Von verschiedenen Seiten schikaniert und verfolgt

09. März 2017

Er ist Tierarzt, sie Zahnärztin: Das einst gut situierte Ehepaar Awad hat Verfolgung und Schikane erdulden müssen, sei es durch die Terrormiliz IS, schiitische Milizen oder Kurden. Wie die meisten betroffenen Christen im Irak sehen sie die Flucht ins Ausland als einzige Option.



CSI-Nahost-Projektleiter Dr. John Eibner traf Dr. Sami Awad* bei seinem letzten Irak-Besuch in der kurdischen Stadt Erbil. Die persönlichen Erfahrungen des Tierarztes widerspiegeln die Not der ganzen christlichen Gemeinschaft im Zweistromland.

Todesdrohung in Bagdad

Das große Leiden der Familie Awad begann 2006. Damals lebte sie noch in Iraks Hauptstadt Bagdad. Immer wieder erhielt sie anonyme Briefe, in denen sie mit dem Tod bedroht wurde, sofern sie nicht zum Islam konvertieren würde. «Wir mussten die Drohungen ernst nehmen. Deshalb verließen wir unser Haus in Bagdad und zogen nach Bartella, in das Dorf unserer Vorfahren in der Ninive-Provinz», schildert Dr. Awad den Beginn der Verfolgung. In Bartella besaßen sie zwei Häuser sowie eine große Geflügel- und Rinderfarm.

Flucht vor dem IS

Die geflohene Familie integrierte sich schnell im mehrheitlich christlichen Städtchen und verbrachte so mehrere Jahre in relativer Ruhe und Frieden. Doch acht Jahre später, im August 2014, änderte sich die Lage schlagartig: In ihrem grausamen Eroberungsfeldzug nahm die Terrormiliz Islamischer Staat die gesamte Ninive-Provinz ein. Die Familie Awad war gezwungen, ihr Hab und Gut zurückzulassen und nach Kurdistan zu fliehen.

Ernüchterung nach der «Befreiung»

Der Hoffnungsschimmer auf Besserung war nur von kurzer Dauer, als Mitte Oktober 2016 die schiitisch dominierte irakische Armee Bartella wiedererobert hatte und den IS vertrieb. «Als wir nach Bartella fuhren, fand ich unser Haus niedergebrannt vor», erklärt Dr. Awad. Auch andere Häuser von Christen waren zerstört. Erschreckend sei, dass einige dieser Häuser wahrscheinlich nach dem Abzug des IS von der Armee niedergebrannt wurden.

Niedergeschlagen kehrte er nach Kurdistan zurück. Doch hier zu bleiben ist ebenfalls keine Option für Dr. Awads Familie. Er und seine Frau waren beide seit ihrer Ankunft in Erbil 2014 als Binnenflüchtlinge arbeitslos. Die kurdischen Behörden weigern sich, ihnen die Bewilligungen für die Ausübung ihrer Berufe auszustellen. «Auch nach Bagdad können wir nicht zurückkehren, weil unser verlassenes Haus inzwischen von einem politisch gut vernetzten Schiiten besetzt worden ist, gegen den das Gericht keinen Räumungsbefehl aussprechen will», meint der Tierarzt resigniert.

Dr. Awad und seine Familie haben den Irak aufgegeben und versuchen jetzt, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

Keine Rückkehr ohne Schutzmacht

Den Wunsch von vertriebenen Christen, den Irak zu verlassen, kennt John Eibner nur allzu gut. «Praktisch alle intern vertriebenen irakischen Christen, die ich vor Ort antreffe, sehen genauso wie Dr. Awad keine Zukunft mehr in ihrem Heimatland. Auf die Frage, was nötig wäre, damit sie in ihre Dörfer zurückkehren und dort bleiben, kommt meist eine ähnliche Antwort: eine internationale Schutzmacht, die Sicherheit und eine autonome lokale Selbstverwaltung garantiert, in Kombination mit internationalen Bemühungen um einen Wiederaufbau», bemerkt er.

Obwohl die «Befreiung» der christlichen Dörfer aus den Händen des Islamischen Staates begrüßt wird, sehen die Christen, dass die politische Kontrolle über ihr Siedlungsgebiet nach wie vor unter den sunnitischen, schiitischen und kurdischen Mächten des Iraks verhandelt wird. Darüber hinaus erkennen sie keine Bereitschaft von Seiten der von Washington angeführten Anti-IS-Koalition, ihre persönliche Sicherheit oder lokale Autonomie zu garantieren. Ebenso fehlt ein Plan für den Wiederaufbau nach dem Krieg.

Für viele Christen hat sich die Situation nach der US-Invasion von 2003 dramatisch verschlechtert. Nur wenige von ihnen hängen der Illusion an, dass die «Befreier» von 2016 ihre Interessen stärker berücksichtigen werden, als dies damals geschehen ist.

 

Alexandra Campana | Reto Baliarda

 

 

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