Die neue Eskalation des alten Krieges

Ein Interview mit Erzbischof Pargev Martirosyan, Primas der Diözese in Bergkarabach

Harutyun Harutyunyan: Eure Eminenz, wir sprechen heute mit Ihnen am 30. September 2020, d.h. am vierten Tag des Krieges in Berg-Karabach. Ich bitte Sie, zuerst ein wenig über die Wiedereröffnung Ihrer Diözese und jetzigen Tätigkeiten zu berichten.

Erzbischof Pargev Martirosyan: Zuerst möchte ich erwähnen, dass 1921 die armenischen Provinzen Arzach [armenische Bezeichnung für Bergkarabach], Utik und Nachitschewan ungerechterweise von Josef Stalin an die Aserbaidschanische Sowjetrepublik verschenkt wurden. Danach haben sie innerhalb von neun Jahren alle unsere jahrtausendealten Klöster und Kirchen geschlossen. Dadurch sind die hiesigen Armenier unter einen doppelten Druck geraten: einerseits sowjetisch-atheistisch und andererseits aserbaidschanisch-nationalistisch. Trotzdem konnten wir hier 1989 die Diözese der Armenischen Apostolischen Kirche wiedereröffnen. Bis heute wurden in den letzten 31 Jahren insgesamt 90 Gotteshäuser – darunter historische Klöster, Gemeindekirchen und Kapellen – restauriert oder neugebaut. Nun haben wir auch das Kollegium unserer Priester hier und können mit ihnen zusammen das geistliche Leben langsam wiederaufbauen. Wir haben bei uns z.B. ein Zentrum für Glaubenserneuerung eröffnet und auch weitere gemeinnützige Einrichtungen gegründet. Es wurden bereits über 100 religiöse Bücher publiziert.

Gibt es eine Erklärung dafür, warum und wie es jetzt nochmals zu einer derartigen Eskalation des alten bzw. „eingefrorenen Konflikts“ von 1988-1994 gekommen ist?

Nun haben die Aserbaidschaner erneut und zum wiederholten Mal einen Krieg angefangen. Dieses Mal starteten sie allerdings in einer sehr brutalen Weise. Deshalb ist es zu einem überaus gewalttätigen Krieg geworden. So bombardieren sie zivile Objekte und dabei stirbt auch die friedliche Bevölkerung. Für uns ist es eindeutig, dass die Türkei bzw. Recep Tayyip Erdogan die aserbaidschanische Regierung anstachelt. Deshalb verteidigen wir uns hier in Bergkarabach gegen ein türkisch-aserbaidschanisches Tandem.

Wie sieht die aktuelle Lage in der Republik Armenien aus?

Leider hat gestern ein F-16 Kampfjet aus der türkischen bzw. NATO-Luftwaffe von sehr weiter Entfernung ein armenisches Militärflugzeug innerhalb der territorialen Grenzen der Republik Armenien zerstört. Sie sind sogar mit ihren unbemannten Flugkörpern nach Armenien in Richtung der Stadt Vardenis in der Region Gegharqunik eingedrungen und bombardierten dort die Umgebung der Eisenbahn. Dabei trafen sie den lokalen Bus mit Zivilisten sogar aus der Republik Armenien selbst. So sieht heute die Lage aus.

Wie gehen die Gläubigen mit der Situation um?

Ich habe alle Gläubige gebeten, dass sie dauerhaft im Gebet bleiben. Sie wollen daher im 24-Stundentakt gemeinsam und unaufhörlich Andachten für den Frieden halten. Alle Kirchen sind offen,und überall finden ohne Unterbrechung das Morgenlob, die Abendvesper und die Göttliche Liturgie statt.

Das bedeutet, dass das Kirchenleben wie gewöhnlich bei Ihnen weiterläuft?

Ja sicher. Das macht man hier bei uns seit 31 Jahren, so auch jetzt.

Wie beurteilt die Armenische Apostolische Kirche die jüngsten kriegerischen Ereignisse?

Unsere Kirche war immer gegen jeden Krieg. Wir waren immer dafür, die strittigen Punkte friedlich gemeinsam an einem runden Tisch zu lösen. Das haben alle unsere Katholikoi in Etschmiadzin gesagt. Das gleiche hat auch der Scheichülislam von Aserbaidschan während unserer mehrfachen Begegnungen wiederholt. Ich sage also immer, dass dies kein Heiliger Krieg ist, sondern dass es bei diesem Konflikt um elementare Menschenrechte geht. Deshalb waren sowohl unsere Seite als auch der Scheichülislam dafür, dass man diese Frage baldmöglichst und friedlich klärt.

Wie sieht aber nun die Realität auf der praktischen Ebene aus?

Nun weiß man natürlich, dass der Scheichülislam keine reale Macht besitzt. Was für ein reales Bild kann man daher heute noch haben? Ich glaube nicht, dass er – als Religionsführer seines Volkes – sich und seinen Gläubigen so etwas wünscht, dass junge Mitglieder aus seiner Glaubensgemeinschaft sterben. Das glaube ich wirklich nicht. Stattdessen bin ich mir sicher, dass der Scheichülislam für niemanden so etwas Schlimmes möchte und tief in seinem Herzen auch für Frieden ist. Allerdings wird in solchen Fragen alles von der politischen Elite unter der Führung Ilham Aliyevs entschieden.

In diesen Tagen schreiben viele armenische Intelektuelle über die altbekannte „pantürkische Idee“ aus dem Osmanischen Reich bzw. die Eroberungs- und Assimilierungsstrategien der Türkei in Richtung Osten und Mittelasien. Was können Sie dazu sagen?

Natürlich gehört das zu Erdogans Tagesordnung. Er will sicherlich diese Idee aus dem vorherigen Osmanischen Reich verwirklichen: Angefangen von Libyen, über Irak, Syrien und den Südkaukasus bis nach Mittelasien bzw. die uigurisch-chinesischen Grenzgebiete. Erdogan persönlich verbirgt das auch nicht mehr wirklich. Das ist nun seine Vision.

Dieser Gedanke wird heute in armenischen Kreisen als „Neo-Osmanische Invasion“ bzw. „Eroberungszug“ bezeichnet. Teilen aber auch die Einwohner in Aserbaidschan die gleiche Einstellung und würden sie sich daran praktisch beteiligen?

Ich denke, dass sie genau deshalb gemeinsame Militärübungen machen. Die Türkei stationiert anschließend ihre neuen Stützpunkte und Militärpersonal bei Baku und in Nachitschewan. Und das ist ein Teil des genannten Programms.

Was würden Sie nun zum Schluß gerne unseren Schwesterkirchen und ihren Gläubigen in Europa sagen?

Ich würde diese Gläubigen ebenfalls bitten, ihre Gebete für den Frieden an unseren Himmlischen Vater zu richten, damit der Krieg bald beendet wird. Und wenn sie es können, würde ich sie nochmals bitten, die eigenen Stimmen auf internationaler Ebene zu erheben, damit die Angriffe auf uns bald aufhören und wir alle möglichst schnell am runden Tisch sitzen und zusammen friedlich verhandeln.

Eure Eminenz, und was genau würden Sie für Ihre Diözese von den Leserinnen und Lesern Ihres Interviews wünschen. Was konnte zum Beispiel jemand aus Deutschland, der Schweiz oder Österreich in diesem Fall für Sie und Ihre Gläubigen machen?

Ich würde die Einwohner der genannten Länder ebenfalls bitten, dass sie für uns und für den Frieden in unserer Region beten. Aber wenn es möglich ist, dann auch aus moralischer und politischer Sicht – wie bereits gesagt – ihre Stimmen zu erheben, damit das Beenden des Krieges tatsächlich von allen Seiten verlangt und möglichst schnell verwirklicht wird. Dafür wäre ich ihnen sehr dankbar.

Vielen herzlichen Dank!

Interview mit deutscher Übersetzung von Dr. theol. Harutyun G. Harutyunyan – selbständiger Berater und Projektentwickler bei der Syunik-Development NGO und der Diözese der Armenischen Kirche in VayotsDzor; Privatdozent für die Religionswissenschaft an der American University of Armenia

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