„Trotz aller Verfolgungen und Bedrängnisse: Die Kirche im Imphal-Tal blüht und blickt zuversichtlich in die Zukunft.“

Monsignore Dr. Stefan Killermann ist Judizialvikar und Domdekan im Bistum Eichstätt. Im Interview mit Christian Solidarity International (CSI) gibt er einen Einblick in das Leben der Christen in Manipur, die seit Mai 2023 Verfolgung erleben.

CSI: Lieber Monsignore Killermann, gerade kommen Sie zurück von einer abenteuerlichen Reise zu den Christen im indischen Imphal-Tal, dem Bundesstaat Manipur im äußersten Osten des Subkontinents an der Grenze zu Myanmar, der massive Ausschreitungen gegen Christen mit über 146 Toten erlebt hat. Mit Ihrer Erlaubnis darf ich erwähnen, dass Sie seit Jahren die Arbeit von Christian Solidarity International (CSI) unterstützen, und freue mich sehr über Ihren exklusiven Bericht, denn selbst Journalisten und Präsidenten großer Hilfswerke wurde der Zugang nach Manipur verwehrt. Was führte Sie zu dieser Reise nach Manipur, und waren Sie sich der Gefahr bewusst, die mit dieser Reise verbunden war?

Msgr. Killermann: Der Grund meiner Reise nach Manipur war die Bischofsweihe des neuen Erzbischofs von Imphal, Msgr. Dr. Linus Neli. Wir waren während unserer Studienzeit in Rom einmal Zimmernachbarn und sind seither miteinander befreundet. Imphal ist die Hauptstadt von Manipur und der einzige Bischofssitz in diesem indischen Bundesstaat.

Am Abend vor meiner Abreise, als alles schon organisiert und auch das Gepäck bereits zur Abreise bereitstand, wollte ich noch schnell im Internet nachschauen, ob irgendwo in Indien weiterhin Maskenpflicht besteht. Da las ich erst bei den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes von den Warnungen vor Besuchen in Manipur und den Gefahren, denen man derzeit dort ausgesetzt ist: kämpferische Auseinandersetzungen und mögliche Geiselnahme von Ausländern. Das hat mir schon ein wenig Angst gemacht. Vielleicht hätte ich meine Teilnahme an der Bischofsweihe gar nicht erst zugesagt, wenn ich mir von Anfang an dieser Gefahren bewusst gewesen wäre. Aber in solchen Situationen muss man dann halt Vertrauen in die göttliche Vorsehung haben.

Wie müssen wir uns das Imphal-Tal vorstellen? Ich hörte, dass Elefanten, Tiger und Riesenschlangen dort heimisch sind.

Msgr. Killermann: Das Imphal-Tal ist so breit, dass man fast von einer Tiefebene sprechen kann. Es hat eine ovale Form und ist dicht besiedelt. Manipur gilt landschaftlich als eine der schönsten Gegenden der Welt. Es gibt auch einen Nationalpark dort und viele wilde Tiere. Ich selbst war aber nur drei Tage im Land und hatte keine Zeit zu Besichtigungen. Tiere habe ich so gut wie keine gesehen, nur ein paar streunende Katzen und ab und zu eine „heilige“ Kuh auf der Straße.

Können Sie uns etwas zur Geschichte des Christentums im Imphal-Tal sagen? Welchen Konfessionen sind Sie dort begegnet?

Msgr. Killermann: Das Christentum im Imphal-Tal hat noch keine sehr lange Geschichte. Erst im 19. Jahrhundert brachten protestantische Missionare aus Amerika den Glauben nach Manipur. Heute besteht eine große Kluft zwischen Berg und Tal. Während bei den Bergvölkern inzwischen fast die ganze Bevölkerung christlich ist, gibt es im Imphal-Tal nur wenige Getaufte. Die Angehörigen des Meitei-Volkes, die dort die überwiegende Mehrheit bilden, sind beinahe alle Hindus. Das katholische Bistum Imphal wurde erst 1980 gegründet und 1995 zur Erzdiözese erhoben. Insgesamt sind ungefähr 40 % im Land Christen, davon etwa 10 % katholisch; die anderen sind protestantisch, anglikanisch, freikirchlich oder gehören Sekten an. In der Stadt Imphal selbst gibt es nur vier katholische Pfarreien.

Von der Gewalt in Manipur ist – neben den vielen Menschen – auch die Infrastruktur betroffen. Über 7.000 Häuser von Christen und 350 Kirchen wurden zerstört. War das freudige Ereignis der Bischofsweihe von den Gewaltausbrüchen und ihren Folgen beeinträchtigt worden?

Msgr. Killermann: Aus Sicherheitsgründen sind seit dem vergangenen Mai in der Stadt Imphal keine Festveranstaltungen erlaubt, nicht einmal Hochzeiten. Auch die Bischofsweihe konnte deshalb nicht in der Kathedrale dort stattfinden. Wir fuhren daher im Konvoi, voraus die Polizei mit Sirene und Blaulicht, etwa 70 km in den nahe zur Grenze nach Nagaland gelegenen christlichen Gebirgsort Senapati. Dort waren wir sicher, aber unterwegs gab es immer wieder Kontrollen.

Am Tag nach der Weihe konnten wir uns selbst ein Bild machen von den durch radikale Hindus erfolgten Zerstörungen. Wir besuchten in Imphal eine Pfarrkirche mit Pfarrzentrum, Schule und Wohnheim, die im letzten Frühjahr allesamt niedergebrannt worden waren, so wie auch viele Wohnhäuser von Christen in der Umgebung der Kirche. Wie wir dann abends hörten, waren nach unserem Besuch gleich wieder Extremisten zur Stelle, die beratschlagten, wie solche Besichtigungen in Zukunft unterbunden werden könnten.

Die Gewaltausbrüche führten zur Flucht von Tausenden Christen aus dem Volk der Kuki-Zo, die ihre Dörfer verließen und nun in Lagern leben. CSI bringt seit vergangenem Juli Nahrungsmittel zu den Flüchtlingen. Besuchten Sie eines dieser Lager?

Msgr. Killermann: Es gibt eine Menge von Lagern mit Flüchtlingen. Das Lager, das wir besuchten, war sauber und gut organisiert. Trotzdem leben die Menschen dort auf engstem Raum zusammen, meist nur durch Zeltwände ein wenig voneinander getrennt. Sie werden mit allem Lebensnotwendigen versorgt, haben aber kaum etwas zu tun. Uns gegenüber waren sie eher zurückhaltend und schüchtern. Ich glaube, sie sind froh, einigermaßen sicher zu sein. Aber einen glücklichen Eindruck machten sie auf mich verständlicherweise nicht.

Mit Entsetzen dokumentierten wir das Schicksal von christlichen Frauen, die von den Meitei nackt durch die Straßen getrieben und missbraucht wurden. Hatten Sie den Eindruck, dass die Sicherheitskräfte die Situation nun unter Kontrolle haben? Wie erlebten Sie gerade die Frauen und Kinder?

Msgr. Killermann: Ich hatte eher den Eindruck, dass die Sicherheitskräfte zwar offiziell ihre Pflicht tun, gegenüber Extremisten aber – vielleicht für die Regierung gar nicht so ungelegen – oft nachlässig sind.

Die größte Mädchenschule im Land wird von Salesianerinnen geleitet. Wir haben sie besucht und wurden sehr freundlich empfangen. Die wenigsten Schülerinnen dort sind Christen. Trotzdem waren Schule und Konvent schon einige Male Angriffen ausgesetzt. Noch konnten die Schwestern die Schäden aber jedes Mal wieder in Ordnung bringen lassen.

Haben Sie den Eindruck, dass man in Deutschland ausreichend über die schwierige Lage der Christen in Manipur unterrichtet ist?

Msgr. Killermann: Ehrlich gesagt hatte ich vor meiner Reise dorthin noch keine entsprechenden Nachrichten in Deutschland gehört. Im „missio magazin“ stand in der letzten Ausgabe allerdings ein sehr ausführlicher und informativer Bericht über die Lage in Manipur und jetzt erinnere ich mich, dass das „CSI aktuell“ im vergangenen September über Manipur berichtete. In den Nachrichten dagegen hört und liest man kaum etwas. Auch für die Politiker scheint das Thema nicht interessant zu sein. Umso wichtiger ist es, dass der Apostolische Nuntius in Indien, S. E. Erzbischof Leopoldo Girelli, als ausländischer Diplomat bei der Weihe des neuen Erzbischofs präsent war und die Zerstörungen mit eigenen Augen in Blick genommen hat.

Wie haben Sie die Christen im Imphal-Tal erlebt? Was erhoffen sie sich für die Zukunft?

Msgr. Killermann: Trotz aller Verfolgungen und Bedrängnisse: Die Kirche im Imphal-Tal blüht und blickt zuversichtlich in die Zukunft. Die Katholiken strahlen Freude aus, und ihre Zahl wächst beständig. Sie leiden unter der derzeitigen Situation. Aber immer wieder sprachen sie auch von den Hoffnungszeichen, die sie sehen, und vom guten Willen auch so vieler Hindus zu Frieden und Versöhnung. Ihr neuer Erzbischof scheint – wie ich ihren Äußerungen immer wieder entnehmen konnte – für sie der beste Mann zu sein, um sie in dieser schwierigen Situation zu unterstützen, und die geeignetste Hand, die zur Verständigung mit anderen Religionen ausgestreckt werden kann.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Spenden

Hilfe für notleidende Christen in Manipur:

50 kostet ein Nothilfepaket (Lebensmittel, Kleidung) für eine Familie für 1 Woche
100 kostet ein Nothilfepaket (Lebensmittel, Kleidung) für eine Familie für 2 Wochen
120 dienen zur juristischen Sicherung des Eigentums der Christen
individueller Betrag