Wegen falschem Verdacht den Tod vor Augen

08. September 2017

Das Leben des erst 17-jährigen Chan ist von unbeschreiblichen Qualen und Leid geprägt. Als Baby wurde er mit seiner Mutter in den Sudan entführt. Chan überlebte unmenschliche Folter und ist jetzt frei



Es muss im Jahr 2002 gewesen sein. Chan war noch ein Baby. Deshalb kann er sich nicht mehr an die Entführung von ihm und seiner Mutter aus dem Süden des Sudans erinnern. Gleich nach der Ankunft im Norden wurden beide an den arabischen Sklavenhalter Mohammed Ali übergeben. Dieser wohnte im Dorf Muglad, hatte drei Frauen und zehn Kinder.

Mutter wahrscheinlich getötet

Chan kann sich noch erinnern, dass seine Mutter plötzlich verschwand, als er etwa zehnjährig war. Was genau mit ihr geschehen ist, weiß er bis heute nicht. Er vermutet, dass sie umgebracht wurde. Zeit zum Trauern hatte er damals keine. Er musste sich um die Viehherde des Sklavenhalters kümmern.

Die Zeit als Sklave bei Mohammed war hart für Chan. Doch wirklich schlimm wurde es mit einem Ereignis mit Jahr 2014. Er erzählt: «In diesem Jahr wurde ich zusammen mit anderen versklavten Dinkas und den Rindern in die Region des Flusses Kiir an der Grenze zum Südsudan geschickt, um dort Weideland und Wasser für das Vieh zu finden.» Einige Tage nach ihrer Ankunft gingen ein paar Kühe verloren. Verzweifelt versuchten die Sklaven, die Rinder im unwegsamen Gelände beim Kiir wiederzufinden, doch vergeblich.

Beispiellose Brutalität

Die Araber, die Aufsicht über die Sklaven hatten, waren außer sich vor Zorn. Sie beschuldigten die Sklaven eines Komplotts mit Dinkas aus dem Südsudan. «Sie meinten, wir hätten die Kühe extra für unsere Stammesgenossen aufgegeben», erklärt Chan. An jenem Abend verübten die Araber ein beispielloses Massaker. Sie trieben alle Dinka-Sklaven zusammen und schossen hemmungslos auf die wehrlosen Frauen und Männer. Alle erwachsenen Dinkas wurden getötet. Nur eine Gruppe Jugendlicher, zu denen auch Chan gehörte, ließen sie am Leben. Zusammen mit den Rindern wurden sie zurück nach Muglad gebracht und eine Zeit lang zusammen in einem Lager gefangen gehalten.

Wie sich zeigte wollten die Sklavenhalter ein besonders grausames Exempel statuieren. Mit Grauen berichtet Chan, wie sie sich eines Tages alle in einer Reihe aufstellen mussten und vier von ihnen mit Namen aufgerufen wurden. Jeder von ihnen wurde an diesem Tag auf grausamste Weise an den Genitalien verstümmelt, während die anderen zusehen mussten. Auch Chan wurde auf diese erniedrigende Weise gefoltert. «Nach einigen Tagen wurden die anderen von ihren qualvollen Schmerzen erlöst und starben», berichtet Chan weiter. «Ich selbst überlebte die Tortur als Einziger. Doch konnte ich mich vor Schmerzen monatelang kaum bewegen.»

In dieser qualvollen Zeit blieb Chan im Lager. Weder sein Sklavenhalter noch die anderen Araber schenkten ihm besondere Beachtung. Dies konnte Chan schließlich in einer Nacht im März 2017 zur Flucht nutzen. Er hatte kurz zuvor erfahren, dass ein Rückführer von CSI in der Gegend sei, der Sklaven zurück in den Südsudan bringe. Zusammen mit anderen befreiten Sklaven wurde Chan zurück in den Südsudan gebracht, an den er sich kaum erinnern kann.

Chan ist dankbar und erleichtert, dass er nun als freier Mensch in seiner ursprünglichen Heimat leben kann und in der CSI-Klinik auch medizinisch betreut wird. Die CSI-Startausrüstung (siehe Kasten) wird ihm eine große Hilfe sein ist. «Ich hoffe, dass ich eine Schule besuchen und mir hier eine Existenz aufbauen kann», sagt er zum Abschied.

Reto Baliarda

 


 

Starthilfe für befreite Sklaven

Seit 1995 befreit CSI Sklaven, die vom heutigen Südsudan in den Sudan verschleppt und verkauft wurden. CSI konnte bis heute über 100 000 Sklaven befreien.

Das CSI-Projekt zur Sklavenbefreiung im Überblick:

  • Sklavenbefreiung: Über ein Netzwerk arabischer Rückführer werden versklavte Südsudanesen im Norden lokalisiert und befreit. Die befreiten Sklaven werden an geheime Sammelpunkte gebracht und von dort zurück über die Grenze in den Südsudan begleitet.
  • Starthilfe: Jeder befreite Sklave erhält einen Sack mit wichtigen Utensilien, wie u. a. Wasserkanister, Planen und Moskitonetze. Dazu werden je eine Milchziege und Hirse verteilt.
  • Medizinische Hilfe: Die Rückkehrer erhalten erste medizinische Versorgung in der Buschklinik von CSI-Pflegefachmann Daniel Deng. Schwerwiegende Fälle werden nach Kenia in die Hauptstadt Nairobi gebracht, wo sie gezielt behandelt werden können.

Das CSI-Projektgebiet in der Region Nördlicher Bahr el-Ghazal ist nicht von den Kämpfen in einigen Landesteilen des Südsudans betroffen. Auch deshalb haben viele Kriegsflüchtlinge in dieser Gegend Schutz gesucht.

Im Südsudan leben rund zwölf Millionen Einwohner. Die Fläche des jüngsten Staats beträgt 644 329 Quadratkilometern. 

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Projekt Südsudan