Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit brodelt es

03. April 2017

Minderheiten haben es in Indien zunehmend schwer. Im Staat Chhattisgarh leiden besonders Christen. Die Behörden üben Druck aus, um sie zum Auswandern zu bewegen. Dieses System der Entwurzelung schwächt eine Bevölkerungsgruppe und macht sie angreifbar und schutzlos.



Auf der letzten Indien-Reise im Februar 2017 besuchten Projektleiterin Inés Wertgen und CSI-Mitarbeiterin Corinne Germann unter anderem einige Pastoren, die seit vielen Jahren durch Angriffe und Diskriminierung großem Druck ausgesetzt sind. Nach Einschätzung unserer lokalen Partner verzeichnet der Staat Chhattisgarh neben Kashmir die höchste Rate von Übergriffen auf Christen in Indien.

Angst ist ständig da

In einem abgelegenen Dorf besuchten wir Familie Digal*. Als wir mit dem Auto ankamen hieß es, schnell aussteigen und gleich ins Gebäude. Nur drei Wochen zuvor hatte ein Mob von über 350 Leuten das Haus des Pastors umzingelt, wo sie gerade einen Gottesdienst abhielten. Die aufgebrachte Menge schrie, schlug gegen das Gebäude und forderte den Pastor auf, hinauszukommen. Drei Frauen und die Gattin des Pastors kamen vor die Tür, um die Leute zu beruhigen. «Kaum waren wir draußen, rissen die Angreifer an unseren Haaren, zerrissen unsere Kleider und schlugen auf uns ein. Wir hatten panische Angst», so eine der Angegriffenen. Der Sohn des Pastors machte Fotos von dem Angriff. Auch er wurde von der Menge misshandelt.

Weiteren Kirchenmitgliedern gelang es, die Frauen und den Sohn zurück ins Gebäude zu ziehen. Inzwischen wurde die Polizei verständigt, die kurz darauf ankam. Doch anstatt die Angreifer in Gewahrsam zu nehmen, drängte die Polizei den Pastor, zu versichern, dass er keinen Gottesdienst mehr abhalten würde. So kehrte zunächst Ruhe ein.

«Wir bleiben hier»

Doch am Nachmittag tauchte ein noch größerer Mob auf, der das Haus des Pastors umzingelte und großen Schaden anrichtete. Morddrohungen wurden lauthals ausgesprochen. Die Polizei war schnell zur Stelle und nahm Pastor Digal und vier weitere Kirchenmitglieder mit auf das Polizeirevier. Sie pressten Pastor Digal eine schriftliche Erklärung ab, dass er in diesem Haus keine Gottesdienste mehr abhalten würde. Unter diesem immensen Druck unterzeichnete der Pastor die Erklärung.

In den letzten 13 Jahren hat Pastor Digals Kirche sieben gewalttätige Übergriffe erlebt. «Wir wurden schon oft bedroht und geschlagen. Die Anspannung ist omnipräsent. Aber wir haben eine tiefe Liebe für diese Menschen, wir werden hier bleiben. Wir wünschen, dass auch sie Gottes Liebe so erfahren können, wie wir es erfahren durften. Die juristische wie auch materielle Hilfe, die wir von dem Helferteam erfahren haben, war uns eine große Stütze, dass wir bleiben».

Wichtige Hilfe

Diese Helferteams existieren dank unserer Partner in Delhi, die in Chhattisgarh ein großes Netzwerk von Anwälten, Pastoren und Sozialhelfern aufgebaut haben. Dieses Netzwerk ermöglicht schnelle Hilfe vor Ort.

Ein trügerischer Segen

Die Regierung besitzt in Indien viel Grundeigentum, vielfach völlig abgelegen und seit Jahrzehnten brachliegend. Gerade arme Menschen nutzen dieses Land, um darauf ihre bescheidenen Behausungen zu bauen. Über Generationen hinweg wohnen Familien unbehelligt auf diesen Grundstücken. Auch viele Pastoren nutzen diese Möglichkeit, da Kirchen oftmals kein Geld haben, ein Stück Land zu kaufen.

Doch in den letzten Jahren nutzen die Behörden diese Graubereiche, um unliebsamen Personen Probleme zu machen. Auch Pastor Digal hat auf solch einem Stück Land sein Häuschen und seine bescheidene Kirche gebaut. Daher haben die Behörden das Recht, ihm die Feier von Gottesdiensten zu verbieten. Nun hofft Pastor Digal, dass seine Mutterkirche, die New India Church of God in Kerala, ihn finanziell unterstützt, um ein Stück Land zu kaufen und eine bescheidene Halle darauf zu bauen.

Seit 2005 angestiegen

Ein Mitarbeiter vor Ort erklärt uns, dass sich die Situation für Minderheiten und Stammesvölker verschlechtert hat, seitdem die Hindunationalistische Partei BJP im 2005 im Staat Chhattisgarh an der Macht ist. Sie möchten einen Staat ohne «ausländische Religionen». Alle Nichthindus werden vertrieben. Oft geschieht dies aber auf eine perfide Art, so dass die Öffentlichkeit nichts davon erfährt. Sie säen unter den Christen Zwietracht. Es gibt sogenannte «organisierte Kirchen», die vom Staat geschützt und motiviert werden, gegen die «nicht organisierten Kirchen» auszusagen.

Der Staat findet so immer Zeugen, die gegen die nicht organisierte Christen aussagen. 2007 fand zum Beispiel eine «Säuberungsaktion» im Norden von Chhattisgarh in 300 Dörfern statt. Über 60 000 Leute mussten fliehen. An neuen Orten erhalten sie keine Aufenthaltsgenehmigung. Sie können daher nicht legal arbeiten und erhalten keine medizinische Versorgung. Die Kinder können nicht zur Schule gehen. Mit dieser perfiden Taktik des Staates werden Minderheiten geschwächt. In dieser schutzlosen Lage werden sie oft Opfer von Diskriminierung, Ausbeutung und sogar Menschenhandel. Die Arbeit von CSI vor Ort trägt dazu bei, diesen bedrängten Minderheiten neue Perspektiven zu geben.

 

Inés Wertgen, Projektleiterin Indien

* Name geändert

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Projekt Indien