück. Alle hatten Angst.“

Ein zweiter Angriff auf Suqaylabiyah erfolgte am 23. Dezember 2024, als eine Gruppe bewaffneter, maskierter Männer kam und den Weihnachtsbaum der Stadt anzündete – direkt vor dem Gebäude der Staatssicherheit.

Die dauernden Übergriffe seit dem Aufstieg des Dschihadisten al-Scharaa zum „Übergangspräsidenten“ haben die Christen eingeschüchtert. Inzwischen beschränken die Bewohner ihre Fahrten aus Suqaylabiyyah heraus auf ein Minimum und reisen nur noch bei Tageslicht. Junge Frauen tragen mittlerweile den islamischen Hijab (Schleier), wenn sie zu ihren Vorlesungen an der nächstgelegenen Universität in der Stadt Hama fahren.

Alle Christen wollen Syrien verlassen

Junge Männer wurden verhaftet, weil sie im Syrien-Krieg eine Nationale Verteidigungstruppe gegen die Islamisten aufbauten – unter dem Vorwand, für das Assad-Regime gearbeitet zu haben. Die Sicherheitskräfte, die früher aus Christen, Alawiten und Drusen bestanden, rekrutieren sich nur noch aus Sunniten.

Der Syrien-Experte Fabrice Balanche sieht die Zukunft der christlichen Minderheit daher kritisch. „Die Verbliebenen sind vor allem ältere Menschen mit Geschäften und Grundbesitz, aber selbst sie warten nur darauf, dass sich die Wirtschaft verbessert, damit sie ihr Hab und Gut verkaufen und zu ihren Kindern und Enkeln im Ausland ziehen können.“