Nach 17-jähriger Sklaverei endlich frei

Für Nyanut Beng Ajaal war die Gefangennahme durch arabische Milizen ein doppeltes Trauma: Denn seitdem hat sie auch ihre Mutter aus den Augen verloren. Dass ihr Sklavenhalter Mohammed Ali sie nach 17 Jahren ziehen ließ, kam für die Südsudanesin überraschend, hatte er sie doch mehrmals vor einer Flucht gewarnt.

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CSI-Stiftungsratsmitglied Markus Weber hat Nyanut Beng Ajaal nach ihrer Befreiung im Südsudan getroffen. Im Bundesstaat «Nördlicher Bahr el Ghazal» erzählte sie ihm ihre Leidensgeschichte als Sklavin.

«Der Angriff der von Khartum unterstützten Milizen auf unser Dorf Akeu (Bundesstaat Aweil Nord) geschah 1998. An diesem schwarzen Tag half ich meiner Mutter draussen auf dem Feld. Wir erschraken, als wir plötzlich Schüsse hörten und versuchten davonzurennen. In unserer Panik rannten wir in verschiedene Richtungen. Ich habe seitdem meine Mutter nicht mehr gesehen. Bis heute weiss ich nicht, was mit ihr passiert ist.

Entführer gingen äusserst brutal vor

Die arabischen Entführer banden meine Hände mit jenen anderer Gefangener zusammen. So mussten wir während Tagen in Richtung Norden marschieren. Während dieser Verschleppung wurde ich unfreiwillig Zeugin von absoluten Grausamkeiten: Es war bereits dunkel. Eine Frau war völlig erschöpft und bat um eine Pause, weil sie nicht mehr weitergehen konnte. Sie wurde auf der Stelle erschossen. An jenem schrecklichen Abend wurden wir Frauen von den Männern getrennt. Viele von uns wurden von den rücksichtslosen Milizen vergewaltigt oder auf andere Weise sexuell missbraucht.

Zweimal ungewollt Mutter geworden

Als wir im Norden in der Stadt Baleel ankamen, verkauften mich die Kidnapper an einen Mann namens Mohammed Ali. Während 17 Jahren musste ich als Sklavin in seinem Haus schuften. Ich musste unter häufiger Einschüchterung das Haus putzen, die Tiere füttern und auch Wasser schleppen. Für meine harte Arbeit erhielt ich nie einen Lohn. Auch verweigerte mir Mohammed stets eine ärztliche Betreuung, wenn ich krank war.

Während meiner langen Versklavung gebar ich zweimal ein Kind. Beide Geburten sind jedoch die Folgen traumatischer Ereignisse: Die erste Geburt musste ich über mich ergehen lassen, weil ich von Mohammed vergewaltigt wurde. Mein zweites Kind kam zur Welt, nachdem ich gezwungen worden war, mit einem anderen Sklaven zu schlafen.

Wenn es so etwas wie einen kleinen Lichtblick in den trüben Jahren meiner Versklavung gab, dann war es dies: Mohammed Ali erlaubte es mir, mit anderen Dinka-Sklaven zu sprechen. Dies war gar nicht selbstverständlich. So blieb mir immerhin meine Muttersprache erhalten.

«Meint er das ernst?»

Eines Tages – es war im Herbst 2015 – geschah etwas völlig Unerwartetes: Mein Meister kam auf mich zu und teilte mir ganz nüchtern mit, dass ich gehen könne, wenn ich wolle. Ich war nicht nur überrascht, sondern fast schon ein wenig schockiert. Denn Mohammed hatte mich in der Vergangenheit mehrmals vor jeglichen Fluchtversuchen gewarnt. Er hatte mir dabei stets gedroht, mich zu erschiessen oder meine Kehle durchzuschneiden. Ich war mir daher überhaupt nicht sicher, ob er es mit seinem überraschenden Angebot ernst meinte oder mir eine Falle stellen wollte.

Doch ich glaubte ihm. Und tatsächlich liess er mich ziehen. Ich konnte mich einer Gruppe von Südsudanesen anschliessen, die alle von Oman befreit worden waren. Zusammen kehrten wir zurück in unsere Heimat, den Südsudan.

Ich bin dankbar und vor allem überglücklich, dass ich wieder in meinem Heimatland bin. Ich möchte nun mein Leben selbst in die Hand nehmen und in meinem Heimatdorf mein eigenes Land bebauen.»

Reto Baliarda