Von den eigenen Eltern verstoßen

19. August 2014

Josseling wurde als Vierjährige von ihrer Mutter verlassen. Auch ihr Vater, ihre Großmutter und schließlich ihre Tante wandten sich von ihr ab. Als 11-Jährige begann das verzweifelte und verbitterte Mädchen im von CSI unterstützten Schutzhaus einen Neuanfang.



Nicaragua ist nach Haiti das zweitärmste Land des amerikanischen Kontinents. Korruption, Gewalt, Prostitution und Verwahrlosung sind allgegenwärtig. Eines unserer Tätigkeitsgebiete ist die Hafenstadt Bluefields an der Ostküste von Nicaragua, einer Hochburg des Drogenhandels. Hier unterstützen wir verwahrloste Mädchen, die in einem Schutzhaus der Karmeliterschwestern, unseren Partnern in Nicaragua, eine Heimat finden. Weshalb die Mädchen ins Schutzhaus kommen, hat verschiedene Gründe, aber eines haben sie gemeinsam: Sie werden von den Eltern vernachlässigt. «Die Mädchen kommen oft in einem desolaten Zustand zu uns», sagt Schwester Maria José, die Leiterin der Karmeliterschwestern in Bluefields. «Anfangs sind sie sehr verschlossen und haben Angst.»

«Niemand wollte mich haben»

Eines der Mädchen, die im Schutzhaus leben, ist die 14-jährige Josseling. Sie lebte mit ihren Eltern und drei Geschwistern im ländlichen San Francisco Aurora. Als Josseling vier Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Ihre Mutter ging mit drei Kindern fort; um Josseling sollte sich der Vater kümmern. Doch auch er verließ seine kleine Tochter. So blieb sie alleine bei ihrer Großmutter zurück. Das Mädchen litt schwer unter diesem Verlassenwerden und war sehr verschlossen, aggressiv, rebellisch und zutiefst unglücklich. Josseling verbrachte die meiste Zeit alleine auf der Straße. Zur Schule ging sie kaum.

Als Josseling elf Jahre alt war, fiel sie von einem Baum und brach sich beide Arme. Deshalb wurde sie nach Bluefields ins Spital gebracht, wo sie einige Wochen bleiben musste. «Es war eine sehr traurige Erfahrung für mich», erinnert sich Josseling. «Während meines ganzen Aufenthalts im Spital besuchte mich niemand. Ich fühlte mich unendlich einsam und verlassen.» Als sie das Spital verlassen sollte, war niemand da, um sie abzuholen. «Es war ein schrecklicher Moment.» Schließlich erbarmte sich eine ihrer Tanten und nahm sie bei sich auf.

Kurze Zeit später wurde Josseling krank. Sie musste erbrechen und litt unter Schwindel. Die Tante war verunsichert und vermutete eine Schwangerschaft. Obwohl Abklärungen ergaben, dass Josseling nicht schwanger war, wollte die Tante sie nicht mehr bei sich wohnen lassen – ein weiterer Schock für das arme Mädchen. Jetzt mussten sich die Behörden um die von allen verlassene Josseling kümmern. Sie baten die Karmeliterschwestern, Josseling eine Nacht aufzunehmen, bis sie einen anderen Ort für sie gefunden hätten.

Wieder Vertrauen gefasst

Aus einem Tag wurden drei Jahre. Bis heute kam niemand, um für Josseling zu sorgen. Einmal mehr wurde sie verlassen, vergessen, verstoßen. Sie hadert jedoch nicht mehr mit ihrem Schicksal. Im Schutzhaus hat Josseling ein Zuhause gefunden. Anfänglich fiel es ihr sehr schwer, sich im Konvent einzuleben. Sie rebellierte weiter, weigerte sich zu lernen und misstraute jedem. «Ich war es nicht mehr gewohnt, in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein», erzählt Josseling. «Über Jahre war die Straße mein Leben gewesen, wo ich ganz auf mich allein gestellt war.»

Die Karmeliterschwestern gaben Josseling nicht auf. Mit viel Liebe, Geduld und Verständnis gewannen sie Schritt für Schritt Josselings Vertrauen. «Dank den Karmeliterschwestern merkte ich, dass es nicht nur verantwortungslose und schlechte Menschen gibt, sondern auch solche, die sich sogar für das Wohlbefinden und das Glück anderer einsetzen.» Die Karmeliterschwestern halfen ihr, sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen.

Ihre Bitterkeit und Trauer habe sich dank der Schwestern in Freude umgewandelt und sie habe gelernt, die Dinge positiv anzuschauen, sagt Josseling. «Heute kann ich wirklich sagen, dass ich eine fröhliche, freundliche und vertrauensvolle Person geworden bin.» Der unermüdliche Einsatz der Schwestern hat sich gelohnt: «Ich will mein Bestes geben», sagt Josseling. Sie möchte jetzt den verpassten Schulstoff nachholen und die Schule mit guten Noten abschließen.

Autorin: Projektleiterin Inés Wertgen

 


 

CSI-Projekt in Bluefields

Die Karmeliterschwestern nahmen in Bluefields seit vielen Jahren einzelne verwahrloste Mädchen auf. Mit der Zeit wurde es immer mehr, doch das Gebäude war viel zu klein. Dank großzügigen CSI-SpenderInnen konnten die Karmeliterschwestern die Räumlichkeiten renovieren und ausbauen, so dass momentan 20 Mädchen gut Platz finden. CS unterstützt diese Mädchen in Bluefields seit Anfang 2013.

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