Die Befreiung des Sklavenjungen Diing Lual Kiir

23. Mai 2018

Bei einem Besuch im CSI-Einsatzgebiet im Südsudan im Sommer 2017 traf ein CSI-Team auch auf Diing Lual Kiir – einen von CSI befreiten Sklaven.



Der Anblick des Zwölfjährigen erweckt sofort Mitleid. Diing kann sein linkes Knie nicht bewegen und deshalb das Bein kaum auf dem Boden abstellen. Doch der Junge ist aufgeschlossen und stellt sich gerne für ein Gespräch zur Verfügung. Mit einem großen Stock, den er als Krücke verwendet, kommt Diing humpelnd auf die CSI-Mitarbeiter aus Europa zu und wartet neugierig auf die Fragen. Trotz seiner starken Gehbehinderung, die ihn möglicherweise ein Leben lang belasten wird, wirkt er sehr lebendig und intelligent und erzählt bereitwillig von der schweren Zeit in der Sklaverei, die nun Gott sei Dank hinter ihm liegt.

Diing kam im Sudan als Sohn einer südsudanesischen Sklavin zur Welt. Nach wenigen Jahren wurde ihm die Mutter in rücksichtloser Weise entrissen. „Ein anderer Sklavenhalter nahm sie zu sich. Ich musste bleiben. Dabei liebte ich meine Mama sehr und vermisse sie noch heute“, beschreibt Diing die traumatische Erfahrung der Trennung von seiner Mutter.

 

Schwerster Missbrauch nach dem Verlust einer Ziege

Viel Zeit zu trauern blieb dem kleinen Jungen damals nicht. Täglich musste er die Ziegen des Sklavenhalters Muhamed Abdallah hüten und vor allem darauf bedacht sein, dass kein Tier verloren ging. Trotz aller Mühe kam es manchmal vor, dass ihm eine Ziege wegrannte und plötzlich verschwand. Gnadenlose Prügel waren jeweils die Strafe. Auch sonst wurde der verwaiste Junge von der Familie seines Herrn schlecht behandelt. Immer wieder musste er erdulden, dass sie ihn mit dem verächtlichen Schimpfwort „Jengai“ („Abfall essender Neger“) verhöhnten. Zu essen bekam er die Speisereste vom Tisch der Familie seines Herrn. „Blieben keine Reste übrig, gab es für mich einfach nichts zu essen“, erzählt Diing achselzuckend.

 

Verhängnisvolle Schüsse

Eines Tages, als Diing wieder einmal Ziegen hütete, machte ein anderer erschöpfter Sklave neben ihm eine kurze Pause. Er hatte anstrengende Feldarbeit auszuführen und an diesem Tag war es außerordentlich heiß. Ein bischen Ruhe im Schatten wollte er sich gönnen. Doch das gefiel Sklavenhalter Muhamed, der das Ganze aus der Nähe beobachtet hatte, gar nicht. Er schritt wütend auf den Sklaven zu und erschoss ihn ohne Vorwarnung. Eine der tödlichen Kugeln traf auch Diings linkes Knie. Die schmerzhafte Verletzung führte dazu, dass sich Diing heute nur noch mit einem Stock fortbewegen und das linke Bein kaum absetzen kann.

Muhamed kümmerte die Verletzung Diings nicht. Er erwartete, dass der schwerverletzte Junge weiterhin arbeiten würde, als sei nichts geschehen. So musste Diing einmal eine lange Furche graben, um ein Gehege für die Kühe zu errichten und viele andere schwere Arbeiten ausführen, die ihn völlig überforderten. In der Folgezeit ließ Muhamed Diing täglich spüren, dass er in ihm lediglich einen nutzlosen Krüppel sah.

 

Auf dem Rücken eines Esels in die Freiheit

Doch die Erniedrigung und das Leid sollten für Diing in gewisser Weise zum Segen werden. Sechs Monate nach der Schreckenstat zögerte sein muslimischer Herr nicht, Diing dem Sklavenbefreier Adam Musa zu übereignen, der im Auftrag von CSI vorbeikam und um den jungen Sklaven bat. Zusammen mit anderen befreiten Sklaven wurde Diing dann in den Südsudan, die Heimat seiner verschwundenen Mutter, zurückgeführt. Da er wegen seiner schweren Verwundung nicht mit den anderen Schritt halten konnte, kaufte der Sklavenbefreier kurzerhand einen Esel für Diing. „Ich war so glücklich und dankbar, dass mein Befreier diesen Esel besorgte, auf dem ich reiten konnte“, berichtet Diing strahlend. Noch viel größer war seine Überraschung und Freude, als er erfuhr, dass er den Esel als Geschenk behalten durfte.

 

Mit der Behinderung leben

Der unglaublich tapfere Diing ist CSI dankbar, nun in der Heimat seiner Mutter zu leben. Es ist die Heimat seiner Familie, die er nie kennengelernt hat. Frei von Gewalt und Unterdrückung fand Diing bei Stammesgenossen im CSI-Einsatzgebiet Bahr al-Ghazal Unterkunft und hofft auf Heilung seines verletzten Knies. „Ich hoffe, dass mir geholfen werden kann. Am liebsten würde ich wieder wie andere Kinder laufen können, aber ich bin schon froh, den Esel zu haben“, sagt Diing. Der CSI-Projektleiter im Südsudan, Franco Majok, ist jedoch skeptisch: „Bei einem zertrümmerten Knie können wir wohl nicht allzu viel ausrichten. Aber wir werden alles daran setzen, ihm in der von Dr. Luca Deng gegründeten CSI-Buschklinik die bestmögliche medizinische Betreuung zu ermöglichen.“ Ob für Diings Knie eine Spezialbehandlung in Nairobi in Frage kommt, wird derzeit geprüft.


Südsudan

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