Todesängste am IS-Checkpoint ausgestanden

15. August 2016

Um als Christin zu überleben, floh Miriam Khader* im Sommer 2014 aus ihrer Heimat Mossul. Doch um Iraks zweitgrößte Stadt verlassen zu können, musste sie am IS-Checkpoint Erniedrigungen über sich ergehen lassen und Todesängste ausstehen.



Es war der Samstag, 19. Juli 2014. Dieser Tag markiert einen traurigen Höhepunkt in der Geschichte der Christenverfolgung im Irak. Die noch rund 25?000 Christen in Mossul wurden vom Islamischen Staat aufgefordert, die Stadt innert 24 Stunden zu verlassen, wenn sie nicht zum Islam übertreten oder eine Schutzsteuer bezahlen wollten.

Miriam Khader* ist eine dieser betroffenen Christen. Die umtriebige Frau war noch am Freitag, 18. Juli, von einer Geschäftsreise nach Mossul zurückgekehrt. Keine 24 Stunden später hörte sie den unmissverständlichen IS-Aufruf aus den Muezzin-Lautsprechern der Moscheen. Miriam, die in diesem Schreckensmoment mit ihrer Mutter und Schwester zusammen war, wusste, dass sie die Drohung ernst nehmen mussten. «Wir lies­sen praktisch alles zurück. Wir nahmen nur unsere Identitätskarten, die mobilen Telefone sowie unsere Handtaschen mit etwas Geld und Schmuck mit», erinnert sich Miriam an den Beginn ihrer Flucht zurück.

Ein «Checkpoint für Christen»

Mit einem Taxi erreichten sie den IS-Checkpoint ausserhalb von Mossul, bei dem die Autos Schlange standen. «Doch als die IS-Terroristen uns erblickten, kamen sie direkt auf uns zu», bemerkt Miriam. Sie fragten den Fahrer, wer die drei Frauen seien. Als dieser erklärte, dass es sich um Christinnen handelte, wies der IS-Kämpfer ihn an, einen anderen Checkpoint aufzusuchen, der speziell für Christen sei. Miriam dämmerte es sofort, was dies bedeutete: «Es war mir klar, dass sie uns dort alles abnehmen würden. Vergeblich flehte ich den IS-Mann an, uns durchzulassen. Ich bot ihm auch an, dass er meine Handtasche durchsuchen könne. Doch er blieb stur.»

Angsteinflössende IS-Helferin

Der berüchtigte Checkpoint befand sich neben einer Moschee. Es waren über 20 Männer, zum Teil maskiert, die das Taxi stoppten. Nachdem sie die Handtaschen durchsucht hatten und Miriam ihnen ein altes Handy gegeben hatte, forderten die IS-Leute die Frauen auf, in die Moschee zu gehen. Dort würden sie von einer Frau kontrolliert werden. Miriam Khader lief es in diesem Augenblick kalt den Rücken herunter. «Ich hatte mein Geld und das Gold unter meinen Kleidern versteckt, während meine Mutter die Handys unter ihren BH gesteckt hatte. Was würde diese Frau wohl mit uns machen?»

Die IS-Frau, die eine Ganzkörperverschleierung trug, fuhr sie sogleich an: «Ihr seid Christen, also Ungläubige? Ihr Nazarener habt uns zerstört. Jetzt werdet ihr sehen, was wir mit euch anstellen!» Miriam Khader, deren Mutter und Schwester litten Todesängste. Denn die IS-Helferin, die aufgrund ihres Dialektes wohl aus Mossul selbst kam, trug eine Pistole. Sie tastete zuerst Miriams Mutter ab und fragte sie, wo das Geld und das Gold sei. Als die Mutter antwortete, dass sie nichts habe, schrie sie die IS-Kollaborateurin an: «Sei still, oder ich werde dich und deine Töchter erschiessen!»

Die aggressive Frau fand zwei der drei Handys. Nun war die Tochter an der Reihe. Die Frau tastete sie auch unter den Kleidern ab. Doch sie fand nichts. «Vielleicht hielt Gott sie fern», ging es der zitternden Miriam durch den Kopf.

Die IS-Schergen liessen die Frauen wieder ins Taxi einsteigen. Doch bevor dieses losfahren konnte, drohten die IS-Leute dem Fahrer: Falls sie etwas finden würden, das er vor ihnen verborgen hatte, würden sie ihn und die Frauen töten. Nachdem die IS-Leute dem Fahrer das Handy abgenommen hatten – unter der falschen Annahme, dass es den Frauen gehören würde – konnten die vier den furchterregenden Ort endlich verlassen.

Erleichtert und zugleich besorgt

Als Miriam Khader in der kurdischen Stadt Erbil ankam, befand sie sich in einem Schockzustand. Sie war wie im Delirium, in einer anderen Welt. Die tapfere Irakerin hatte in den Jahren zuvor schon einige schlimme Ereignisse durchgemacht. Doch diese Vertreibung aus Mossul übertraf alles. «Meine Mutter, Schwester und ich hatten mit dem Tod gerechnet. Doch Gott hat uns gerettet.»

Miriam ist dankbar, dass sie nun alle mindestens in Sicherheit sind. Doch die einst erfolgreiche Geschäftsfrau plagen materielle Sorgen. Sie hat praktisch alles verloren. Am liebsten würde sie nach Mossul zurückkehren und ihr Haus verkaufen, um das sich ihre muslimischen Nachbarn kümmern. Doch eine Reise dorthin ist derzeit nicht zu verantworten.

Ausserdem hat sie ihr Vertrauen in die islamische Gemeinschaft von Mossul verloren, obschon sie gleich anfügt, dass viele Muslime in ihren Augen gute Menschen seien. Zudem stammten wohl die meisten IS-Kämpfer, denen sie begegnete, aufgrund ihres Dialektes aus dem Ausland.

Reto Baliarda

*Name geändert


 Gefährliches Mossul schon vor der IS-Eroberung

Schon in den Jahren vor der IS-Eroberung war Miriam Khader häufig mit der prekären Sicherheitslage in Mossul konfrontiert worden. So wurde zum Beispiel im Jahr 2004 direkt vor ihrem Haus eine Frau getötet. Sie ist eines von vielen Opfern, die in Miriams ehemaliger Wohngegend getötet wurden. Vier Jahre später explodierte vor ihrem Haus eine Autobombe. 2010 musste Miriam beim Gottesdienstbesuch mit eigenen Augen zusehen, wie der Bischof und vier Diakone von Islamisten entführt wurden. Wenig später fand man ihre Leichen. In jenem Jahr wurde Miriam bereits aufgefordert, eine Art Schutzsteuer zu bezahlen.

Wegen der Gefahren, die in Mossul schon lange vor dem IS drohten, trug Miriam Khader immer einen Hijab, wenn sie von ihren Geschäftsreisen in ihre Heimat zurückkehrte.

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