Im Syrien-Krieg verteidigte Suleiman Khalil als Bürgermeister seine christliche Stadt gegen Islamisten. Das neue Regime von Al-Scharaa hat ihn ohne Anklage inhaftiert. In einem Interview klagt seine Tochter die neuen Machthaber an: Der Sturz von Assad habe wenig verändert.
In einem auf Arabisch geführten Interview mit dem syrischen Autor Sami Alkayial sprach die 21-jährige Natalie Khalil erstmals vor einem syrischen Publikum über die Inhaftierung ihres Vaters Suleiman durch Syriens neue Machthaber und darüber, was dies über die prekäre Lage der Minderheiten im Land offenbart.
Suleiman Khalil, 51, war von 2012 bis 2016 Bürgermeister von Sadad, einer historischen syrisch-christlichen Stadt im ländlichen Raum von Homs, die zweimal in der Bibel erwähnt wird (Numeri 34,8 und Ezechiel 47,15). Er wurde am 8. Februar in seinem Haus in Sadad verhaftet.
Verteidigung Sadads gegen Jabhat al-Nusra und den IS
Der lange Krieg, der 2011 begann, stellte die brutale Diktatur von Baschar al-Assad einer Rebellenkoalition gegenüber, die von dschihadistischen Gruppen dominiert wurde – Gruppen, die Christen und andere religiöse Minderheiten in Syrien angriffen.
Im Dezember 2024 wurde Assad schließlich von einer dschihadistischen Front unter Führung von Ahmed al-Scharaa gestürzt, dem Gründer von Jabhat al-Nusra, dem syrischen Ableger von al-Qaida. Al-Scharaa, während des Krieges bekannt als Abu Muhammad al-Jolani, erklärte sich im Januar 2025 zum Präsidenten Syriens.
Im Oktober 2013 griff Jabhat al-Nusra, deren Führung heute die aktuelle Regierungsautorität Syriens bildet, Sadad an, als Suleiman Bürgermeister war. Die Dschihadisten töteten einundvierzig christliche Zivilisten, bevor sie zum Rückzug gezwungen wurden.
2015 wurde Sadad erneut angegriffen – diesmal vom IS.
Laut Natalie Khalil floh die syrische Armee während der Kämpfe und überließ es ihrem Vater, die Verteidigung der Stadt zu organisieren.
„Er hat nie eine Waffe getragen“, betonte sie. „Seine Rolle war organisatorisch und politisch.“
Während des Angriffs von 2015 verteidigten Suleimans Männer Sadad erfolgreich. Der IS wurde daran gehindert, in die Stadt einzudringen – was vermutlich ein Massaker an der christlichen Bevölkerung verhinderte. Für seine Rolle bei der Rettung der Stadt wurde Suleiman zu einem lokalen Helden.
Obwohl Khalil unter dem Assad-Regime als Bürgermeister amtierte, war er kein Regimetreuer. Er gehörte einer Partei an, die historisch gegen Assads Baath-Partei stand, und wurde 2012 zu einer Zeit gewählt, als die Kontrolle des Regimes geschwächt war. Als Bürgermeister stellte er die syrische Armee öffentlich wegen der Belästigung lokaler Frauen zur Rede und gewann eine aus Vergeltung gegen ihn eingereichte Klage. 2016 wurde er vom Assad-Regime abgesetzt.
Als das Assad-Regime schließlich zusammenbrach, versammelte Suleiman Khalil seine Familie zu einer Feier. „Er sagte uns, wir hätten etwas erlebt, wovon Menschen ihr Leben lang geträumt und wofür sie gestorben seien“, berichtete seine Tochter.
Verhaftung ohne Anklage
Dennoch wurde Khalil drei Monate nach der Machtübernahme der neuen Behörden festgenommen. Sicherheitskräfte verhafteten ihn in seinem Haus – mit einem Haftbefehl, jedoch ohne Angabe einer konkreten Anklage. Drei Monate lang nach seiner Festnahme, als seine Familie versuchte, ihn im Gefängnis zu besuchen, teilten Beamte ihnen mit, sein Name stehe nicht in ihren Unterlagen. Er war faktisch verschwunden.
„Die gleichen Praktiken wie beim alten Regime“, stellte Natalie Khalil fest.
Nach drei Monaten gelang es der Familie, ihn im Zentralgefängnis von Homs ausfindig zu machen. Dort wird er weiterhin festgehalten – ohne Rechtsbeistand oder formelle Verfahren. Seine Tochter glaubt, dass die Verhaftung auf böswilligen Denunziationen im Zusammenhang mit seinem christlichen Glauben beruht und möglicherweise auch Vergeltung dafür ist, dass er Sadad gegen jene Kräfte verteidigt hat, die nun an der Macht sind.
Haftbedingungen und religiöser Zwang
Das Gefängnis, so berichtete Natalie, wird von religiösen Scheichs und Scharia-Beamten verwaltet, die allen Inhaftierten das islamische Recht auferlegen. Als sie und ihre Mutter über inoffizielle Kanäle zu Besuch kamen, wurden sie gezwungen, einen Hijab zu tragen, eine Kopfbedeckung konservativer muslimischer Frauen. Natalies zurückhaltende Kleidung wurde als unangemessen angesehen. Bei einem späteren Besuch erhielt ihre Mutter am Eingang eine Abaya (eine Ganzkörperbedeckung für Frauen).
Während dieser kurzen Besuche erfuhr Natalie, dass ihr Vater gezwungen worden war, während des Ramadan zu fasten, und dass man ihm den Koran zum Lesen gegeben hatte. Er wurde unter unhygienischen Bedingungen festgehalten und erhielt unzureichende Nahrung sowie abgelaufene Medikamente.
„Ein respektabler Mann“
Das Interview stieß in der syrischen Gemeinschaft auf große Resonanz; zahlreiche Kommentierende bekundeten ihre Solidarität.
Einer merkte an, Khalil sei „vielleicht der einzige Bürgermeister gewesen, der gleich an seinem ersten Amtstag die Flagge der Baath-Partei abgenommen hat“. Ein anderer schrieb: „Jeder freie und ehrenhafte Syrer unterstützt die Freilassung von Herrn Suleiman Khalil, denn er ist ein respektabler Mann.“
Besonders deutlich äußerte sich ein Zuschauer, der die Verhaftung als „eine persönliche Vendetta mit Jolani selbst, die viele Jahre zurückreicht“, deutete und sie als Vergeltung für Khalils Widerstand gegen den Angriff al-Nusras im Jahr 2013 verstand.
Die Abwanderung einer Gemeinschaft
Im Interview sprach Natalie Khalil auch über breitere Entwicklungen, die die Auswanderung von Minderheiten aus Syrien beschleunigen. Die derzeitige Politik, so argumentierte sie, vertreibe Christen und andere nicht-sunnitische Gemeinschaften, während christliche Kirchenführer bei den neuen Machthabern „keinen wirklichen Einfluss“ hätten.
„Die christliche Stimme könnte jetzt einen Unterschied machen“, sagte sie. „Aber sie wollen nicht sprechen, weil die Menschen Angst haben.“
Im November 2025 brachte CSI Natalie nach Washington, D.C., um die Kampagne für die Freilassung ihres Vaters voranzubringen. Die Delegation traf sich mit dem Kongressabgeordneten Pete Aguilar, der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) und weiteren wichtigen Amtsträgern.
Eine Botschaft an die Syrer
Zum Abschluss des Interviews wandte sich Khalil direkt an die syrischen Zuschauer:
„Wenn ihr die Freilassung meines Vaters oder eines anderen Gefangenen fordert, verteidigt ihr die Sache von Syrern, die eure Brüder sind, eure Familie, euer eigenes Volk. Wir gehören alle zusammen. Jenseits von religiösen Unterschieden müssen wir einander lieben und unterstützen, um diese Phase zu überstehen. Seid gewiss: Diese Regierung wird nicht für immer bleiben. Ihr aber werdet bleiben.“
CSI setzt sich bereits seit Monaten für die Freilassung von Suleiman Khalil ein und hat politische Entscheidungsträger kontaktiert und über das Schicksal des christlichen Ex-Bürgermeisters informiert. Im vergangenen Jahr hat CSI-Deutschland eine Petition gestartet, die sich an den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Armin Laschet, wendet.


