Bedrohung durch die Fulani- Extremisten wird oft verschwiegen

02. Juni 2016

Die Übergriffe von extremistischen Fulani-Gruppen nehmen in Nigeria seit Jahren zu. Anders als Boko Haram treiben die Islamisten unter den Fulani ihr fürchterliches Unwesen nicht nur im Norden. Sie bedrohen auch den mittleren Süden – und werden strafrechtlich kaum verfolgt.



Es ist eines der schlimmsten Massaker in Nigeria, so die UNHCR. Vom 21. bis 24. Februar 2016 wüteten Fulani-­Kämpfer mordend in mehreren Dörfern von Agatu im südlichen Bundesstaat Benue. Mehr als 500 Menschen, vorwiegend christliche Bauern, werden auf bestialische Weise getötet. Sieben Dörfer werden dem Erdboden gleichgemacht. 7000 Überlebende wer­den zu heimatlosen Vertriebenen.

Die radikalisierten Fulani-Hirten bezeichnen die Tötung als Racheakt. Angeblich hätten die Dorfbewohner 10’000 ihrer Kühe umgebracht. Eine lokale Untersuchungskommission hat jedoch keine einzige tote Kuh entdeckt.

Fast 1000 Todesopfer

Das Massaker von Agatu ist der traurige Höhepunkt von zahlreichen Übergriffen, die die Fulani-Extremisten in jüngster Zeit begangen haben. Gemäss dem Nachrichtendienst «Worldwatchmonitor» wurden alleine im Bundesstaat Benue von 2013 bis Frühjahr 2016 gut 40 blutige Überfälle auf christliche Dörfer verübt. Dabei kamen mindestens 950 Menschen ums Leben.

Auch andere Bundesstaaten wer­- den vom Terror der radikalisierten Fulani heimgesucht. Wie CSI in der Ausgabe vom April 2016 berichtete, wurden bei zwei Attacken im zentralnördlichen Bundesstaat Kaduna mehr als 200 Menschen – mehrheitlich Christen – getötet. Betroffen von der Gewalt der Extremisten sind ebenso die Bundesstaaten Plateau und Adamawa.

Brutaler als Boko Haram?

Im Gegensatz zur islamistischen Terrorgruppe Boko Haram wird das Morden der Fulani-Kämpfer nur am Rande wahrgenommen – wenn überhaupt. In den grossen Medien kommen Berichte über deren Übergriffe in Nigeria höchst selten vor. Dabei erachtet der «Global Terrorism Index (GTI)» die radikalen Fulani-Milizen als die viertgrösste Terrorgruppe weltweit nach Boko Haram, dem Islamischen Staat und Al-Quaida.

Oder sind die extremistischen Gruppen der Fulani gar schlimmer als Boko Haram, zu denen sie laut GTI Verbindungen haben sollen? Samuel Ortom, Gouverneur von Benue, bezeichnet die Gewalttaten dieser Milizen jedenfalls als verheerender: «Wenn Boko Haram ein Dorf einnimmt, dann bringen sie einige Bewohner um und rekrutieren andere für ihre Terrormiliz. Während die Boko Haram-Kämpfer bei einem Überfall häufig die Frauen und Kinder von den Männern trennen und in der Regel Letztere umbringen, verschonen die radikalen Fulani-Hirten niemanden. Sie schlachten und verbrennen sogar Babys und schlitzen die Bäuche von schwangeren Frauen auf.»

Kaum Strafverfolgung

Ungeachtet ihrer tödlichen Brutalität können sich die Fulani-Extremisten – anders als Boko Haram – mit ihrem Vieh frei bewegen. Zudem mussten sie sich bisher kaum vor strafrechtlicher Verfolgung fürchten. Im Gegenteil: Ende März 2016 zum Beispiel wehrten sich 76 eingeborene Dorfbewohner aus dem Bundesstaat Enugu dagegen, dass Fulani-Hirten mit ihrem Vieh ihr Land besetzten. Darauf wurden sie verhaftet und nur gegen Kaution wieder freigelassen.
Die islamistisch unterwanderten Fulani führen einen Religionskrieg. Bei ihren mörderischen Angriffen schreien sie ebenso «Allahu Akbar» (Gott ist grösser). Ihre Opfer sind vorwiegend Christen und andere Nicht-Muslime. Überdies machen sie auch vor der Zerstörung von Kirchen nicht halt, wie Moses Mbachie, der Sekretär der Diözese von Makurdi, anmerkt.

Es wäre sehr wichtig, so CSI-Projektkoordinator Franco Majok, dass die westlichen Medien aktiv über die Übergriffe der Fulani berichten. Durch das mediale Schweigen und Wegschauen würden sich auch die verantwortlichen Politiker nicht veranlasst fühlen, gegen die Brutalität der Fulani-Extremisten aktiv zu werden.

Präsident muss handeln

Dabei ist die Bundesregierung gefordert: Als Muhammadu Buhari am 31. März 2015 zum Präsidenten Nigerias gewählt wurde, kündigte er seinen Kampf gegen die Terrorgruppe Boko Haram an, die er als «gottlose Menschen» bezeichnet. Doch bei den Gräueltaten der Fulani hüllt sich Buhari bis jetzt in Schweigen. Nicht nur Menschenrechtsaktivisten nehmen den Präsidenten, der selbst dem Fulani-Stamm angehört, in die Pflicht und fordern von ihm entschiedenes Handeln. Ansonsten, so befürchten lokale Medien, könne ein Bürgerkrieg in Nigeria nicht ausgeschlossen werden.

Reto Baliarda


CSI hilft Gewaltopfern

CSI setzt sich aktiv für die Opfer der Fulani-Gewalt ein. Besonders wichtig ist dabei die Lebensmittelhilfe. So erhielten vor kurzem Rückkehrer, die einst in ihrem Dorf in Kaduna überfallen worden waren, Nahrungsmittelpakete. Zudem bekommen viele Überlebende medizinische Unterstützung. Ferner hilft CSI auch den Kindern, die vertrieben wurden und in Flüchtlingscamps leben. «Wir ermöglichen ihnen den Schulbesuch», so Franco Majok.


Nomadisches Hirtenvolk

Die Fulani sind ursprünglich ein nomadisches Hirtenvolk, das in grossen Teilen Westafrikas verbreitet ist. Die Mehrheit von ihnen wurde im Zuge der Islamisierung sesshaft.
In den letzten Jahren wurden einzelne Teile der Fulani immer mehr von Dschihadisten unterwandert. Dies führt dazu, dass Streitigkeiten der Fulani um Weideland zusehends als Deckmantel für einen islamistisch-extremistischen Religionskrieg missbraucht werden. Dabei sind bei weitem nicht alle Fulani extremistische Islamisten.

Weiterer Bericht:
Die Angst vor weiteren Überfällen bleibt

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