Ihr ganzer Mund ist verätzt

16. Oktober 2015

Eine verbale Auseinandersetzung mit Muslimen hat für Precious (50) fatale Folgen. Wie aus dem Nichts attackiert sie jemand und schüttet ihr Säure ins Gesicht. Ihr Mund wird total verätzt. Die von CSI unterstützten Operationen in Indien sollen Precious ein neues Leben schenken.



Es war ein Anblick, der ihm fast das Herz zerriss. «Ich sass ihr gegenüber. Sie sagte nicht viel. Ihr verätzter Mund war komplett verdeckt. Ihr betrübter Blick drückte unmissverständlich aus, wie sehr sie litt und wie schlimm ihre Einsamkeit war, die sie nun wegen ihres verunstalteten Gesichts ertragen musste», beschreibt CSI-Projektkoordinator Franco Majok die schmerzliche Begegnung mit Precious.

Ohne Vorwarnung überschüttet

Die heute 50-jährige Christin war eine tüchtige Kleinunternehmerin, deren Vorfahren aus der südlichen Stadt Enugu in den Norden Nigerias gezogen waren. Precious liebte den Kontakt zu anderen Menschen und führte gerne Gespräche über Gott und die Welt. Meinungsverschiedenheiten mit Andersgläubigen ging sie nicht einfach aus dem Weg, sondern hörte sich deren Standpunkt an.

Doch als eine Diskussion mit Muslimen aus ihrem Dorf etwas angeregter verlief, überschüttete sie jemand ohne Vorwarnung mit Säure. Diese frass sich direkt in ihr Gesicht, verunstaltete den Mund komplett und löste unvorstellbare Schmerzen aus.

Für Majok steht ausser Zweifel, dass die Säureattacke mit dem christlichen Glauben von Precious zusammenhängt. Und wer auch immer dieses abscheuliche Verbrechen begangen hatte: Verhaftet wurde niemand, und das werde wohl auch so bleiben.

Operation in Indien

Einsam und verzweifelt wandte sich Precious an den Pastor in ihrer Kirche. Dieser brachte sie nach Enugu und machte sie dort mit dem Catholic Institute for Development Justice and Peace (CIDJAP) bekannt. Die CSI-Partnerorganisation beschloss, die schwerverletzte Frau in Indien operieren zu lassen. Als Precious dies hörte, konnte sie ihre Freudentränen nicht verbergen: «Ich danke Gott für eure unendlich grosse Hilfe in meinem Leben. Gott segne euch im Namen Jesu.»

Den Entscheid, die verwundete 50-jährige Christin im mehreren 1000 Kilometer entfernten Indien operieren zu lassen, erklärt Franco Majok so: «In Afrika herrscht die weit verbreitete Ansicht, dass Indien das beste Land für plastische Chirurgie sei.»

Seit Mitte Mai wird Precious nun in einem Spital in Indiens Hauptstadt Neu Delhi behandelt. In zwei Operationen soll ihr ganzer Oberkiefer durch ein Implantat ersetzt werden. Precious ist voller Hoffnung und will nach ihrer Rückkehr in Nigeria ein neues Leben in Enugu beginnen.

Reto Baliarda


CSI-Projekte vor Ort

In der südlichen Stadt Enugu, der Heimat von Precious, ermöglicht CSI Flüchtlingskindern aus dem Norden den Schulbesuch, unterstützt ein Waisenhaus und fördert mit Mikrokrediten das Kleinunternehmertum. Damit können sich Vertriebene aus dem Konfliktgebiet eine neue Existenz auf­bauen.

In Madalla, westlich von Nigerias Hauptstadt Abuja, unterstützt CSI die langfristige medizinische Betreuung für Überlebende, die an Weihnachten 2011 bei einem Bombenanschlag auf eine Kirche verletzt wurden. Im Weiteren erhalten Flüchtlinge in den nordöstlichen Städten Maiduguri und Yola Lebensmittel und medizinische Versorgung.


Anschlag auf Wochenmarkt

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram versetzt den Norden Nigerias seit Jahren in Angst und Schrecken. Am 11. August 2015 wurde ein Bombenanschlag auf den Wochenmarkt der nordöstlichen Stadt Sabon Gari verübt, der wohl die Handschrift der Dschihadisten trägt. Dabei sprengte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss über 40 Menschen mit in den Tod.

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