Sudanesische Christen stehen vor enormen Herausforderungen inmitten des Bürgerkriegs, berichtet Gastautor Kamal Fahmi, der ursprünglich aus dem Sudan stammt. Er gründete 2010 die Organisation „Set My People Free“, um gegen die Gesetze zur Blasphemie und Apostasie vorzugehen.

Gastbeitrag von Kamal Fahmi
Ich habe die Entwicklung des Sudan in den letzten Jahrzehnten miterlebt – geprägt von einem verzweifelten Kampf um Freiheit. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen rivalisierenden Militärfraktionen im April 2023 leiden Christen nicht nur unter dem allgemeinen Elend, sondern auch unter gezielter Diskriminierung.
Kirchen in den Kriegsgebieten sind zerstört, zum Christentum konvertierte Muslime riskieren Folter oder den Tod. Viele Christen leben heute als Flüchtlinge – innerhalb des Landes oder in Nachbarstaaten. Und dennoch bleibt ihr Glaube unerschütterlich. Selbst in der Diaspora gründen sie neue Kirchen, Schulen und Missionsinitiativen.
Der Militärputsch 2021 und der andauernde Krieg haben unser Land weiter destabilisiert. Jeden Tag frage ich mich: Wohin geht der Sudan? Die Zukunft wirkt düster – und doch zeigt die Widerstandskraft des sudanesischen Volkes, insbesondere der Christen, einen Hoffnungsschimmer.
Islamistische Herrschaft 1989–2019
Von 1989 bis 2019 regierte eine Allianz aus Militär und Muslimbruderschaft den Sudan. Die Revolution im Dezember 2018 stürzte das Regime schließlich im Sommer 2019. Während der islamistischen Herrschaft galten Christen als Bürger zweiter Klasse. Die Einführung eines islamischen Staates führte zum Bürgerkrieg mit dem mehrheitlich christlichen Süden, später auch zu Kämpfen in den Nuba-Bergen und in Darfur.
Nach dem Friedensabkommen 2005 weigerte sich die Regierung in Khartum, den Islam als Staatsreligion aufzugeben – 2011 folgte die Abspaltung Südsudans. Danach verschärfte sich die Repression gegen Christen im Norden: Verhaftungen, Ausweisungen von Mitarbeitern christlicher Organisationen, Beschlagnahmung kirchlichen Eigentums und ein Einfuhrstopp christlicher Literatur. 2012 kündigte Präsident Omar al-Baschir an, die Verfassung Nord-Sudans „100 % islamisch“ zu machen.
Zeit der Zivilregierung 2019–2021
Die friedliche Protestbewegung, die 2019 in Atbara unter dem Slogan „Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit“ begann, trotzte der Gewalt des Regimes und führte zu einer zivilen Übergangsregierung. Doch die Kontrolle über das Militär (Sudanese Armed Forces, SAF) und die Rebellen (Rapid Support Forces, RSF) blieb bei Islamisten.
Diese neue Regierung achtete Menschenrechte und Religionsfreiheit, schaffte die Scharia und die Blasphemiegesetze ab sowie die Todesstrafe für Apostasie. Christen und Frauen wurden rechtlich gleichgestellt. Es gab Reformen in Justiz, Bildung, Wirtschaft und Verwaltung. Einige internationale Sanktionen wurden aufgehoben.
Im Oktober 2021 jedoch putschten Armee und RSF erneut. Die Hoffnung auf Wahlen zerbrach. Neue Proteste wurden brutal niedergeschlagen: Hunderte Tote, Tausende Inhaftierte. Zwei Jahre lang blieb das Land führungslos und versank in wirtschaftlichem und sozialem Chaos.
Ein neuer Krieg um Macht und Ressourcen
Im April 2023 eskalierten Spannungen zwischen Armee und den Rebellen zum offenen Krieg. Regionale Mächte mischten sich ein, um Zugang zu Sudans Ressourcen zu sichern. Die humanitäre Bilanz ist katastrophal: 14 Millionen Menschen sind vertrieben – 4 Millionen ins Ausland, 10 Millionen innerhalb des Landes. 20 Millionen Menschen sind akut von Hunger bedroht.
Christen im Krieg
Christen leiden wie alle Sudanesen unter Gewalt, Vertreibung, Hunger, fehlender Gesundheitsversorgung und Schulbildung. Zusätzlich trifft sie Diskriminierung als religiöse Minderheit. Besonders Konvertiten werden in ihren Gemeinschaften wegen „Apostasie“ verfolgt.

Die meisten Kirchen in den Kriegsgebieten wurden geplündert oder zerstört. In von der Armee kontrollierten, ruhigen Gebieten können einige Kirchen weiterarbeiten und auch Nichtchristen erreichen. Manche Christen wurden bei der Flucht fälschlich als RSF-Angehörige verhaftet. Konvertiten flohen nach Gewalt in der Dorfgemeinschaft in Nachbarländer.
Kirchen in sicheren Regionen sind überfüllt mit Geflüchteten. Viele leben auf der Straße oder in überfüllten Unterkünften. In manchen Orten wurden Christen von muslimischen Anwohnern bedrängt, erneut zu fliehen.
Doch der Glaube lebt weiter. Christen gründen neue Gemeinden, Schulen, Bibelschulen und starten Missionswerke – etwa „Das Licht Christi“, gegründet von Geflüchteten aus Darfur. Die Nachfrage nach Bibelunterricht ist hoch – sowohl bei Laien als auch bei Geistlichen. Auch unter bisher unerreichten Volksgruppen wächst die Kirche.
Eine düstere Zukunft – Zersplitterung in mehreren Staaten?
Die islamistisch geprägte Armee gewinnt im Bürgerkrieg wieder an Boden – schlechte Aussichten für die Religionsfreiheit. Eine weitere Zersplitterung des Landes in drei bis vier Staaten ist möglich. Zwei konkurrierende Regierungen formieren sich:
Die eine unter SAF-General Burhan und zivilen Oppositionellen kontrolliert Nord-, Zentral- und Ostsudan.
Die andere besteht aus einem Bündnis von RSF, SPLA (Nuba) und Milizen in Darfur. Sie kontrolliert weite Teile Darfurs, Südkordofans, Teile Nordkordofans und einen Teil Khartums. Sie hat eine säkulare Übergangsverfassung vorgeschlagen.
Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt beide Seiten ab – wegen der von ihnen begangenen Gräueltaten. Nur eine Rückkehr zur Zivilregierung kann Hoffnung bringen. Doch der Wiederaufbau erfordert massive Investitionen in Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, Wirtschaft und Sicherheit. Die Verbreitung von Waffen und das Fehlen von Recht und Ordnung führen zu dauerhafter Unsicherheit.
Christen – im Sudan wie im Exil – leiden körperlich, seelisch und geistlich. Und doch wächst die Kirche unter allen Volksgruppen weiter.
Die einzige Hoffnung ist göttliches Eingreifen. Der Sudan braucht Jesus – für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit.
Über den Autor:
Kamal Fahmi, gebürtiger Sudanese, gründete 2010 die Initiative „Set My People Free“, um sich gegen Blasphemie- und Apostasiegesetze einzusetzen. Er arbeitete über 40 Jahre in der Entwicklungsarbeit und mit christlichen Organisationen im Sudan und im Nahen Osten. 2008 traf er in Jemen eine christliche Familie in dritter Generation, die ihren Glauben nicht öffentlich leben konnte – das inspirierte ihn zur Gründung seiner Organisation. Obwohl inzwischen im Ruhestand, setzt er sich weiterhin aktiv für Religionsfreiheit ein und pflegt enge Kontakte innerhalb und außerhalb des Sudan.


