Zunehmende islamistische Übergriffe verunsichern das ganze Land

07. Oktober 2016

Religiös motivierte Verbrechen haben in Bangladesch in erschreckendem Masse zugenommen. Als Folge davon verlassen viele Christen, sogar Kirchenleute, das Land. Doch Pfarrer Shamim Dewan will auf jeden Fall bleiben.



Wie Dewan* mitteilte, hat es in den letzten sechs Monaten 15 tödliche Übergriffe auf religiöse Minderheiten wie Christen, Hindus und Buddhisten gegeben. Der engagierte Pastor besuchte alle Familien der Opfer. Er unterstützte sie mit einem kleinen Geldbetrag, mit dem sie jedoch kaum über die Runden kommen werden. Zwar übernimmt die Landesregierung die Spitalkosten. Doch nach ihrer Entlassung werden viele Opfer mit grossen finanziellen Problemen konfrontiert sein, weil sie nicht mehr in den Arbeitsprozess integriert werden können.

Dewan selbst wurde am Ostersonntag Opfer eines Angriffs, bei dem glücklicherweise niemand verletzt wurde. «Ich hatte einen Freiluft-Gottesdienst auf einem offenen Feld in Mirpur organisiert und durchgeführt. Auf einmal tauchten islamistische Aktivisten auf und forderten mich auf, den Gottesdienst abzubrechen. Ich weigerte mich.» Da begannen sie zu randalieren, beschädigten die Musikanlage und machten sich wieder aus dem Staub.

Menschenkette gegen die islamistische Gewalt

Die eingeschaltete Polizei schlug dem Pfarrer vor, Anzeige zu erstatten. Doch sowohl seine Familie als auch die anwesenden Pastoren rieten ihm davon ab.

Damit wollte sich Dewan aber nicht zufrieden geben. Er vereinbarte ein Treffen mit den lokalen Behörden, damit die Übeltäter zur Rechenschaft gezogen werden und die Sicherheit in den Dorfgemeinschaften erhöht wird.

Sein öffentlicher Einsatz zum Schutz der Minderheiten blieb nicht ohne Echo: «Im März 2016 bildeten wir eine Menschenkette vor dem Nationalen Presseclub in der Hauptstadt Dhaka. Damit protestierten wir gegen die religiös motivierte Kriminalität. Nebst christlichen und hinduistischen Organisationen beteiligten sich auch einige fortschrittliche Leiter von muslimischen Gemeinschaften.»

Massive Drohungen

Doch Dewan bekam bald einmal negative Konsequenzen seines öffentlichen Engagements zu spüren. Er erhielt Drohanrufe auf seinem Handy. Über Facebook drohten ihm Islamisten: «Wir beobachten jede Bewegung von dir. Wenn du deinen Aktivismus nicht sein lässt, werden wir dich innerhalb von 15 Tagen zerhacken, wie wir es mit den anderen in den letzten sechs Monaten getan haben.» Die Einschüchterungen dauerten an. Er solle Bangladesch verlassen, wurde er auf Facebook aufgefordert. Auch von Drohbriefen mit dem «Islamischen Staat» als Absender blieb der Pastor nicht verschont.

Dewan muss der Regierung zu Gute halten, dass sie drastische Massnahmen ergriffen hat, um den Islamisten das Handwerk zu legen. Viele Terroristen konnten getötet werden. Dennoch flohen rund 100 Islamisten aus Bangladesch nach Malaysia, von wo aus sie nach Syrien reisten, um als Dschihadisten ausgebildet zu werden. «Viele von ihnen kehrten nach Bangladesch zurück und tauchten hier unter. Während einige verhaftet oder umgebracht wurden, laufen andere frei herum», meint Dewan mit Sorge.

Menschenrechtler verlassen das Land

Wegen dem blutigen Terror haben viele Menschenrechtsaktivisten und Pastoren Bangladesch verlassen. Ein Hindu-Aktivist floh nach Indien, nachdem ihm die indische Regierung ein beschleunigtes Asylverfahren angeboten hatte.

Ebenso sind 20 christliche Aktivisten aus Bangladesch geflohen, darunter die katholische Schwester Rosalyn Costa, der protestantische Pfarrer Adhikary oder auch Ratan Sarka, Sekretär der ältesten Baptistenkirche in Dhaka. Alle sind sie in die USA ausgewandert. «Ich stehe in Kontakt mit jedem Einzelnen. Niemand hegt die Absicht, nach Bangladesch zurückzukommen», bedauert Shamim Dewan und versichert: «Meine Frau und ich werden in Bang­ladesch bleiben. Meine Arbeit hier ist meine Berufung bis zum letzten Atemzug. Sollten alle Christen das Land verlassen, würde der Islamische Staat triumphieren.» Dewan ist überzeugt, dass in den nächsten zehn Jahren viele Menschen in Bangladesch den christlichen Glauben annehmen werden.

Trotz seiner Standhaftigkeit nimmt auch Dewan die Drohungen von Islamisten ernst. So gehen seine Kinder an einem geheimen Ort zur Schule. Zudem hat er sein Festnetz-Telefon ausgeschaltet, damit die Extremisten nicht herausfinden, ob er zuhause ist oder nicht. Entsprechend verschickt er auch keine mobile Nachrichten mehr bezüglich seiner Abwesenheiten.

Reto Baliarda

*Namen geändert


Auch die Wirtschaft leidet unter dem Extremismus

Die Auswirkungen des islamistischen Extremismus in Bangladesch schlägt sich auch auf die Wirtschaft nieder. Der Tourismus, so Shamim Dewan, ist beinahe zusammengebrochen. Viele italienische Kleidereinkäufer haben das Land verlassen, wodurch die einheimische Textilindustrie in eine tiefe Krise geschlittert ist. Schlimme wirtschaftliche Folgen hatte auch das Attentat in Dhaka vom 1. Juli 2016: Unter den rund 20 Todesopfern waren auch fünf japanische Experten der Metrorail zu beklagen. Die Metrorail hätte in der Hauptstadt Dhaka im September 2016 eröffnet werden sollen. Nun wurde die Eröffnung verschoben.

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