Boko Haram wollte 75-jährige Frau exekutieren

Ihr Sohn Yakobu wurde fälschlicherweise beschuldigt, eine christliche Miliz gegen die Muslime angestachelt zu haben. Deshalb wollte die islamistische Terrorgruppe Boko Haram die 75-jährige Aishafu Joshua umbringen. Doch ältere Muslime schritten ein.

Im christlichen Flüchtlingslager von Jos treffen die CSI-Mitarbeiter Franco Majok und Reto Baliarda Aishafu und Yakobu Joshua. Aishafu zeigt ihnen die Narbe am linken Oberarm. Diese stammt aus einer Schusswaffe, mit der Boko-Haram-Extremisten sie töten wollten. Die 75-Jährige ist dankbar, dass sie noch am Leben ist. Ihr 40-jähriger Sohn Yakobu erzählt, wie sie schlussendlich dem Terror von Boko Haram entkamen.

Muslime gegen Christen

Im November 2014 wurde ihre Heimatstadt Ngoshe im Bundesstaat Borno von Boko Haram überfallen. Die Terroristen brachten zahlreiche Menschen um, vor allem Christen, und zündeten Häuser an. Doch auch ansässige Muslime aus dem religiös geteilten Städtchen mischten sich unter die Islamisten und brannten u.a. Kirchen nieder. «Dadurch spaltete sich die Dorfgemeinschaft noch mehr», erzählt Yakobu.

Diesen Verrat wollten nicht alle Christen in Ngoshe hinnehmen. Sie rächten sich an den Muslimen, was einige von ihnen das Leben kostete. Um die zusätzlich gespannte Lage im Dorf zu klären, baten die Christen die nigerianische Armee um Unterstützung. Doch anstatt als neutrale Partner in Erscheinung zu treten, stellte sich diese auf die Seite der Muslime, die die Christen als Aggressor beschuldigten. «Ich wurde mit anderen Christen vom Militär zusammengeschlagen und in ein Gefängnis in der nahegelegenen Stadt Gwoza eingesperrt», klagt Yakobu. Immerhin wurde er kurze Zeit später wieder freigelassen.

Anschuldigungen führten zum Todesurteil

Doch als er nach Ngoshe zurückkehrte, war die Stimmung noch aufgeheizter, weil sich mittlerweile Boko-Haram-Kämpfer unter muslimischen Bewohnern gemischt hatten. Am darauffolgenden Tag griffen die Extremisten Ngoshe erneut an, wobei sie ausschließlich auf die christlichen Männer losgingen. Diese flohen auf die nahegelegenen Hügel, während die Frauen in Ruhe gelassen wurden und so im Dorf blieben. Auch Aishafu entschied sich, zu bleiben.

Doch dieser Entschluss sollte für sie schlimme Folgen haben. Die Islamisten warfen Aishafu vor, dass ihre Söhne christliche Milizen mobilisiert hätten, um Christen aus Ngoshe bei der Vergeltung gegen Muslime zu unterstützen. «Diese Anschuldigung war absolut falsch», stellt Yakobu klar. Dennoch sollte seine Mutter als Strafe hingerichtet werden. Dass Aishafu für viele geflohene Menschen kochte, war für die Extremisten ein weiterer Grund, sie zu beseitigen.

Einige Boko-Haram-Sympathisanten kannten kein Erbarmen mit der 75-jährigen Frau. Sie packten sie und setzten sie auf ein Motorrad, um sie zu einer Exekutionsstätte der Terrormiliz zu schleppen. Doch unterwegs wurden sie von einer Gruppe älterer muslimischer Männer angehalten. Diese wollten es nicht zulassen, dass Boko Haram eine alte Frau umbringt. So kehrten die Extremisten wieder um. Dabei hatten sie nun keineswegs Gutes im Sinne. Vielmehr überkam sie der Zorn wegen dem misslungenen Exekutionsplan. So beschlossen sie, Aishafu langsam sterben zu lassen. Einer schoss ihr in den Arm. Dann warfen sie die verletzte Frau vom Motorrad und ließen sie alleine am Straßenrand liegen, in der Annahme, dass sie verbluten würde.

Von einer Dorf­gemein­schaft gerettet

Die angeschossene Aishafu nahm alle Kräfte zusammen und schleppte sich zum nächsten Dorf, wo man ihr die Wunde verband. «Das hat meiner Mutter das Leben gerettet», meint Yakobu dankbar, der sich um jene Zeit mit anderen Männern und Kindern in den Hügeln versteckt hielt. Aishafu wusste, wo sich ihr Sohn befand. Nach dem glücklichen Wiedersehen auf den Hügeln oberhalb Ngoshe flohen sie mit anderen Christen über Umwege nach Makulu im benachbarten Kamerun. Dort konnte die Kugel aus Aishafus Arm entfernt werden.

Buhari oder euer Leben

Yakobu und Aishafu flohen weiter und erreichten nach drei Tagen das Flüchtlingslager in Yola, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaats Adamawa. Doch in diesem Camp, das von Muslimen geführt wurde, kamen sie nicht zur Ruhe. «Immer wieder wurden wir Christen bedroht, dass man uns alle umbringen würde, falls Muhammadu Buhari die Präsidentschaftswahl von Nigeria nicht gewinnen würde (er wurde im Mai 2015 gewählt).»

Nach einem Monat zogen sie im März 2015 weiter, bis sie das Flüchtlingslager in Jos erreichten. Hier fühlen sie sich sicher und erhalten genug zu essen. Ist für Aishafu und Yakobu eine Rückkehr nach Ngoshe möglich? Dazu der 40-Jährige: «Eine Rückkehr kommt nur in Frage, wenn es bei uns einen dauerhaften Frieden gibt, auch innerhalb der gespaltenen Dorfgemeinschaft.»

 

Reto Baliarda