Mutter und Sohn mussten über zwei Jahre lang im IS-Kalifat ausharren

10. Juli 2017

Beim IS-Angriff auf Bartella konnten Ismail Ibrahim Matti (16) und seine Mutter Jandark Benham Mansour (56) nicht rechtzeitig fliehen. Sie wurden nach Mossul gebracht, wo sie als Muslime leben mussten. Immer wieder wurden sie wegen Kleinigkeiten von IS-Schergen verprügelt.



Anfang August 2014 wurde Bartella von der Terrororganisa­tion Islamischer Staat überrannt. Ismail und Jandark erkannten zu spät, dass die meisten Bewohner ihre Heimatstadt bereits verlassen hatten und sie sich als Zurückgebliebene in großer Gefahr befanden.

Konversion oder Tod

Zu Fuß versuchten sie, aus Bartella zu flüchten und ins Kurdengebiet nach Erbil zu gelangen. Doch IS-Milizen ließen sie am Checkpoint nicht durch. «Sie fuhren uns nach Mossul und luden uns vor einem unbewohnten Haus ab», erzählt Ismail den Beginn ihrer langen Leidensgeschichte den CSI-Vertretern John Eibner und Hélène Rey.

Nach drei Tagen kamen IS-Kämpfer vorbei und brachten die beiden verängstigten Gefangenen nach Bartella in ein Gefängnis. «Dort fragte uns ein Terrorist, ob wir uns nicht zum Islam bekehren wollten. Da ich mich weigerte, schlug er mich heftig. Dann zwangen sie mich, mitanzusehen, wie sie in der Zelle nebenan einen Schiiten erschossen, weil er nicht zum sunnitischen Islam konvertieren wollte. Sie drohten mir, mich ebenso umzubringen. So blieb meiner Mutter und mir nichts anderes übrig, als das muslimische Glaubensbekenntnis zu wiederholen», so Ismail weiter.

In den darauf folgenden Wochen wurden Ismail und Jandark in die islamische Lehre eingeführt und dann nach Shiraykhan, einem nordwestlichen Stadtteil von Mossul, gebracht. Ihre fehlende Motivation, Koranverse auswendig zu lernen, entging den IS-Terroristen, die die zwei fast täglich aufsuchten, natürlich nicht. «Bei jedem Fehler schlugen sie mich. Meine Mutter verprügelten sie noch heftiger, stachen ihr mit einer langen Nadel in die Brust und in den Rücken. Es lief ihr zuwider, sich mit dem Koran zu befassen.»

Vom IS überwacht

Ismail und seine Mutter gingen in Shiraykhan durch eine qualvolle Zeit. Sie hatten im Haus weder Strom noch Wasser und durften keinen Besuch empfangen. Ismails Handy wurde von den IS-Schergen zerstört. Zwar konnte sich Ismail in Mossul einigermaßen frei bewegen und hatte an der Universität sogar einen Job als Computerfachmann. Doch wurde er häufig von IS-Terroristen ausgepeitscht, wenn diese seine Kleidung als unpassend empfanden.

Die beiden standen Todesängste aus und waren erleichtert, dass sie nach sieben Monaten mit Hilfe eines Nachbarn nach Bazwaia am östlichen Stadtrand von Mossul flüchten konnten.

Doch rasch erfuhren die überall lauernden IS-Kämpfer, dass es sich bei den zwei neu Zugezogenen um «ehemalige Christen» handelte. Deshalb kamen sie fast jeden Tag vorbei. Und als sie einmal bei Ismail versteckte Kreuze fanden, droschen sie fürchterlich auf ihn ein und schrien ihn an, dass er sie wohl für dumm verkaufen wollte.

Wenigstens hatten die IS-Geiseln in Bazwaia Strom und konnten fernsehen. Hoffnung keimte auf, als die beiden nach über zwei Jahren IS-Geiselhaft in den Nachrichten erfuhren, dass die irakische Armee Bartella zurückerobert hatte. Die Hoffnung wuchs, als immer mehr IS-Kämpfer vor Ort im Gefecht mit der Armee die Waffen wegwarfen und davonrannten. Nicht wenige nutzten dieses Chaos, um zu fliehen. Doch für Ismail und Jandark war eine Flucht immer noch zu riskant.

Im Gefecht entkommen

Denn noch hatten die Islamisten in Bazwaia die Oberhand. Und als ein IS-Kämpfer die beiden als «ehemalige Christen» erkannte, packte er sie und brachte sie weiter in den Westen von Mossul. Zu ihrem Erstaunen erhielten Ismail und Jandark dort von einem IS-Kämpfer einen Hinweis, wie sie in ein Gebiet gelangen konnten, in dem die irakischen Soldaten Fuß gefasst hatten. Inmitten eines Gefechts zwischen der Armee und dem IS gelang es Ismail, sich beim Militär mit einem weißen Tuch bemerkbar zu machen. «IS-Terroristen sahen dies und schossen auf uns. Doch wir schafften es, zur Armee hinüberzulaufen, ohne dass sie uns trafen. Das irakische Militär brachte uns ins Khazer-Flüchtlingscamp am Rande von Kurdistan.»

Bei all den schlimmen Erfahrungen in Mossul bemerkt Ismail, dass die meisten muslimischen Bewohner der Stadt hilfsbereit waren. «Die Mehrheit von ihnen will mit dem IS nichts zu tun haben.» Für sie war es genauso schlimm wie für Ismail, dass sie sich die brutalen Exekutionen des IS ansehen mussten. «Einmal sahen wir, wie IS-Leute eine Frau wegen angeblichem Ehebruch umzingelten. «Die IS-Leute meinten höhnisch, dass man sie am Leben lassen würde, wenn sie sich aus der Umzingelung befreien könne, ansonsten würde man sie steinigen. Natürlich wurde sie gesteinigt.»

Ismail und Jandark sind überglücklich, dass sie sich aus der Herrschaft des IS losreißen konnten. Dazu Jandark: «Am schlimmsten war es für mich, wenn IS-Terroristen meinen Sohn vor meinen Augen folterten. Ich bin froh, dass ich nun wieder in die Kirche gehen kann.» Doch die Zukunft der beiden ist ungewiss. Auf keinen Fall möchte Ismail zurück nach Bartella. Lieber würde er in Erbil bleiben, obwohl er von der Schulbildung hier nicht viel erwartet. Und ob die beiden ohne gültige Pässe ihren Wunsch erfüllen und auswandern können, ist fraglich.

Reto Baliarda

 

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